Nansook Hong – Ich schaue nicht zurück, Teil 4

Ich schaue nicht zurück – 14 Jahre Hölle: Ein Opfer der Mun-Sekte berichtet
Nansook Hong


Diese Aufnahme von Wahrer Mutter, Wahrem Vater und mir wurde sechs Monate vor meiner Flucht am 100. Tag nach Shin Hoons Geburt aufgenommen. Da Hyo Jin aufgrund seiner Alkohol- und Drogenexesse unpäßlich war, wurde auf die traditionelle Hunderttagefeier verzichtet.


9. Kapitel

Im Jahre 1994 war meine Hauptbeschäftigung, darauf zu warten, daß meine Kinder alt genug würden, daß ich meinen Mann verlassen konnte. Ich wußte, daß Sun Myung Mun eine Scheidung von Hyo Jin niemals erlauben würde, aber ich träumte davon, wenigstens von ihm getrennt leben zu können. Ich malte mir aus, eines Tages allein in einem kleinen Apartment zu wohnen, irgendwo weit weg von East Garden. Die Kinder würden mich mit meinen Enkeln besuchen kommen und ich würde endlich Frieden haben.

Das war ein klägliches Lebensziel für eine 28jährige Frau. Ich hatte am Barnard College gerade mein Vordiplom in Kunstgeschichte gemacht, schrieb aber die nächsten 15 Jahre meines Lebens einfach ab. Meine Liebe zur Kunst, meine vagen Vorstellungen von einem Job in einem Museum oder einer Galerie verblaßten, ebenso irreal wie die impressionistischen Gemälde, die ich besonders liebte.

Im März erfuhr ich, daß ich wieder schwanger war, aber diesmal mischte sich Furcht in die Freude, die ich sonst immer bei der Aussicht auf ein neues Baby empfunden hatte. Jede weitere Geburt würde meine Gefangenschaft nur verlängern.

Mir war ohnehin ein Rätsel, wie einer so lieblosen Beziehung so kostbares Leben entspringen konnte. Es waren meine Kinder, die mir ein Gefühl von Vollständigkeit vermittelten. Bei ihnen fühlte ich mich unbeschwert und sorglos. Die mit ihnen verbundene Routine verhalf meinem Leben zu einem gewissen Maß an Normalität. Ich fuhr sie wie alle anderen Mütter auf dem Land in einem Dodge-Minivan zum Musik- und Sprachunterricht, ich half ihnen bei den Hausaufgaben, ich kuschelte abends mit ihnen, um ihnen vorzulesen und mir ihre Alltagssorgen anzuhören.

Viel zu oft waren ihre Sorgen durch ihren Vater hervorgerufen. Nichts von dem, was in East Garden passierte, entging unserem Sohn und unseren Töchtern. Sie bemerkten Hyo Jins trunkene Wutanfälle genauso wie seine Kokainlethargie und seinen Jähzorn. Es kam oft genug vor, daß sie nachts vom Lärm einer Auseinandersetzung zwischen Hyo Jin und mir geweckt wurden. Sie verstanden nicht, warum ihr Vater den ganzen Tag über schlief. »Warum haben wir einen bösen Dad?« fragten die älteren. »Warum hast du ihn geheiratet?«

Ich war dankbar, daß Hyo Jin so oft weg war, daß er in den Manhattan Center Studios arbeitete und oft in unserer Suite im alten New Yorker Hotel übernachtete. Das verminderte die Anspannung in dem Haus, das wir mit Jin Jin und ihrer Familie teilten. Die Kinder und ich verlebten sogar einige glückliche, ja alberne Stunden miteinander. Zur Belustigung meiner in dieser Kunst weitaus geübteren Kinder brachte ich mir auf der Zufahrt einmal sogar selbst das Radfahren bei.

Das Manhattan Center, 1906 von Oscar Hammerstein als Manhattan Opera House errichtet, war zum Mittelpunkt von Hyo Jins Leben geworden. Die Vereinigungskirche hatte in den siebziger Jahren das Gebäude zusammen mit dem benachbarten New Yorker Hotel erworben. Das Manhattan Center war wenig mehr als ein Übungssaal gewesen, als Hyo Jin 1985 die Leitung des Aufnahmestudios übernommen hatte. Ich war zuerst überrascht gewesen, als Sun Myung Mun ein Unternehmen dieser Größenordnung einem Sohn anvertraut hatte, der weder die Ausbildung noch die Erfahrung besaß – ganz zu schweigen von der Disziplin – als Entscheidungsträger aufzutreten. Meine Verwunderung hätte ich mir sparen können, denn immer wenn die Vereinigungskirche irgendwo auf der Welt ein Unternehmen erwarb, diente dieses als Karrieresprungbrett für die Kinder Sun Myung Muns.

Mit 26 Jahren hatte Hyo Jin zum erstenmal in unserer Ehe, ja überhaupt zum erstenmal in seinem Leben, eine Arbeit. Er überwachte die Produktion von Videos für die Kirche und machte weitere Aufnahmen mit seiner Band aus Kirchenmitgliedern. Ich war kein Fan von Rockmusik, aber ich mußte feststellen, daß Hyo Jin ein talentierter Gitarrist mit einer schönen Stimme war. Er liebte seine Musik; sie war die einzige unverdorbene Freude in seinem Leben.

Seine Angestellten im Manhattan Center waren allesamt Mitglieder der Vereinigungskirche, obgleich die Manhattan Center Studios sich als unabhängige Firma ohne direkte Beziehung zur Kirche sehen. Seine Angestellten brachten Hyo Jin den Respekt und die Loyalität entgegen, die ihm als Sohn des Messias gebührten. Mit ihm zusammen verwandelten sie das Manhattan Center in ein modernes Multimediastudio mit professionell geführten Audio-, Video- und Grafikabteilungen. Hyo Jins hoher spiritueller Rang sorgte jedoch für ein angespanntes Arbeitsklima. Stellen Sie sich vor, Sie würden für jemanden arbeiten, dessen Entscheidungen Sie zu keiner Zeit in Frage stellen können und der jedes Zögern bei der Befolgung seiner Anweisungen als Verrat interpretiert. Katastrophen waren vorprogrammiert.

Das Geld strömte auf ebenso unorthodoxe wie informelle Art und Weise herein und auch wieder hinaus. Es gab Wochen, da wurden die Angestellten nicht bezahlt, weil Hyo Jin die Tausenden von Dollars im Safe für den Erwerb neuer Ausrüstung vorgesehen hatte. Die meisten Angestellten wohnten mietfrei gleich nebenan im New Yorker Hotel. Wenn die Haupteinnahmequellen – Studioaufnahmen und Veranstaltungen im großen Ballsaal – versiegten, zapfte Hyo Jin eine Kirchenorganisation wie CARP an, um die Stromrechnung zu bezahlen oder eine neue Videokamera anzuschaffen. Aus privaten »Schenkungen« an Hyo Jin wurden neue Ton- und Aufnahmestudios eingerichtet. Kirchengelder, die dem Manhattan Center über Wahre Mutter zuflossen, wurden unter dem Vermerk »TM« verbucht.

Das Manhattan Center wurde zu dem Treibstoff, der Hyo Jins moralischen Zusammenbruch vorantrieb. Das Center stellte eine nicht versiegende Geldquelle dar, aus der er seinen Kokainkonsum, sein wachsendes Waffenarsenal und seine nächtlichen Sauftouren finanzierte. Und das Manhattan Center versorgte Hyo Jin, der es haßte, allein zu trinken, mit einem Strom von Trinkkumpanen, die keine andere Wahl hatten, als sich den Wünschen des Wahren Kindes zu beugen.

Die meisten Mitglieder der Vereinigungskirche kommen der Wahren Familie nie näher als auf den Abstand zwischen der Bühne und ihrer Sitzreihe. Für die Angestellten des Manhattan Center war es eine große Ehre, direkt mit Hyo Jin Zusammenarbeiten zu dürfen. Allerdings wurde dies für sie sehr bald zu einer Quelle spiritueller Konflikte. So befahl er beispielsweise seinen engsten Mitarbeitern, ihn in koreanische Bars in Queens zu begleiten, wo er offen mit den Bedienungen schäkerte und sich sinnlos betrank. Er drängte andere, Kokain zu nehmen, Menschen, die sich eben deshalb von der Vereinigungskirche angezogen gefühlt hatten, weil diese eben jene Drogen verpönte, mit denen Hyo Jin seine Selbstzerstörung vorantrieb.

Und in dem Maße, in dem sein Kokainkonsum wuchs, stieg auch seine Aggressivität gegenüber seinen Mitarbeitern und seiner Familie. Seine verbalen Angriffe mir gegenüber hatten sich von obszönen Beleidigungen zu Androhungen körperlicher Gewalt gesteigert. Beispielsweise schloß er den Waffenschrank in unserem Schlafzimmer auf und strich zärtlich mit der Hand über eins der großkalibrigen Gewehre. »Weißt du eigentlich, was ich dir hiermit antun könnte?« fragte er dann. Unter dem Bett bewahrte er ein Maschinengewehr auf, ein Geschenk der Wahren Eltern. Im Manhattan Center bekamen jene, die sein Mißfallen erregten, plastische Schilderungen der Gewalt zu hören, die er ihnen antun würde, falls sie Hyo Jin Mun in den Rücken fielen. Als perfekter Jäger beschrieb er einmal seinen engsten Vertrauten, wie er liebend gern einen Angestellten häuten und ausnehmen würde, der das Manhattan Center kurz zuvor verlassen hatte.

Für jemanden außerhalb der Vereinigungskirche ist die Situation, in der sich Hyo Jins engste Mitarbeiter am Manhattan Center befanden, nur schwer zu verstehen. Auf der einen Seite war ihr Chef Lastern verfallen, die mit ihrem Glauben in Widerstreit standen, andererseits war er aber der Sohn des Messias. Vielleicht besaß er ja eine Art Spezialdispens, der es ihm gestattete, sich so zu benehmen. Maßten sie sich nicht ein ihnen gegenüber einem Wahren Kind nicht zustehendes Urteil an, wenn sie sich ihm bei seinen AusSchweifungen nicht anschlossen? Sollten sie dem Messias folgen – oder seinem Sohn? Dienten sie Hyo Jin Mun besser, wenn sie ihn deckten oder wenn sie ihn bloßstellten und damit möglicherweise einen Wandel erzwangen?

Aber auch wenn einer von ihnen ein so kritischer Denker gewesen wäre, Hyo Jins Benehmen in Frage zu stellen, was in Anbetracht der autoritären Natur der Kirche schon höchst unwahrscheinlich war, an wen hätte er sich wenden sollen? Man ruft nicht einfach so in East Garden an und verlangt, mit Sun Myung Mun zu sprechen. Und auch wenn ein Mitglied tatsächlich versucht hätte, einen Termin bei Mrs. Mun zu vereinbaren, mußte es damit rechnen, daß bald alle darüber Bescheid wußten. Hyo Jin wäre nicht erfreut gewesen zu erfahren, daß einer seiner Vertrauten die Wahren Eltern aufgesucht hatte, um diese davon in Kenntnis zu setzen, daß ihr Sohn ein alkohol- und drogenabhängiger Weiberheld war.

Im Gegenteil: Der innere Kreis war mit Hyo Jins Jähzorn so gut vertraut, daß er sich statt dessen alle Mühe gab, ihn möglichst bei guter Laune zu halten. Er terrorisierte seine Angestellten und erinnerte sie, wann immer sie sein Mißfallen erregt hatten, gerne daran, daß er ein »gemeiner Hundesohn« sei, wie er sich selbst manchmal charakterisierte.

Niemand wußte das besser als ich. Im September verprügelte Hyo Jin mich nach Strich und Faden, nachdem ich ihn und ein anderes Familienmitglied um 3.00 Uhr morgens in unserem Schlafzimmer beim Kokainschnupfen ertappt hatte. Ich hatte meinen Zorn nicht bremsen können. »Ist das das Leben, das du unserer Familie zugedacht hast?« wollte ich wissen. »Ist das der Vater, der du unseren Kindern sein willst?« Ich sagte ihm, daß ich nicht so weiterleben könne. Ich versuchte, das Kokain in der Toilette herunterzuspülen, wobei ich etwas von dem weißen Pulver auf dem Fußboden verschüttete. Er stieß mich zu Boden und ließ mich das Pulver wieder zusammenkehren. Er schlug mir mit der Faust ins Gesicht, woraufhin meine Nase anfing zu bluten. Er wischte mir mit der Hand das Blut vom Gesicht und leckte es dann ab. »Schmeckt gut«, lachte er. »Das macht Spaß.«

Ich war im siebten Monat schwanger. Während er auf mich einprügelte, versuchte ich, meinen Bauch mit den Händen zu schützen. »Ich werde dieses Baby töten«, brüllte Hyo Jin, und ich sah ihm an, daß er es ernst meinte.

Am nächsten Morgen brachten meine weinenden Kinder mir Eis für mein blaues Auge und umarmten mich, um mich zu trösten. Ich konnte nicht behaupten, daß Hyo Jin mich nicht gewarnt hätte. Wie oft hatte er mir gesagt, daß in ihm ein unerschöpflicher Quell der Gewalt schlummere?

»Wenn du mich zu weit treibst, werde ich die Kontrolle verlieren«, hatte er gesagt. Jetzt wußte ich, daß er nicht übertrieben hatte.

Hyo Jin verspürte keinerlei Gewissensbisse wegen der Schläge. Später erzählte er seinen Vertrauten vom Manhattan Center, daß er mich geschlagen habe, weil ich ihn »genervt« und an eine seiner früheren Lehrerinnen erinnert hätte, die immer versucht habe, ihn vor seinen Klassenkameraden zu demütigen. Ich sei eine frömmlerische Nörglerin und selbstgerechte Schlampe.

So stark seine Verachtung für mich auch sein mochte, reichte sie doch nicht annähernd an seinen Haß gegen seinen Vater heran. Er verabscheute und liebte Sun Myung Mun gleichermaßen. Er verhöhnte ihn vor mir und vor seinen Angestellten am Manhattan Center als senilen alten Irren, der endlich erkennen sollte, daß seine Zeit abgelaufen sei. Er entlarvte ihn als gleichgültigen Vater, der nie Zeit für seine Kinder hatte. Er gab seinem Vater die Schuld dafür, daß er als kleiner Junge von seinen Klassenkameraden als »Munie« verhöhnt worden war. Er verübelte ihm die Last, der Erbe der Vereinigungskirche zu sein, litt aber noch mehr unter seiner eigenen Unfähigkeit, den Erwartungen seines Vaters gerecht zu werden. Er bewahrte immer eine Waffe im Manhattan Center auf, dessen Sicherheitschef des öfteren Waffen für ihn besorgte. Wenn er high war, fuchtelte Hyo Jin damit herum und drohte, seinen Vater zu erschießen, falls Sun Myung Mun je versuchen sollte, ihn seine Autorität als Leiter des Centers zu beschneiden.

Und diese Autorität war absolut. Er ging mit dem Geld des Manhattan Centers um, als gehörte es ihm, und ließ seinen eigenen Gehaltsscheck auf ein Gemeinschaftskonto einzahlen, das er zusammen mit Rob Schwartz, seinem Finanzberater, unterhielt. Das Manhattan Center diente dazu, ihm seine sämtlichen Wünsche zu erfüllen. 1989 und 1992 wies er beispielsweise Schwartz an, mit Firmengeldern einen neuen Mercedes für Vater zu kaufen. Einmal erwarb er für die ganze Mun-Familie sogar ein 18 Fuß langes Fischerboot mit einem Transportanhänger. Was diese Wagen oder das Boot, die allesamt auf dem Anwesen in Irvington standen, mit dem Center zu tun haben sollten, blieb rätselhaft.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Hyo Jin Privateinkommen, Kirchengelder und Geschäftskonten durcheinanderwarf, hätte das Finanzamt verblüfft. 1994 wies er Rob Schwartz an, einer seiner jüngeren Schwestern 30 000 Dollar auszuzahlen. Es gab im Manhattan Center interne Debatten darüber, wie sich dieser Geldtransfer am besten tarnen ließe. Letztendlich wurden Ausgaben der Mister-und-Miss-University-Wahl, die im Manhattan Center stattfänden, aus den Büchern herausgehalten, und man übergab Hyo Jin für seine Schwester 30 000 Dollar in bar. Im Jahr davor reiste eine Gruppe von japanischen Kirchenmitgliedern durch die Vereinigten Staaten. Bei einem Besuch des Manhattan Centers überreichten sie Hyo Jin eine private »Spende« von 400 000 Dollar in bar. Einen Teil des Geldes behielt er, den Rest verwandte er für seine Lieblingsprojekte am Manhattan Center. Er ließ das Geld nicht über die Bücher laufen und zahlte auch nie einen Dollar an Steuern dafür.

Im Februar 1994 kam Hyo Jin mit einer Einkaufstüte von Bloomingdale’s ins Manhattan Center, die 600 000 Dollar Bargeld enthielt. Ich hatte ihm an diesem Tag in unserem Schlafzimmer geholfen, das Geld zu zählen. Er rief seine engsten Mitarbeiter in sein Büro und fragte die verblüfften Männer, ob sie je soviel Geld gesehen hätten. Was er ihnen verschwieg, war, daß er von der Million, die Vater ihm für die Finanzierung diverser Projekte des Manhattan Centers überlassen hatte, 400 000 Dollar für sich selbst abgezweigt hatte. Hyo Jin bewahrte das Geld in einem Schuhkarton in unserem Schlafzimmer auf. Im November hatte er alles ausgegeben, das meiste für Drogen.

Es ist anzunehmen, daß Sun Myung Mun bis zum November 1994 nicht geahnt hat, in welchem Maße Hyo Jin das Manhattan Center zu seiner privaten Geldkassette gemacht und die Familiensuite im 30. Stock des New Yorker Hotels in seine private Drogenhöhle verwandelt hatte. Er wußte es nicht, weil er es nicht wissen wollte. Reverend und Mrs. Mun hatten die Art ihrer elterlichen Beziehung zu Hyo Jin festgelegt, als er noch ein Junge gewesen war und man ihn aus der Schule geworfen hatte, weil er mit einem Gewehr auf Klassenkameraden geschossen hatte. Weder damals noch jemals danach hatten sie ihren Sohn gezwungen, die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Und so wuchs er in dem Glauben auf, daß er keinerlei Konsequenzen zu fürchten brauchte, was immer er auch tat – eine Einstellung, in der er von seinen Eltern und den Kirchenältesten noch bestärkt wurde.

In jenem Herbst beispielsweise sprach Hyo Jin als Gastredner in einer Vortragsreihe zum Thema »Entstehung des Glaubens« am Unification Theological Seminary (UTS) in Barrytown, New York, wo er als Teilzeitstudent immatrikuliert war. Ein Kommilitone stellte Hyo Jin eine völlig unverfängliche Frage zu seinen Bemerkungen, und Hyo Jin fühlte sich prompt beleidigt. Wortlos ging er zu dem Studenten hinüber und fing an, auf ihn einzuprügeln. Der Student blieb sitzen und wehrte sich nicht.

Nach diesem Zwischenfall bekam Hyo Jin zwei Briefe von Jennifer Tanabe, Dekan der Fakultät. Bei dem einen Schreiben handelte es sich nur um eine Abmahnung an Hyo Jin und den Studenten, den er angegriffen hatte, Jim Kovic; der zweite Brief war ein persönliches Schreiben, in dem Hyo Jin gebeten wurde, den offiziellen Brief nicht zu beachten. »Bitte verstehen Sie, daß es nicht etwa meine Absicht war, Sie mit diesem Schreiben zu beschuldigen, sondern Sie gegen mögliche Anschuldigungen zu schützen. Ich werde mich im Rahmen meiner Möglichkeiten für Sie einsetzen. Das ist mein Wille vor Gott«, schrieb sie und schloß mit einer Entschuldigung an den Mann, der in einem ihrer Vorlesungssäle einen Studenten grundlos verprügelt hatte. »Es tut mir leid, Sie an den unangenehmen Zwischenfall am UTS erinnert zu haben. Ich hoffe, daß Sie das UTS in Zukunft wieder als einen Ort ansehen können, der Ihnen Freude und Inspiration bringen kann.«

Im November gingen Hyo Jin jedoch langsam die Ausreden und die Fürsprecher aus. Der Monat begann mit der Geburt unseres zweiten Sohns und fünften Kindes Shin Hoon. Hyo Jin war in irgendeiner Bar, als die Wehen einsetzten, und so fuhr ich selbst ins Krankenhaus, mit dem Babysitter auf dem Beifahrersitz. Ich wollte, daß sie sich den Weg einprägte, damit sie meine anderen Kinder zu mir bringen konnte, wenn ihr Brüderchen erst auf der Welt war. Bevor wir losfuhren, brachte ich die Kinder zu Bett. Ich erklärte ihnen, daß ich ins Krankenhaus fahren müsse, um das Baby zu bekommen, und daß sie am nächsten Tag allein in die Schule gehen sollten, ohne irgend jemandem zu erzählen, wo ich war. Mein Bedürfnis nach Privatsphäre in der beengenden Welt der Mun-Familie hatte bei mir absoluten Vorrang. Ich rief meinen Bruder Jin in Massachusetts an, um ihn wissen zu lassen, daß ich unterwegs wäre ins Phelps Hospital. Auch bat ich ihn, unsere Eltern in Korea zu verständigen.

Es machte mir nichts aus, daß Hyo Jin nicht da war. Das war mein Baby, es gehörte nur mir und meinen Kindern. Er hatte mit uns als Familie nichts mehr zu schaffen. Wenn er die Gesellschaft irgendwelcher Bardamen vorzog, warum sollte er dann bei der Geburt meines Sohnes dabei sein? Um 4.00 Uhr wurde mir mitgeteilt, daß diesmal ein Kaiserschnitt gemacht werden müsse, und der Arzt bestand darauf, daß ich meinen Mann anrief. Er hatte bereits geschlafen. Jetzt glaubte er, ich sei in einem der Kinderzimmer und verlangte von mir, daß ich herüberkommen sollte, um ihn sexuell zu befriedigen. Er fiel aus allen Wolken, als er hörte, daß ich gleich in den OP gebracht werden würde.

Er sagte, er wäre zu müde, um sofort zu kommen. »In welchem Krankenhaus bist du überhaupt?« wollte er wissen. Es war unser fünftes Kind, und er wußte immer noch nicht, wo sie alle zur Welt gekommen waren. Ich war wütend und antwortete ihm nicht. Hyo Jin fing an zu schreien. Ich legte auf, rief aber später noch einmal an, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte. »Vergiß es«, sagte er kalt. »Ich werde nicht kommen. Du kannst das Baby zu mir bringen.«
Mein erster Blick auf »Hoonie« war tränenverschleiert. Eine Krankenschwester tupfte mir immer wieder die Augen trocken, als der Doktor den kräftigen Jungen von fast neun Pfund aus meinem Bauch holte. Er hatte einen vollen schwarzen Haarschopf. Die Nabelschnur hatte sich um einen Arm gewickelt, was eine natürliche Geburt riskant gemacht hätte. Er hatte die Augen halb geschlossen, schrie jedoch schon mit kräftiger Stimme.

Hyo Jin ließ sich zwei Tage nicht blicken. Sein Stolz und seine Gleichgültigkeit hielten ihn fern. Ich war ebenso stur wie Hyo Jin, rief aber dennoch an und bat ihn, sich seinen Sohn anzusehen. Er blieb nur ein paar Minuten bei mir und warf durch das Fenster der Säuglingsstation nur einen flüchtigen Blick auf Shin Hoon. Er bat nicht einmal darum, ihn halten zu dürfen. Am Abend brachte der Babysitter meine Kinder zu mir. Ich war so glücklich, sie zu sehen. Sie alle posierten zusammen mit ihrem neuen Brüderchen für Photos und bettelten, daß ich doch bald nach Hause kommen solle.

Ich ging am nächsten Tag heim, obwohl die Ärzte mich wegen des chirurgischen Eingriffs noch dabehalten wollten. Aber ich wollte nicht, daß irgend jemand aus der Mun-Familie erfuhr, daß ich per Kaiserschnitt entbunden worden war. Es war absolut ungewöhnlich, über Informationen zu verfügen, die den Muns vorenthalten blieben; ich wollte, daß die Operation mein Geheimnis blieb. Hyo Jin kam mit den Kindern und dem Babysitter in zwei Autos, um uns vom Krankenhaus abzuholen. Als es länger dauerte, den Babysitz im Wagen anzubringen, als seine Geduld vertrug, fuhr er mit Shin Gil vor und überließ es dem Babysitter, mich heimzufahren. Am Abend teilte Hyo Jin mir mit, daß er in die Stadt fahren wolle. Was ich erst später erfuhr, war, daß mein Mann ausgerechnet den Tag, an dem ich zusammen mit unserem Baby aus der Klinik heimkam, ausgesucht hatte, um ein Verhältnis zu einer Frau zu beginnen. Er schlief mit Annie, einer Angestellten des Manhattan Center, in unserem Bett in unserer Suite des ehemaligen New Yorker Hotels.

Ich kannte Annie von den Dutzenden von Briefen her, die sie Hyo Jin geschrieben hatte, seit sie ihn einige Jahre zuvor bei einer Kampfsportveranstaltung der Kirche in Colorado das erste Mal gesehen hatte. Ihre Briefe erinnerten mehr an Fanpost als an etwas anderes. Hyo Jin bekam oft solcherlei Briefe von jungen Kirchenmitgliedern, die zu ihm als dem Sohn des Messias aufblickten. Ich hatte Annies Verehrung Hyo Jins nie ernstgenommen. Sie selbst war Amerikanerin und mit einem koreanischen Mitglied verheiratet, von dem sie einen Sohn hatte. Annie war in diesem Jahr nach New York gekommen, um für Hyo Jin am Manhattan Center zu arbeiten, nachdem sie ihn angefleht hatte, sie und ihren Ehemann aus Japan zurückzuholen, wo sie im Auftrag der Kirche stationiert worden waren.

Hyo Jin sprach häufig von ihr, aber anfangs ahnte ich nichts von der wahren Natur ihrer Beziehung. Vielleicht wollte ich auch nicht wissen, was für alle anderen um sie herum immer offensichtlicher wurde. Ich machte mir weit mehr Sorgen wegen seiner wachsenden Kokainabhängigkeit. Die Zeit, die er nicht am Center verbrachte, schloß er sich in seinem Zimmer ein. Wie sich herausstellte, stand ich mit meiner Sorge nicht allein da.

Einundzwanzig Tage nach der Geburt eines Babys wird innerhalb der Vereinigungskirche gebetet, um Gott für die Gesundheit des Kindes zu danken. Ich hielt zusammen mit meinen Kindern eine formlose Zeremonie ab. Hyo Jin war die ganze Nacht auf einer Sauftour gewesen und noch nicht wieder zurück. Seine Schwester Un Jin schaute am Nachmittag vorbei, um das Baby zu sehen. Wir hatten uns in den letzten Jahre nicht sonderlich nahe gestanden, aber ich würde nie vergessen, wie lieb sie zu mir in meiner Anfangszeit in East Garden gewesen war.

Sie vertraute mir an, daß sie sich Sorgen um Hyo Jin mache. Er habe stark abgenommen. Er esse nichts mehr. Ob ich glaubte, daß sein Alkohol- und Drogenproblem schlimmer geworden wäre? Ob ich meinte, daß die Wahren Eltern ihn in eine Entzugsklinik schicken sollten? Ich erzählte ihr, was mir selbst an seinem selbstzerstörerischen Lebenswandel aufgefallen war, äußerte jedoch Skepsis, was seine Bereitschaft anbelangte, sich mit seinen Süchten auseinanderzusetzen.

Gleich am nächsten Tag gab Hyo Jin eine Thanksgiving-Party für die Angestellten im Manhattan Center und ließ dabei Wein ausschenken. Nur seine engsten Mitarbeiter wußten genau über Hyo Jins Alkohol- und Koksproblem Bescheid. Die restlichen Mitarbeiter waren schockiert von dem Alkoholausschank bei einer Kirchenveranstaltung. Als Reverend Mun hiervon erfuhr, rief er in Hyo Jins Abwesenheit die Angestellten des Manhattan Centers zu einer Besprechung zusammen. Zuerst erinnerte er sie daran, daß er Oberhaupt der Vereinigungskirche war; dann forderte er sie auf, Hyo Jin zu unterstützen, indem sie ihn von gefährlichen Situationen fernhielten.

Später rief ich Hyo Jins Assistentin Madelene Pretorius an, um zu hören, wie das Meeting gelaufen war. Wir kannten einander nur flüchtig und waren uns erst einmal begegnet, als sie die Kinder bei einer Schulaufführung gefilmt hatte. Sie berichtete mir, was Vater gesagt hatte, und gab zu, daß sie Reverend Mun und mir nicht die ganze Wahrheit gesagt hatten. Auf seine Frage, ob sie zusammen mit Hyo Jin rauchten oder tranken, hatte es keiner zugegeben. Tatsächlich aber, vertraute sie mir an, würden sie ständig in Bars oder unserer Suite im New Yorker zusammen mit ihm rauchen und trinken.

Ich war entsetzt. Was er sich selbst antat, war schlimm genug, aber andere Kirchenmitglieder mit in den Abgrund zu ziehen, das war unverzeihlich. Daß er darüber hinaus unsere Zimmer für seine Zwecke mißbrauchte, machte mich wütend. Das war der Anfang vom Ende unserer Ehe, auch wenn ich es damals noch nicht erkannte. Etwas in mir stand kurz vor dem Zerreißen. Ich hatte akzeptiert, daß es mein Schicksal, ja meine göttliche Mission war, ein unglückliches Dasein an der Seite dieses Unmenschen zu führen. Aber ich konnte nicht tolerieren, daß Mitglieder einer Kirche, an die ich immer noch glaubte, durch Hyo Jins Machtmißbrauch zur Sünde verleitet wurden.

Ich rief ihn im Manhattan Center an. Am Telefon war ich ihm gegenüber viel mutiger als wenn ich ihm gegenüber gestanden hätte, zumal er mich dann hätte schlagen können. Ich teilte Hyo Jin mit, daß er in meinen Augen nicht besser sei als ein Tier, und die Kinder und ich keinen Wert darauf legten, daß er heimkam.

Das war natürlich eine kurzsichtige Reaktion, denn selbstverständlich kam er doch nach Hause, und zwar schäumend vor Wut. In meinem Zorn hatte ich bereits seine Schränke ausgeräumt, seine Koffer gepackt, seine Pornovideos zerschnitten und seine ganze Habe in einem Zimmer am anderen Ende des Flurs untergebracht. Ich hörte die Haustür zuknallen. Er stürmte die Treppe herauf, packte mich beim Hemdkragen und schleifte mich in sein Zimmer. Dort stieß er mich grob auf einen Stuhl und schubste mich jedesmal zurück, wenn ich versuchte aufzustehen.

»Wie kannst du es wagen zu versuchen, mich vor meinen Leuten im MC bloßzustellen?« schrie er. »Wer bist du, daß du mir vorschreiben willst, was ich zu tun und zu lassen habe?« Er beugte sich über mich, ohrfeigte mich und schubste mich die ganze Zeit herum. Ich hatte keine Möglichkeit, ihm zu entkommen.

Das einzige, was mich rettete, war, daß er bereits zu spät zu einem Termin bei seinem Bewährungshelfer kam. Er war immer noch auf Bewährung wegen Fahrens unter Alkoholeinfluß. Er versuchte, den Termin telefonisch abzusagen und schützte einen Notfall in der Familie vor, aber sein Bewährungshelfer bestand darauf, daß er kam; Hyo Jin hatte schon zu viele Termine platzen lassen. »Wenn ich zurückkomme, will ich eine Familienkonferenz«, teilte er mir mit. »Du wirst den Kindern sagen, daß es falsch von dir war, mich zu kritisieren, daß es ihrem Dad freisteht, zu rauchen und zu trinken, soviel es ihm beliebt, und daß du eine schlechte Mutter bist. Hast du verstanden?« Ich bejahte. Ich hätte allem zugestimmt, damit er nur endlich ging.

Kaum war er gegangen, erhielt ich einen Anruf von Mrs. Muns Dienstmädchen. »Vater möchte Sie sofort sehen«, sagte sie. Ich erwartete, erneut gescholten zu werden, weil es mir nicht gelungen war, meinen Mann auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Ich hatte genug; es war höchste Zeit, daß ich handelte. Irgendwie hatte das zunehmende Maß an Tyrannei mir Kraft gegeben. Ich faßte zwar nicht bewußt die Entscheidung, mich nicht mehr prügeln zu lassen, aber an diesem Abend behauptete ich mich das erstemal überhaupt gegenüber den Muns.

»Vater will dich sprechen«, sagte Mrs. Mun, als ich ihre Suite betrat. »Könnte ich bitte mit Ihnen beiden sprechen?« fragte ich. »Ich muß Ihnen etwas sagen.«

Reverend und Mrs. Mun hörten schweigend zu, als ich ihnen die Szene beschrieb, die sich eben erst abgespielt hatte. »Nicht nur ich und die Leute im MC sind betroffen«, sagte ich. »Hyo Jin verlangt von mir, den Kindern zu erzählen, daß Alkohol und Drogen in Ordnung sind.« Das reichte aus, um eine Reaktion bei Vater hervorzurufen. »Nein. Nein«, sagte er, »du mußt den Kindern beibringen, was richtig ist und was falsch.« Ich blickte immer wieder auf die Uhr. Ich sagte den Wahren Eltern, daß ich zu Hause sein müsse, bevor Hyo Jin von seinem Termin bei seinem Bewährungshelfer zurückkehrte.

Reverend Mun schwieg einige Minuten. »Ich werde dich zum MC schicken, damit du ein Auge auf ihn hast. Du sollst sein Schatten sein. Ich übertrage dir die Verantwortung. Du wirst verhindern, daß er Geld für Drogen und Alkohol ausgibt.«

Ich war überrascht, aber ich wußte, daß er mir diese Aufgabe als seine Augen und Ohren im Manhattan Center nicht so sehr deshalb anvertraute, weil er von meiner Eignung überzeugt war, sondern weil er sich meiner Loyalität gewiß war. Die Angestellten des Manhattan Center waren Hyo Jin Treue schuldig; ich meinerseits leistete Wahren Vater Gefolgschaft. Kurzfristig betrachtet hatte er recht. Langfristig stellte sich heraus, daß meine Loyalität vor allem Gott, meinen Kindern und mir selbst galt.

Als ich zum Haupthaus zurückkehrte, war Hyo Jin noch nicht zurück. Ich rief unsere älteste Tochter in mein Zimmer. »Dad will eine Familienbesprechung«, eröffnete ich ihr. »Ich werde gezwungen sein, Dinge zu sagen, an die ich selbst nicht glaube, weil dein Dad sonst sehr böse wird.« Sie war entrüstet, daß ich überhaupt in Erwägung zog, einfach das zu sagen, was er verlangte. »Du bist keine schlechte Mom. Du bist eine gute Mom. Du kannst nicht sagen, daß das, was er tut, in Ordnung ist, wo du doch weißt, daß es nicht so ist.« Ich sah ihr an, daß sie enttäuscht war von meiner Bereitschaft, die Wahrheit zu kompromittieren. Ich schämte mich vor meiner 12jährigen Tochter, die in ihren jungen Jahren schon einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit hatte.

Ich war egoistisch. Ich wollte nur weitere Brutalitäten und weiteres Gebrüll vermeiden. Als er zurückkam und von mir verlangte, den Kindern zu sagen, daß ich ihrem Dad gegenüber unfair gewesen sei, gehorchte ich. Meiner Tochter schossen Tränen in die Augen, aber sie war nicht traurig, sie war zornig. »Das ist eine Lüge«, schrie sie ihren Vater an. »Mom ist gut. Sie ist immer bei uns. Du bist nie hier. Was weißt du schon?« Hyo Jin richtete seinen Zorn jetzt gegen sie und warf den amerikanischen Schulen vor, Kindern keinen Respekt mehr beizubringen.

Angesichts des Mutes meines kleinen Mädchens kam ich mir wie ein Feigling vor. Als Hyo Jin sich wieder beruhigt hatte, erzählte er ihr, daß er so viel weg gewesen sei, um seine Pflicht gegenüber der Kirche zu tun. Ich mußte an die Ironie denken, die hierin lag: Genau diese Ausrede hatte er bei seinem eigenen Vater so sehr gehaßt.

Ich war überrascht, daß Hyo Jin trotz anfänglicher wütender Proteste meine neue Position am Manhattan Center akzeptierte. Er ahnte nicht, warum Vater mich dort untergebracht hatte, und da er mich so wenig respektierte, betrachtete er meine Anwesenheit vermutlich nicht als Bedrohung. Er sollte bald eines Besseren belehrt werden. Eine meiner ersten Amtshandlungen bestand darin, ein Meeting zwischen Hyo Jins engsten Vertrauten und Sun Myung Mun in East Garden zu arrangieren. Reverend Mun machte ihnen unmißverständlich klar, daß sie weder mit Hyo Jin trinken noch mit ihm zusammen Drogen konsumieren dürften. Sie sollten Vater Treue schwören und am Manhattan Center meinen Anweisungen Folge leisten – und nicht Hyo Jins.

Trotz meiner Wut auf Hyo Jin trafen mich seine Vorwürfe, daß nur mein mangelndes Verständnis und meine mangelnde Unterstützung als seine Ehefrau ihn zum Trinken und zum Drogenkonsum getrieben hätten, immer noch. Falls ich tatsächlich irgendwie dafür verantwortlich war, mußte ich noch einmal von ganzem Herzen versuchen, es wiedergutzumachen, wenn nicht für uns, so doch zumindest für Gott. Im Dezember verbrachte ich meine gesamte Freizeit mit Hyo Jin. Ich begleitete ihn überall hin, saß sogar zu Hause bei ihm, während er Kokain schnupfte.

Die Drogen lösten seine Zunge, und ich hörte mir stundenlang seine Ausführungen über Gott, Satan und Sun Myung Mun an. Je mehr ich hörte, desto überzeugter war ich, daß Hyo Jin kein normales Empfinden für richtig und falsch hatte. Es war traurig mitanzuhören, wie er jämmerliche Ausreden anführte, um seine Moral den jeweiligen Umständen anzupassen.

In seinen Monologen im Drogenrausch porträtierte er sich unweigerlich als Opfer elterlicher Vernachlässigung, ehelicher Kritik und unrealistischer Erwartungen seitens der Kirche. Ich wartete auf das geringste Anzeichen dafür, daß mein Mann auch nur ansatzweise in der Lage war, ein Mindestmaß an Verantwortung zu übernehmen für die falschen Entscheidungen, die er im Leben getroffen hatte und immer noch traf.

Ich hörte nichts dergleichen. An allen Problemen Hyo Jins waren andere Schuld. Wie sollte er bei dieser Einstellung Gott dienen können? Wie sollte er unseren Kindern je ein guter Vater sein?

Am Manhattan Center machte ich mich daran, Ordnung in die finanziellen und spirituellen Angelegenheiten zu bringen. Ich wies Hyo Jins Assistentin, Madelene Pretorius, an, keine »Taschengeldzahlungen« von einigen hundert Dollar mehr an Hyo Jin vorzunehmen. Mitarbeiter, die für wenig Arbeit völlig überzogene Gehälter einstrichen, wurden neue Aufgaben zugeteilt. Sämtliche wichtigen Entscheidungen mußten künftig von mir abgesegnet werden.

Aber ich hatte am Manhattan Center noch eine andere Mission zu erfüllen. Ich war fest entschlossen herauszufinden, ob Hyo Jin und Annie eine Affäre hatten. Madelene hegte den Verdacht, daß dem so war. Sogar mein Schwager Jin Sung Pak hatte angedeutet, daß zwischen den beiden etwas lief. Ich fragte Hyo Jin mehrfach rundheraus, woraufhin er jedesmal leugnete, was mich jedoch nicht überzeugte. Nachdem ich angefangen hatte, am Manhattan Center zu arbeiten, begann er, mich mit ihrer rätselhaften Beziehung zu provozieren. »Warum machst du dir solche Sorgen wegen Annie?« fragte er, als wolle er mich ködern.

Ende Dezember beschloß ich, so lange darauf herumzureiten, bis er gestand. Es erforderte stundenlanges Taktieren und sachtes Drängen, endlich die Wahrheit aus ihm herauszukitzeln. »Nein, ich habe sie nicht angerührt«, beharrte er zuerst. »Na ja, vielleicht habe ich sie mal geküßt«, gab er später zu. »Vielleicht hatten wir auch Oralsex.« Sein Herunterspielen der Tatsachen klang gepreßter, je mehr er zugab. »Ich bin in sie eingedrungen, aber ich bin nicht gekommen, also zählt das nicht«, behauptete er, bevor er schließlich zugab: »Ja, ich habe ejakuliert, aber das zählt nicht, weil sie die Pille nimmt.« Ich fragte mich, ob er auch nur im Entferntesten ahnte, wie jämmerlich er klang.

Ich war sehr ruhig, als er mir seinen Verrat an unserer Familie gestand. Im Grunde meines Herzens hatte ich es die ganze Zeit gewußt; sein Geständnis war nur die Bestätigung eines langgehegten Verdachts. Er fing an zu weinen und flehte mich um Vergebung an. Ich sagte, ich würde versuchen, ihm zu verzeihen, jedoch erst wieder mit ihm schlafen, wenn er für seine Sünde gebüßt hatte. »Warum Annie?« fragte ich impulsiv. Er explodierte. »Weil sie schön ist«, schrie er. »Und sie ist nicht die einzige. Alle Frauen in der Kirche wollen mich. Ich ficke die hübschesten Mädchen unter ihnen. Ich werde es dir zeigen.« Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Das war der Mann, der behauptete, der Sohn des Messias zu sein, ein Mann, der vor ein paar Jahren bei einem Kirchengottesdienst das Wort ergriffen hatte und von der Heiligkeit der Segnung gepredigt hatte.

»Wie willst du mit dem Messias kommunizieren, wenn du dich in der Sinnlichkeit der gefallenen Welt suhlst? Das kannst du nicht. Darum nimmt das Opfer ja auch einen so großen Stellenwert ein«, sagte er einmal bei einer sonntäglichen Zusammenkunft in Belvedere. »Wenn Vater euch befehlen würde, diesen Raum zu verlassen und euch in Bars zu betrinken, um anschließend auf die Straße zu gehen und euch unter Prostituierte zu mischen, wärt ihr dann stark genug, wäre eure Liebe zu Vater groß genug, um der Versuchung zu widerstehen? Wärt ihr in der Lage, eure Reinheit und Integrität zu bewahren? Wärt ihr hierzu wirklich fähig? In einer solchen Umgebung zu leben, um die Menschen zu bekehren, ist ein guter Grund. Aber kennt ihr Vater gut genug, um der Versuchung zu widerstehen, eine Frau anzufassen, schöne Frauen anzusehen oder in eurer Fähigkeit beeinträchtigt zu werden, vernünftige Entscheidungen zu treffen? Könnt ihr unter solchen Umständen noch an eurer Loyalität Vater gegenüber festhalten? Seid ihr stark genug, ungeachtet der Umstände zu Vater zu stehen?«

Jetzt wußte ich, daß Hyo Jin Mun diese Fragen nicht an die Kirchenmitglieder gerichtet hatte, sondern an sich selbst, und leider lautete die Antwort auf jede einzelne dieser Fragen »nein«. Wie bei allen Verfehlungen, die sein Leben kennzeichneten, weigerte Hyo Jin sich auch hier, die Verantwortung für seinen Ehebruch zu tragen, die schlimmste Sünde innerhalb der Vereinigungskirche. Er erzählte mir, daß die von der Kirche gepredigte sexuelle Enthaltsamkeit für ihn nicht gelte, eine These, die er zuvor bereits Annie und seinen engsten Vertrauten gegenüber aufgestellt hatte. Vater war untreu gewesen, und als Sohn des Messias stünde auch ihm dieses Recht zu. Seine sexuellen Liaisons seien »schicksalhaft« oder von Gott befohlen.

»Ich habe Hyo Jin vertraut, als er sagte, ›Ich weiß, was mir gestattet ist‹ Er hat nie auch nur angedeutet, daß ich mit ihm abfallen würde«, schrieb Annie mir später. »Madelene hat mir erzählt, daß Vater eine außereheliche Beziehung hatte, aus der ein Sohn hervorgegangen ist. Hyo Jin und Jin Sung Nim haben mir dies später bestätigt. Wir diskutierten darüber, ob es stimmen konnte und was es bedeuten mochte. Ich habe nie Vaters Reinheit oder sein Handeln in Frage gestellt. Aber mir ging auf, daß es innerhalb der Wahren Familie viel Schicksalhaftes geben mußte, das ich weder verstehen noch beurteilen konnte.«

Ich ging nach Hyo Jins Beichte direkt zu Mrs. Mun. Sie reagierte gleichzeitig wütend und weinerlich. Sie habe gehofft, daß dieser Schmerz mit ihr enden würde, daß er nicht an die nächste Generation weitergegeben werden würde, sagte sie mir. Niemand kenne den Schmerz, den die Untreue eines Ehemannes verursache, besser als Wahre Mutter, versicherte sie mir. Ich war völlig verdattert. Wir hatten alle jahrelang Gerüchte gehört über Sun Myung Muns Affären und die hieraus hervorgegangenen unehelichen Kinder, aber nun wurde mir das, was bisher nur Gerede gewesen war, von Wahre Mutter bestätigt.

Ich sagte ihr, Hyo Jin hätte behauptet, seine Affäre sei »vom Schicksal bestimmt« und von Gott inspiriert so wie jene seines Vaters. »Nein. Vater ist der Messias, nicht Hyo Jin. Was Vater getan hat, gehörte zu Gottes Plan.« Seine Untreue war Teil ihrer Prüfung, gehörte zu dem Leid, das sie erdulden mußte, um Wahre Mutter zu werden. »Für Hyo Jins Untreue gibt es hingegen keinerlei Ausrede«, sagte sie.

Mrs. Mun berichtete Vater von Hyo Jins Äußerungen, und Reverend Mun rief mich in sein Zimmer. Was in der Vergangenheit geschehen sei, wäre »vom Schicksal bestimmt« gewesen, erklärte mir auch Vater. Es habe jedoch nicht das geringste mit Hyo Jin zu tun. Es machte mich verlegen, dieses Geständnis aus seinem Mund zu hören. Außerdem war ich verwirrt. Wenn Hak Ja Han Mun die Wahre Mutter war, wenn er die vollkommene irdische Partnerin gefunden hatte, wie konnte er dann seine Untreue theologisch rechtfertigen?

Natürlich fragte ich ihn das nicht, aber ich verließ den Raum mit einem neuen Verständnis der Beziehung zwischen Reverend und Mrs. Mun. Es war kein Wunder, daß sie solchen Einfluß hatte; er stand in ihrer Schuld, weil sie ihn all die Jahre gedeckt hatte. Sie hatte sich mit seiner Untreue und den Betrügereien abgefunden. Vielleicht genügten ihr das Geld, die Weltreisen und die Anbetung der Massen als Ausgleich.

Mir würden sie nicht genügen. Das erste und vielleicht einzige Mal in seinem Leben sollte Hyo Jin Mun am eigenen Leib erfahren, daß jede Handlung eine Reaktion nach sich zieht, daß man für jedes Fehl verhalten mit Konsequenzen rechnen mußte. Reverend und Mrs. Mun erlaubten mir, Annie wegzuschicken. Aber erst gab ich ihr die Gelegenheit, mir die Wahrheit zu sagen. Ich wollte, daß sie gestand, was sie mir, ihrem Mann und Gott angetan hatte. Sie schwor beim Namen der Wahren Eltern, daß sie und Hyo Jin nichts Falsches getan hätten.

Nachdem ich sie aus dem Manhattan Center entfernt hatte, schrieb sie mir vom Zuhause ihrer Eltern in Maine aus. Ihr Mann war zusammen mit ihrem gemeinsamen Sohn nach Japan zurückgekehrt. Er wollte die Scheidung. »Jetzt erst kann ich Ihren Schmerz, Ihre Qualen und Ihre Tränen nachempfinden …« schrieb sie, plötzlich kleinlaut und um Verzeihung bettelnd. Sie schrieb mir noch mehrere Briefe, in denen sie den Sex mit meinem Ehemann detaillierter beschrieb als nötig gewesen wäre, und übernahm darin die Verantwortung für das, was sie getan hatte.

Im Kalender der Vereinigungskirche ist das Epiphaniasfest, d. i. das Fest der »Erscheinung des Herrn« oder Dreikönigsfest am 6. Januar, nicht eingetragen, aber Anfang 1995 erlebte ich meine eigene Epiphanie. Die Saat meiner Emanzipation war im letzten Herbst gesät worden, als Hyo Jin seine Affäre angefangen und seinen Drogenkonsum vor Kirchenmitgliedern ausgelebt hatte. An einem kalten Tag Mitte Januar erlebte ich dann einen dieser Augenblicke der Erleuchtung, von denen ich bislang immer nur gelesen hatte. 252

Hyo Jin zog sich gerade für einen Abend in der Stadt um. Die Ereignisse der vergangenen Monate hatten seine Gewohnheiten überhaupt nicht geändert. Von einem Sessel im Elternschlafzimmer aus beobachtete ich, wie er sich in dem großen Spiegel musterte. Er war schon immer sehr eitel gewesen. Aber als er sein Hemd in die Hose stopfte und an seinem Haar herumzupfte, fühlte ich eine Distanziertheit, wie ich sie in meiner Ehe noch nie empfunden hatte. Sogar meine Abscheu war verflogen.

Ich hörte keine Stimme von oben, wurde nicht von einem gleißenden Licht geblendet. Ich war nur plötzlich von der Gewißheit erfüllt, daß Gott nicht länger von mir erwartete zu bleiben. Mein Ehemann würde sich niemals ändern. Gott selbst hatte Hyo Jin aufgegeben. Es stand mir frei zu gehen. Ein nie gekanntes Glücksgefühl stieg in mir auf. Für Hyo Jin empfand ich nur Mitleid. Er war eine verlorene Seele ohne Gespür für richtig und falsch und ohne wahres Verständnis von Gott.

Für eine geschlagene Frau ist es ein langer Weg vom Entschluß bis zur Umsetzung in die Tat, ein Weg, den nur wenige von uns ohne Unterstützung bewältigen können. Ich hatte das Glück, nicht auf mich allein gestellt zu sein. Madelene Pretorius und ich kannten uns wie gesagt kaum. Sie hatte drei Jahre für Hyo Jin gearbeitet. Auf den ersten Blick schien es unwahrscheinlich, daß ich sie zur Verbündeten würde gewinnen können. In jenem Winter bekam sie jedoch mit, wie Hyo Jin im Büro ständig über mich herzog, und abends hörte sie dann mir zu, wie ich mich am Telefon über ihn beklagte. Sie war hin und her gerissen zwischen ihrer Loyalität: war Hyo Jin eher der göttliche Sohn des Messias oder der sehr menschliche, ungehobelte Mann, den wir beide kannten. Hatte er ihr nicht einmal in einer Bar einen Aschenbecher an den Kopf geworfen? Hatte er nicht bei einer anderen Gelegenheit eine Flasche Wasser nach ihr geschmissen, die dann an der Wand über ihrem Stuhl zersplittert war, so daß Scherben und Wasser auf sie herabgeregnet waren?

Sie war der erste Mensch außerhalb meiner Familie, mit dem ich je über meine Gefühle hatte sprechen können. Und sogar meiner Familie gegenüber erzählte ich nicht alles aus meinem Leben. Ich wollte sie nicht verletzen, indem ich ihnen das ganze Ausmaß des Elends darlegte, das meine Kinder und ich erlebten. Madelene hörte mir mit einer Geduld und einem Mitgefühl zu, wie ich sie bisher noch nie erfahren hatte. Ich hatte nie eine richtige Freundin gehabt. Ich will gar nicht behaupten, daß ich ihr in jenen Anfangsmonaten eine Freundin war. Aber sie war mir eine. Es sollte noch lange dauern, bis ich authörte, mich wie ein Mitglied der Wahren Familie zu benehmen und sie das unterwürfige Verhalten eines einfachen Mitgliedes der Vereinigungskirche ablegte. Aber schon am Anfang sah ich einen Anflug dessen, was eine aufrichtige Beziehung zwischen Gleichberechtigten sein konnte.

Madelene machte damals ebenfalls eine private Krise durch. Sie war von der Kirche mit einem Australier vereint und verheiratet worden. Sie mochte ihn, wollte ihn jedoch nicht begleiten, als er beschloß, in seine Heimat zurückzukehren. Sie wußte nicht, was sie tun sollte. Scheidung ist eine Erfindung der Menschen; eine Segnung hat bis in alle Ewigkeit Gültigkeit. Anhänger der Vereinigungslehre glauben, daß man auch nach dem Tod noch verheiratet bleibt. Es war aufschlußreich, daß Hyo Jin ihr zur Scheidung riet; sein Eigeninteresse, sie als Mitarbeiterin am Manhattan Center zu halten, war stärker als sein Respekt vor einem der Stützpfeiler seines Glaubens.

254

Ich wünschte, ich könnte von mir behaupten, ihr durch diese schwere Zeit hindurchgeholfen zu haben, aber ich war zu sehr mit meinen eigenen Problemen beschäftigt, zu unerfahren in Sachen Freundschaft, um die Gegenseitigkeit einer solchen Beziehung zu begreifen. Madelenes Selbstlosigkeit läßt sich daran bemessen, daß sie bereit war, mir beizustehen, ohne dafür irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Sie reiste für einen Monat in ihr Heimatland Südafrika, um einige Entscheidungen ihr eigenes Leben betreffend zu fällen. Als sie Ende Februar zurückkehrte, teilte sie mir mit, daß sie die Scheidung einreichen würde, und ich eröffnete ihr, daß ich den Entschluß gefaßt hatte, Hyo Jin zu verlassen.

Nachdem ich mich erst einmal entschieden hatte, wußte ich, daß es nur noch eine Frage der Zeit war. Aber ich war trotzdem überrascht, als ich es mich aussprechen hörte. Madelene und ich unterhielten uns in der Waschküche im Keller des Haupthauses in East Garden, damit Hyo Jin uns nicht zusammen sah. Er war so besitzergreifend und eifersüchtig, daß er jedesmal explodierte, wenn er glaubte, ich würde mich jemandem außerhalb der Wahren Familie anschließen.

Während unseres Gesprächs brach ich in Tränen aus. Ich sagte ihr, daß ich hoffte, wir könnten in Kontakt bleiben, nachdem ich East Garden verlassen hätte, obwohl ich wußte, daß es für sie nicht ganz einfach sein würde. Madelene war traurig, aber nicht überrascht, als sie von meinem Entschluß hörte. Sie sagte mir, daß ein Teil von ihr es Hyo Jin sagen wollte, um zu versuchen, ihn wachzurütteln, damit er sah, was er zu verlieren drohte. Aber sie würde nichts dergleichen tun, beruhigte sie mich sofort, weil es ihn nur dazu treiben würde, mich erneut zu schlagen oder mir wieder einmal falsche Versprechungen zu machen. Wir wußten beide, daß meine Ehe nicht mehr zu retten war. Ich hatte mich zu oft dazu hinreißen lassen zu glauben, daß Gott Hyo Jins Herz rühren oder Sun Myung Mun ein Machtwort sprechen würde. Es sollte nicht sein. Es war vorbei.

In jenem Frühling verschlimmerte Hyo Jins Benehmen sich noch. Vater hatte ihm für zwei Jahre Hausverbot im Manhattan Center erteilt, solange, bis er sein Suchtproblem in den Griff bekommen hätte. Hyo Jin rief im Manhattan Center an und drohte, die gesamte Studioausrüstung zu zertrümmern. Selbstverständlich bezog er weiter sein Gehalt. Die Muns bezeichneten es als »Lohnfortzahlung im Krankheitsfall«, obgleich die Firma keine entsprechende Versicherung für ihre Angestellten abgeschlossen hatte. Hyo Jin seinerseits unternahm nicht das Geringste in Bezug auf sein Drogenproblem. Er weigerte sich, einen Entzug zu machen, und weigerte sich, einen Therapeuten aufzusuchen. Tatsächlich schloß er sich nur noch länger in seinem Zimmer ein, um Kokain zu schnupfen und zu trinken. Er befahl Shin Gil, ihm Bier aus dem Kühlschrank zu holen, und schloß sich dann in seinem Zimmer ein. Ich wußte, daß ich schon allein meinen Kindern zuliebe nicht mehr lange in diesem Umfeld bleiben konnte.

Als die Wahren Eltern mir schließlich eröffneten, Hyo Jin sei ihrer Meinung nach soweit, ans Manhattan Center zurückzukehren, war das der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Er langweile sich in East Garden und brauche eine sinnvolle Beschäftigung. Hyo Jin erzählte mir, daß seine erste Amtshandlung darin bestehen würde, aus einem Barmädchen, das in einem koreanischen Club in Queens auftrat, einen internationalen Gesangstar zu machen. Ich wußte, daß die Muns einen schweren Fehler machten, daß Hyo Jin in schlechterer Verfassung denn je war und eine Rückkehr ans Manhattan Center ihm nur noch mehr Gelegenheiten geben würde, zu trinken und Kokain zu schnupfen. Außerdem hegte ich meinen ganz eigenen Verdacht bezüglich seiner wahren Absichten gegenüber dem koreanischen Barmädchen. Ich wußte, daß die Muns nicht auf mich hören würden, im April schenkten sie jedoch besorgten Kirchenmitgliedern Gehör, die schriftlich gegen Hyo Jins Wiedereinsetzung in seine alte Position protestierten.

Verehrte Wahre Eltern,

im Namen der gesamten Belegschaft des Manhattan Center treten wir, die Abteilungsleiter und Vorstandsmitglieder an Sie heran, mit schwerem Herzen wegen unserer Unfähigkeit, ein Umfeld zu schaffen, das Hyo Jin Nim hätte unterstützen, schützen und helfen können, seine historische Verantwortung zu übernehmen.

Wir möchten in dieser kritischen Zeit unsere Loyalität und Treue gegenüber den Wahren Eltern zum Ausdruck bringen sowie Ihnen folgende wichtige Punkte darlegen:

1. Unser vorrangigster Wunsch ist es, dafür zu sorgen, daß das Manhattan Center ein Ort bleibt, der Gott, den Wahren Eltern und der weltweiten Vereinigungsbewegung offensteht.
2. In diesem Sinne geloben wir, der Tradition der Wahren Eltern zu folgen und diesen Status zu wahren und zu fördern als jene Kraft, die das Leben aller Mitglieder der Mission am Manhattan Center prägt. Wir sind uns darüber im klaren, daß nur durch die Verknüpfung des MC mit den göttlichen Visionen der Wahren Eltern unsere Bestrebungen überhaupt einen Sinn haben.
3. Auf dieser Basis möchten wir unsere Liebe für Hyo Jin Nim zum Ausdruck bringen sowie unseren Wunsch, ihn zu unterstützen und ihm zu helfen, seiner Position und seiner Verantwortung gerecht zu werden.
4. Darum möchten wir aus dieser Liebe heraus keinesfalls, daß das MC zu einem Ort wird, an dem Hyo Jin Nim seine Probleme noch verschlimmern kann. Wir möchten ganz sicher gehen, daß er davor bewahrt bleibt, das MC in irgendeiner Weise zu benutzen, die ihm und dem spirituellen Leben von Kirchenmitgliedern, der wachsenden wirtschaftlichen Grundlage oder dem Ansehen und Fundament der Kirche Schaden zufügen könnte.
5. Darum möchten wir unsere Wahren Eltern bei jeder Entscheidung unterstützen, die sie bezüglich Hyo Jin Nims zu treffen gedenken. Aber wir als leitende Angestellte des Manhattan Center möchten ergebenst darum bitten, Hyo Jin Nim nicht in seine frühere verantwortungsvolle Position wiedereinzusetzen, bevor er sein Drogen- und Alkoholproblem vollständig überwunden hat und in der Lage ist, Gottes Standarte am Manhattan Center und innerhalb der Bewegung hochzuhalten.
6. Wahre Eltern, wir formulieren diese Bitte voller Trauer über die Ihnen auferlegte Bürde. Aber wir sind einstimmig der Meinung, daß solche Maßnahmen unabdingbar sind zum Wohle Hyo Jin Nims und für die Ausweitung der weltweiten Lehre der Wahren Eltern.
7. Zum Abschluß möchten wir noch unsere tiefempfundene Dankbarkeit aussprechen für Nansook Nims Einsatz und loyale Führung als perfektes Verbindungsglied zwischen dem Manhattan Center und den Wahren Eltern. Sie hat sich unermüdlich dafür eingesetzt, Gottes Liebe und die Standarte der Wahren Eltern im MC hochzuhalten.

Das Schreiben brachte Hyo Jin zur Weißglut, was Ärger für mich bedeutete. Hyo Jin gab mir die Schuld für den Verlust seiner Position. Er schleifte mich in sein Zimmer. Er nahm einen meiner Lippenstifte und schrieb mir damit »stupid« (blöd) quer über das ganze Gesicht. Ein anderes Mal warf er mit einem Fläschchen Vitaminpillen nach mir und traf mich am Kopf. Genau wissend, wie leicht ich in der Zeit nach einer Geburt fror, zwang er mich, nackt am Fußende seines Bettes zu stehen und verhöhnte mich dabei. Ich flehte ihn an, mich nicht mehr zu schlagen. Er stellte mich vor die Wahl, entweder verprügelt oder angespuckt zu werden. Ich glaube, daß es ihm noch mehr Spaß machte, mich zu demütigen, indem er mich anspuckte, als mich zu schlagen.

Reverend und Mrs. Mun hatten angedeutet, daß es unserer Ehe vielleicht gut tun würde, wenn wir außerhalb des Anwesens wohnten. Hyo Jins einzige Reaktion hierauf war die Bemerkung, daß die einzige Arbeit, für die ich außerhalb von East Garden geeignet sei, die Prostitution sei. Ich wußte, daß ich nicht länger mit diesem Mann Zusammenleben konnte, egal wo und unter welchen Umständen. Im Juni fing ich an, heimlich zu packen.

Mein Bruder rief an und erzählte, daß gleich gegenüber von seinem Haus in Massachusetts ein Haus zum Verkauf stünde. Wenn es mir ernst war mit meiner Flucht, würde ich nicht allein sein. Dann hätte ich Verwandte ganz in der Nähe. Ich hob das Geld ab, das ich während meiner Zeit am Manhattan Center für die Ausbildung der Kinder angespart hatte.

Jin und seine Frau hatten bereits hinter sich, was jetzt vor mir lag. Zwei Jahre zuvor hatte Je Jin den endgültigen Bruch mit der Vereinigungskirche und ihren Eltern vollzogen. Sie kam nach East Garden, um ihre Eltern mit ihren Vorwürfen gegen die Familie zu konfrontieren, und nach einer häßlichen Szene mit ihrer Mutter verließ sie das Anwesen und kehrte nie wieder zurück. In der Vereinigungskirche heißt es offiziell. Je Jin lebe von der Wahren Familie getrennt, bis ihr Mann sein Studium abgeschlossen habe. Das ist nur die halbe Wahrheit. Jin studiert zwar noch, aber Je Jin spricht nicht mehr mit ihren Eltern und erhält von ihnen auch keinerlei finanzielle Unterstützung mehr.

Meine Eltern waren zwischenzeitlich ebenfalls aus der Vereinigungskirche ausgetreten. Der Umstand, daß die Menschen, die mir innerhalb der Familie am nächsten standen, in Sicherheit waren, machte es mir leichter zu gehen. Es würden keine Hongs Zurückbleiben, denen die Muns wegen meines Verrats das Leben schwer machen konnten.

Auch wußte ich nicht, wie ich die rechtlichen Angelegenheiten regeln sollte. Mein erster Impuls war der, unter »Rechtsanwälte« im Telefonbuch nachzuschlagen, aber mein Bruder half mir auch in diesem Punkt und besorgte mir Anwälte in New York. So lernte ich Herbert Rosedale kennen, einen Wirtschaftsanwalt aus Manhattan, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, ehemaligen Sektenmitgliedern und ihren Familien zu helfen. Er war ein kräftiger, kahlköpfiger Bär von einem Mann und mit 63 Jahren Vorsitzender der American Family Foundation, einem Zusammenschluß von Anwälten, Geschäftsleuten und Medienprofis, die versuchen, die Öffentlichkeit über die Gefahren von religiösem Extremismus aufzuklären. Ich wußte, daß ich an meiner Seite jemanden brauchen würde, der sich nicht von der Vereinigungskirche würde einschüchtern lassen. 260

Den ganzen Sommer hindurch besprach ich mit meinem Bruder und Madelene die Einzelheiten meiner Flucht. Ich fürchtete, daß Hyo Jin mich gewaltsam in East Garden festhalten würde, falls ich mein Vorhaben in aller Offenheit ausführen würde. Er hatte so oft damit gedroht, mich umzubringen, und verfügte über ein ganzes Waffenarsenal, so daß er durchaus ernst machen konnte. Ich fürchtete um unsere Sicherheit. Meine Ängste wurden eines abends bestätigt, als ich mit Madelene in der Küche des Haupthauses saß und Tee trank. Er befahl ihr zornig, das Haus zu verlassen, und mich schickte er nach oben. Als er nachkam, drohte er mir, mir jeden Finger einzeln zu brechen, wenn ich an meiner Freundschaft mit ihr festhielt. Am nächsten Tag meldete ich seine Drohung der Polizei.

Meine Eltern standen ebenfalls hinter mir. Wir hatten unser Leben einer Sache gewidmet, die bis ins Mark verdorben war. Ich wußte, daß, wenn ich nicht bald ging, ich möglicherweise nicht mehr lange genug leben würde, um eine zweite Chance zu bekommen. Ich wollte mich nicht länger prügeln, bedrohen und einsperren lassen.

Meine Eltern wußten nicht, in welcher Gefahr ich tatsächlich schwebte, waren aber nicht länger gewillt, der Kirche ihre Tochter zu überlassen. Meine jüngere Schwester Choong Sook war inzwischen auch von Reverend Mun verheiratet worden, allerdings war sie mit einem ungewollten Mann vereint worden, dem Sohn eines Gesegneten Paares, das meine Eltern nicht respektierten. Reverend Mun hatte diese Verbindung absichtlich befohlen, um meine Eltern für ihren angeblichen Mangel an Loyalität zu bestrafen.

Choong Sook war eine gute Tochter; sie besaß weder meine Sturheit noch meine rebellische Ader. Sie war Cellistin und eine hervorragende Studentin der Universität von Seoul. Meiner Mutter brach Choong Sooks Schicksal das Herz. Pflichtschuldig kaufte sie die Hochzeitskleider und Geschenke für die Familie des Bräutigams, aber ihr war dabei schwer ums Herz. Einer weiteren Tochter stand ein einsamer, leidvoller Weg bevor. Sie brachte es nicht über sich. Nach der religiösen Zeremonie aber vor der rechtmäßigen Trauung schickten meine Eltern sie zum Studium in die USA. Auch sie hielt sich jetzt in Massachusetts auf und erwartete mich dort. Sie würde weder nach Korea zurückkehren noch zu dem Ehemann, den Reverend Mun ihr zugedacht hatte.

Mir blieb nur noch, meine Kinder zu fragen, ob sie mit mir kommen wollten. Ich wußte tief in meinem Herzen, daß ich nicht würde gehen können, wenn sie ablehnen würden. Wie sollte ich die Kinder zurücklassen, deren Liebe mir die Kraft gegeben hatte, all die qualvollen Jahre bei den Muns durchzustehen? Wie sollte ich riskieren, sie niemals wiederzusehen? Wie könnte ich sie zu einem Leben auf dem Mun-Anwesen verdammen? Ich hielt die Luft an, nachdem ich ihnen meinen Plan erläutert hatte. Meine Kinder brachen in ein wahres Freudengeheul aus. »Wir möchten nur mit dir zusammen in einem kleinen Haus wohnen«, versicherten sie mir unter Tränen.

Keins der Kinder verriet unseren Plan an irgend jemanden innerhalb oder außerhalb der Familie, obwohl das bedeutete, daß sie sich nicht von ihren Freunden und Lieblingscousins verabschieden konnten. Sie wußten, was auf dem Spiel stand. Sie hatten die Waffen im Schlafzimmer ihres Vaters gesehen und seine Drohungen gehört, wenn er mich verprügelte.

Ich wählte den Tag unserer Flucht aus, wurde aber hierbei von Gott geleitet. Die Wahren Eltern würden an jenem Tag außer Landes sein, und In Jin und ihre Familie würden sich auch nicht in East Garden aufhalten. Babysitter tuschelten über all die Kisten und Koffer, die ich packte, Wachmänner sahen zu, wie ich Möbelstücke von East Garden fortschaffte, aber niemand informierte die Muns oder ihre Vertrauten. Ich hatte Angst, wußte aber, daß Gott uns beschützte und mir und meinen Kindern den Weg aus East Garden heraus ebnen würde.

Am Abend vor unserer geplanten Flucht rief mein Bruder von einem nahegelegenen Motel aus an und bestätigte noch einmal, daß er am nächsten Morgen am vereinbarten Treffpunkt warten würde. Alles weitere läge in meinen Händen. Und bei Gott, fügte ich hinzu.



Eine meiner Töchter begrüßt Sun Myung Mun bei seiner Rückkehr von einer Reise nach Übersee. Die applaudierenden Männer im Hintergrund sind Mitglie-der und führende Persönlichkeiten der Kirche.


10. Kapitel

Meine Kinder hatten mir versichert, daß sie sich nichts mehr wünschten als ein kleines Haus, das sie ihr eigen nennen konnten. Und genau das bekamen sie auch. Wir bezogen ein bescheidenes Halbgeschoßhaus in einem einfachen Viertel in Lexington, Massachusetts, dem Geburtsort der amerikanischen Revolution. Dieser Ort schien mir angemessen für meinen Neubeginn. Wie der »Minuteman*«, dessen Statue im Stadtpark stand, hatte auch ich meine Unabhängigkeit von einem Unterdrücker erklärt. (* Anmerkung des Übersetzers: D.i. ein Freiwilliger im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der sich zu unverzüglichem Heeresdienst bei Abruf verpflichtete.)

Aber ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit. Auf Anraten meines Anwaltes hin beantragte ich bei meiner Ankunft in Massachusetts als erstes einen Gerichtsbeschluß, der Hyo Jin jeglichen Kontakt zu mir untersagte. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie wütend er sein würde, wenn er aufwachte und feststellte, daß ich und die Kinder fort waren. Ich wollte alles in meiner Macht Stehende tun, um ihn davon abzuhalten, uns zu suchen.

In meinem Antrag, den ich dem Gericht vorlegte, erläuterte ich, daß es sich nicht um einen typischen Fall von ehelicher Gewalt handelte. Ich legte dar, daß ich mich nicht nur vor meinem Ehemann fürchtete, sondern vor der einflußreichen Sekte, die hinter ihm stand. Schon die Versuche von normalen Mitgliedern, sich von der Vereinigungskirche zu lösen, werden nach Kräften unterbunden. Was würden Sun Myung Mun und seine Handlanger sich ausdenken, um seine Schwiegertochter und seine Enkel hinter die Eisentore von East Garden zurückzubringen?

Das ganze rechtliche Procedere schüchterte mich ein, aber die Bostoner Anwälte, die ich mit Hilfe meines Bruders engagiert hatte, beschwichtigten mich. Aisla Deitmeyer, eine Partnerin der Kanzlei, empfand ich als besonders beruhigend, vielleicht weil sie eine Frau war, vielleicht weil sie ein mitfühlendes Herz hatte. Sie vermittelte mir endlich ein Gefühl der Sicherheit.

Das Gericht ordnete die Geheimhaltung meiner neuen Anschrift an, um Bemühungen meines Ehemannes und der Vereinigungskirche vorzubeugen, mit mir in Kontakt zu treten. Ich wußte aber, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis sie herausfinden würden, wo ich mich aufhielt. Ich war eine Frau mit fünf Kindern ohne gesichertes Einkommen. Wohin sollte ich gehen? Die Muns würden sich denken, daß ich zu meinem Bruder gezogen war; es würde nicht lange dauern, bis sie mich fanden.

Ich wußte, daß ein Gerichtsbeschluß nur ein Stück Papier war, aber ich dachte, es würde die Muns vielleicht davon abhalten, mir die Kinder gewaltsam wegnehmen zu wollen. In wie vielen weit weniger absonderlichen Sorgerechtsfällen waren Kinder nicht schon entführt worden?

Als ich in dem schäbigen Gerichtssaal in Cambridge stand, sah ich an der abblätternden Farbe und den abgenutzten Bänken vorbei. Mein Blick richtete sich auf die amerikanische Fahne. Ich dankte Gott, daß ich in Amerika war. Diese Fahne beschützte mich, ein koreanisches Mädchen, das illegal in dieses Land eingereist war und noch keine gültige Aufenthaltsgenehmigung besaß. Von Sun Myung Muns Sünden sind seine Angriffe gegen Amerika die hinterhältigsten, dachte ich. In meinem Heimatland hätten meine Chancen nicht so gut gestanden. Für mich bedeuteten die Vereinigten Staaten an diesem Sommertag Freiheit. Die amerikanische Flagge, die Stars and Stripes, war das Schönste, was ich je gesehen hatte.

Nachdem sie mir geholfen hatte, den Wagen auszuladen, war Madelene sofort nach New York zurückgekehrt, zurück an ihren Arbeitsplatz am Manhattan Center, um nur keinen Verdacht zu erregen. Hyo Jin rief sie jeden Tag an um zu fragen, ob sie von mir gehört habe. Er befahl ihr, auf Kosten des MC einen Privatdetektiv zu engagieren, einen Befehl, den sie einfach ignorierte. Als ich nach ein paar Tagen immer noch nicht wieder da war und mich auch nicht bei ihm gemeldet hatte, änderte sich der Inhalt seiner Forderungen an Madelene.

In einem Telefonat, das sie auf Band aufnahm, forderte Hyo Jin Madelene auf, sich mit ihm Ecke 125. Straße und Riverside Drive zu treffen und ihm genug Geld für Koks mitzubringen. »Ich will nur dieses Gefühl betäuben, high werden. Dann kann ich wenigstens alles vergessen. Maddie, es tut mir leid, aber ich habe keine andere Wahl. Ich werde einfach nicht fertig mit diesen Gefühlen … Ich will niemanden anderen fragen. Komm schon, Maddie. Tu mir den Gefallen. Komm schon … Ich habe nichts mehr zu verlieren, Maddie, okay?«

Am nächsten Tag fuhr Madelene Hyo Jin zum Flughafen; er sollte sich in der Hazelden-Klinik in West Palm Beach, Florida, einem Drogenentzug unterziehen. Auf der Fahrt beschrieb er Madelene in allen Einzelheiten, in welcher Weise er mich sadistisch zu foltern gedachte, falls er mich je wieder in die Finger bekam. Er beschrieb ihr sehr plastisch, wie er mir die Flaut abziehen und die Zehennägel ausreißen würde. Ich hatte guten Grund, mich vor ihm zu fürchten.

Er war erst wenige Tage in Hazelden, als die Ärzte ihn aufforderten, die Klinik wegen mangelnder Kooperationsbereitschaft zu verlassen. Als nächstes schickten die Muns ihn nach Kalifornien in die Betty-Ford-Klinik, wo er mehr als einen Monat am dortigen Entgiftungsprogramm teilnahm. Erst der Verlust seiner Frau und seiner Kinder hatte Hyo Jin Mun und seine Eltern gezwungen, endlich etwas gegen seine Alkohol- und Drogensucht zu tun. Ich wußte, daß sie erwarteten, daß seine Bekundung guten Willens mich erweichen würde, aber ich kannte Hyo Jin zu gut. Er würde tun, was nötig war, um seine Eltern zu beschwichtigen, aber ich glaubte kaum, daß die Nüchternheit, die er in der Klinik erlangte, sich in East Garden lange würde aufrechterhalten lassen.

Derweil waren meine Kinder und ich wie berauscht von unserer neuerworbenen Freiheit. Unser Haus war klein, und die Schlafmöglichkeiten waren beengt, aber wir waren zusammen und aus dem Schatten der Muns herausgetreten. Die Küche war besonders klein, was mich im Augenblick jedoch nicht sonderlich störte, da ich ohnehin nicht kochen konnte. Kochen gehörte zu den zahlreichen Haushaltspflichten, die ich nie gelernt hatte. In East Garden hatte das Personal sich 14 Jahre lang dieser täglichen Aufgaben angenommen. Köchinnen, Wäscherinnen, Haushälterinnen, Friseurinnen, Kinderfrauen, Installateure, Sekretäre, Automechaniker, Schlosser, Elektriker, Schneider, Gärtner, Zahnärzte, Ärzte und Dutzende von Wachleuten hatten rund um die Uhr auf Abruf zur Verfügung gestanden. Ich wußte nicht einmal, wie man eine Geschirrspülmaschine bediente, den Rasen mähte oder Wäsche wusch. Als die Toilette das erstemal verstopft war und überlief, rief ich voller Panik Madelene in New York an.

Es fiel mir schwer, mich an die neuen Lebensumstände zu gewöhnen, aber für die Kinder, die von Geburt an behandelt worden waren wie Prinzen und Prinzessinnen war es noch schlimmer. Für Kinder, denen Dienstmädchen hinterhergeräumt hatten, war es nicht leicht, Ordnung zu halten, den Müll rauszubringen und ihr Zimmer zu putzen, aber sie bemühten sich. Sie lernten, sich zu mehreren ein Zimmer zu teilen und zu warten, wenn unser einziges Bad besetzt war. Schnell begriffen sie, daß sie nicht länger Teil der Wahren Familie und somit auch anderen Kindern nicht mehr überstellt waren, und schlossen ihre ersten Freundschaften auf gleichberechtigter Basis.

Ich hatte weder die Mittel noch den Wunsch, sie auf Privatschulen zu schicken, wie sie sie in New York besucht hatten; das Schulgeld des vergangenen Jahres hatte sich insgesamt auf 56 000 Dollar belaufen. Wenn ich wollte, daß meine Kinder ein normales Leben lebten, gab es kaum einen besseren Weg, als sie auf eine ganz normale öffentliche Schule zu schicken. Lexington ist ein friedlicher Vorort von Boston mit einem exzellenten Schulsystem, wofür ich überaus dankbar war.

Meine Kinder und ich stolperten gemeinsam auf die Eigenständigkeit zu. Wir hatten viel zu lernen, aber wir waren nicht allein. Meine Schwester, mein Bruder und meine Schwägerin standen mir mit Rat und Tat zur Seite. Dank der Nähe zu ihnen brauchten wir uns nicht zu fürchten, als wir dieses neue Leben begannen. Die Kinder hatten ihre Cousins und Cousinen, und ich hatte Erwachsene, die verstanden, wie schmerzlich und schwierig der Wandel für mich war. Die Sorgen, die mir nachts den Schlaf raubten, gehörten nicht zu den Dingen, über die man bei einer Tasse Tee mit einer Nachbarin plaudern konnte.

Ich hatte unsere Flucht möglichst nah an den Anfang des neuen Schuljahres gelegt. Ich wußte, daß die Kinder ihre Freunde vermissen würden, und ich wollte ihnen die Möglichkeit geben, möglichst bald neue Freundschaften zu schließen. Im September meldete ich Shin June für die siebte Klasse an. Sie würde das einzige meiner Kinder auf der Mittelschule sein. (Anmerkung des Übersetzers: In den USA gibt es noch eine Schule zwischen Grundschule und High-School; gewöhnlich umfaßt die sogenannte Middle School (Mittelschule) die Stufen 3 bis 8.) Sie war das älteste und eigenständigste meiner Kinder; ich war sicher, daß sie schulisch und auch im Umgang mit anderen keine Probleme haben würde. Die anderen Kinder sollten alle dieselbe Grundschule in der Nachbarschaft besuchen. Das Baby würde mich daheim auf Trab halten.

Ihre Lehrer berichteten von nur geringen Anpassungsschwierigkeiten, und das Haus war voller glücklicher Kinder. Ihr Vater hatte in ihrem Leben in New York eine so untergeordnete Rolle gespielt, daß es mich nicht wunderte, daß sie erleichtert waren, daß er und seine Mißhandlungen nicht Bestandteil ihres neuen Lebens in Massachusetts waren.

Shin June spielte in einem örtlichen Blasorchester Flöte. Shin Gil schloß leicht Freundschaften, reagierte aber sehr empfindlich auch auf die leiseste Kritik von mir oder einem der Lehrer. Seine Lehrerin erzählte mir, daß sie einmal mit ihm auf den Flur hinausgegangen war, als er den Tränen nah gewesen war, um ihn zu fragen, was ihn bedrücke. »Er sagte, er hätte früher in einem riesigen Herrenhaus gewohnt«, sagte sie. »Jetzt mangele es ihm an Privatsphäre, und es gäbe auch nicht viel zu tun. Er vermißt seine Freunde. Ich habe ihn nach seinem Dad gefragt. Er sagte, daß er auch ihn ab und an vermisse, daß sein Dad aber ein Trunkenbold wäre, der viel herumbrülle.«

Wie zu erwarten gewesen war, war der erste Druck, den die Muns auf uns ausübten, finanzieller Natur. Meine Ersparnisse reichten gerade aus, um für Lebensmittel und unsere sonstigen Grundbedürfnisse aufzukommen. Mein Gehaltsscheck vom Manhattan Center kam für die Hypothekenzahlungen auf. Hyo Jins Anwälte hatten meinen Anwälten versichert, daß mein Gehalt weiter gezahlt würde, bis das Gericht über die Höhe des zu zahlenden Unterhalts für die Kinder entschieden hatte.

Die Zahlungen wurden jedoch eingestellt. Meine Anwälte reichten bei Gericht einen Antrag auf Unterhaltszahlung ein. »Offenbar werden die Zahlungen an Mrs. Mun zurückbehalten, möglicherweise, um sie zu zwingen, zu ihrem gewalttätigen Ehemann zurückzukehren«, schrieben meine Anwälte an Kirchen Vertreter. »Mrs. Muns Entschluß, einer extrem gefährlichen Situation zu entfliehen, wurde jedoch nicht leichtfertig getroffen, und sie gedenkt auch nicht, je zu ihrem Mann zurückzukehren, ganz egal unter welchen Umständen.«

Mit Hilfe meines Bruders und meiner Schwester engagierte ich »Choate, Hall und Stewart«, eine der besten Kanzleien Bostons, um mich in einem Scheidungsprozeß zu vertreten, der langwierig zu werden versprach. Wir wußten, daß ich die besten Anwälte brauchen würde, wenn ich es mit den Muns aufnehmen wollte. Wie so viele andere Frauen vor der Scheidung, hatte ich keine Ahnung, wie ich meine Anwälte bezahlen sollte. In einer Studie aus dem Jahre 1989 über geschlechterbezogene Benachteiligungen vor Gericht war der Oberste Gerichtshof von Massachusetts zu dem Ergebnis gelangt, daß »Frauen mit geringem Einkommen zu wenig Rechtshilfe geleistet wird, teilweise, weil Richter keine angemessenen Beratungshonorare vorschreiben, vor allem bei schwebenden Verfahren.«

Meine Scheidungsanwälte waren ein brillanter, kultivierter Bostoner namens Weld S. Henshaw und seine ebenso fähige wie mitfühlende Partnerin Ailsa De Prada Deitmeyer. Beide waren zuversichtlich, daß das Gericht Hyo Jin zur Zahlung meiner Anwaltskosten verpflichten würde. Aber trotz seiner weitreichenden Erfahrung gestand mir Weld, daß ihm noch nie ein Scheidungsfall wie der meine untergekommen wäre. Hyo Jin Mun war kein durchschnittlicher Gegner; es würde schwierig sein, sein genaues Vermögen zu ermitteln.

Hyo Jin engagierte Rechtsanwälte in New York und Massachusetts, darunter die Kanzlei »Levy, Gutman, Goldberg und Kaplan« aus Manhattan. Gutman war Jeremiah S. Gutman, der einstmalige Vorsitzende der New York Civil Liberties Union, derselbe Mann, der sich für Sun Myung Mun eingesetzt hatte, als dieser 1982 wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden war.

Unser Fall wurde Richter Edward Ginsburg vom Familiengericht zugewiesen. Er war ein vernünftiger Gentleman kurz vor der Pensionierung, der in seinem Gerichtssaal in Concord ein strenges, aber menschliches Regiment führte. Richter Ginsburg war ein wenig exzentrisch und leicht auszumachen, wenn er an einem Sommermorgen zur Arbeit kam. Er war der Typ in dem blauen Anzug aus leichtem, kreppartigem Leinen mit dem hechelnden apricotfarbenen Pudel an der Leine. Sein Hund, Pumpkin, begleitete den Richter jeden Tag ins Gericht.

Kaum hatte ich bei Gericht beantragt, Hyo Jin zu Unterhaltszahlungen für seine Kinder zu verpflichten, als sich die Muns direkt an mich wandten. Geld war eine große Motivation. In Jin ließ mir über meine Anwälte einen Brief zukommen, in dem sie mich bat, die Scheidungsklage zurückzuziehen und nach Hause zu kommen. Sie legte eine Kassette bei, auf der Mrs. Mun dieselbe eindringliche Bitte an mich richtete.

Ich zuckte zusammen, als ich in meinem neuen Zuhause Mrs. Muns Stimme hörte. Sie konnte ihren Zorn nicht verhehlen, gab sich aber alle Mühe, liebevoll zu klingen und so, als sei sie todtraurig, daß ich East Garden verlassen hatte. Die Wahre Familie mußte intakt bleiben. Im Grunde aber gab man wie immer mir die Schuld an allem. »Nansook, dein Benehmen ist für die Menschen, die dich lieben, inakzeptabel.« Sie prophezeite mir, daß viele Menschen mich verurteilen würden für diesen Schritt, und legte mir nahe, zurückzukommen.

Ich war wieder einmal verblüfft davon, wie selektiv die Muns bei der Anwendung der Lehren der »Göttlichen Prinzipien« sein konnten. Niemand hatte in der Vergangenheit bereitwilliger verziehen als ich. Hatte ich Hyo Jin nicht verziehen, als er mich nur Wochen nach unserer Heirat wegen einer anderen Frau verlassen hatte? Hatte ich Hyo Jin nicht verziehen, daß er mich mit Herpes angesteckt hatte? Hatte ich Hyo Jin nicht verziehen, als er sich mit Prostituierten eingelassen hatte? Hatte ich Hyo Jin nicht verziehen, als er Hunderttausende von Dollar vergeudet hatte, die für die Zukunft unserer Kinder gedacht gewesen waren? Hatte ich Hyo Jin nicht verziehen, daß er mich geschlagen und angespuckt hatte? Hatte ich Hyo Jin nicht verziehen, daß er mich und unserer Kinder im Stich gelassen hatte für ein Leben im Drogen- und Alkoholrausch? Hatte ich Hyo Jin nicht verziehen, daß er sich eine Geliebte genommen hatte an dem Tag, an dem ich mit unserem neugeborenen Sohn aus dem Krankenhaus gekommen war?

Nicht ich hatte die Konsequenzen meines Handelns außer acht gelassen. Ich hatte mich 14 Jahre lang geweigert, auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, Hyo Jin Mun zu verlassen und ein Leben ohne Angst und Gewalt zu führen. Ich hatte East Garden nicht übereilt verlassen. Ich hatte alles versucht, damit meine Ehe funktionierte. Hatten die Muns je in Betracht gezogen, daß möglicherweise nicht ich im Unrecht war, sondern sie?

Der vorwurfsvolle Tonfall in In Jins Brief war derselbe wie auf Mrs. Muns Band. Sie schrieb, daß sie Verständnis für meine Situation hätte, verurteilte aber, daß ich einen Gerichtsbeschluß gegen Hyo Jin erwirkt hatte – einen Mann, der mich 14 Jahre lang mißhandelt, gedemütigt und bedroht hatte. Vor allem aber schien es ihr darum zu gehen, mich davon abzubringen, rechtliche Schritte gegen die Muns einzuleiten.

Sie deutete an, daß man mir leicht niedere Motive unterstellen könne dafür, daß ich meinen Mann verlassen hatte. »Manche sagen sogar, du hättest Hyo Jin nach all den Jahren nur verlassen, weil er seinen Job und seine Stellung innerhalb der Familie eingebüßt hat«, schrieb sie. Ich könne die Familie nur von meinen guten Absichten überzeugen, wenn ich zurückkehrte und Hyo Jin half, sich seinem Alkoholismus und seinem Drogenproblem zu stellen. »Du verletzt alle, die dich lieben, wenn du das Gesetz benutzt, um deinen Willen durchzusetzen«, hieß es weiter. Sie bezeichnete das System als »feindselig« und schrieb, daß es nur Leid über alle bringen würde.

Die Muns waren einfach nicht in der Lage zu begreifen, daß ich bereits verletzt worden war. Ich wollte keine Versöhnung – ich wollte sicher sein vor den Mißhandlungen eines gewalttätigen Ehemannes und frei sein von den Zwängen einer Religion, die mir schon 29 Jahre meines Lebens genommen hatte. Ich hatte Gottes Präsenz nie deutlicher gespürt als in dem Augenblick, in dem ich den Entschluß gefaßt hatte, aus East Garden zu fliehen. Er hatte mir die Augen geöffnet; ich sah zum ersten Mal klar. Ich würde niemals zurückgehen.

Am 25. Oktober verfügte das Gericht, daß Hyo Jin monatliche Unterhaltszahlungen für die Kinder zu leisten habe, und bestellte eine Sozialarbeiterin, Mary Lou Kaufman, um zu prüfen, ob Besuche des Vaters im Interesse der Kinder seien oder nicht. Ich wollte meinen Kindern den Kontakt zu ihrem Vater oder ihren Großeltern nicht verbieten. Wie problematisch unsere Beziehung auch sein mochte, stand für mich fest, daß Kinder zwei Elternteile und zwei Großelternpaare verdienten. Ich wußte, daß Hyo Jin unsere Kinder liebte, sofern ein so egozentrischer Mann wie er fähig war zu lieben. Trotzdem flehte ich Mrs. Kaufman an, Besuche erst zu erlauben, wenn die Kinder sich richtig in ihr neues Leben eingefügt hatten und es glaubhafte Hinweise darauf gab, daß Hyo Jin keine Drogen mehr konsumierte und nicht mehr trank.

Ich war besonders unnachgiebig, was seine Nüchternheit anbelangte. Hyo Jin prahlte gern mit seiner Geschicklichkeit darin, das Gesetz hinters Licht zu führen. Einmal hatte er bei einem Drogentest, der nach seiner Verurteilung wegen Alkohols am Steuer angeordnet worden war, eine Urinprobe von Shin Gil gegen seine eigene ausgetauscht. Auch war für mich sehr aufschlußreich, daß Hyo Jin nicht mehr verlangt hatte, seine Kinder zu sehen, nachdem ich Unterhalt eingefordert hatte.

Mrs. Kaufman unterhielt sich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im November insgesamt mehr als vier Stunden mit Hyo Jin. In ihrem Bericht an das Gericht schrieb sie, daß er sehr angespannt und nervös gewesen wäre. Er hatte einen ganz trockenen Mund und hyperventilierte, so daß sich ihr der Verdacht aufdrängte, daß er Kokain genommen hatte. Seine Aussage sei mit Obszönitäten durchsetzt. Er sagte ihr, daß meine Eltern hinter der Scheidung steckten, daß meine Mutter sich zum Messias erklärt habe und meine Eltern beabsichtigten, sämtliches Geld, daß mir vom Gericht zugesprochen wurde, dazu zu verwenden, in Korea ihre eigene Kirche aufzubauen. Er hatte meinen Onkel Soon Yoo mitgebracht, damit dieser diese hanebüchene Geschichte bestätigte. Soon, der in den Anfangstagen meiner Mutter geholfen hatte, der Kirche beizutreten, übte nun Verrat an ihr, um seine eigene Position bei den Muns zu verbessern.

Hyo Jin versicherte Mrs. Kaufman, daß er immer ein engagierter und aktiver Vater gewesen sei, aber er wußte weder, wie alt unsere Kinder genau waren noch welche Klasse sie besuchten. Er behauptete, daß, wenn sie ihn nicht sehen wollten, das nur daran läge, daß ich sie gegen ihn eingenommen hätte. Er war schockiert, als er hörte, daß Shin Gil um ein Photo nicht etwa seines Vaters, sondern eines seiner Spielzeuge gebeten hatte.

In ihrem Bericht, den sie Anfang Dezember vorlegte, kam Mrs. Kaufman zu dem Schluß, daß zwischen Hyo Jin und den Kindern keine Besuche gestattet werden sollten, bis Hyo Jin glaubhaft machen konnte, daß er über einen Zeitraum von zwei Monaten nicht mehr getrunken und keine Drogen mehr genommen hatte.

Die Kinder und ich waren vollauf damit beschäftigt, unser erstes Weihnachtsfest in unserem neuen Zuhause vorzubereiten. Meine Eltern würden aus Korea zu Besuch kommen. Es war Jahre her, seit wir alle zusammengewesen waren. Unsere Vereinigung würde für sich allein schon ein Fest der Freiheit sein. Wir schmückten das Haus mit den Bildern, die die Kinder in der Schule gemalt hatten, und einem 1,89 Meter hohen Christbaum.

Am Samstag vor Weihnachten klingelte ein Paketbote. Mein Herz raste, als ich den vertrauten Absender auf dem Päckchen sah. Hyo Jin hatte uns gefunden. Ich versuchte, meine Sorge vor meinen Eltern und den Kindern zu verbergen, aber seit ich das Mun-Anwesen verlassen hatte, war ich nicht mehr so geübt darin. Das Paket enthielt verschiedene kleine Weihnachtsgeschenke für die Kinder und eine an mich adressierte Karte auf Koreanisch. Hyo Jin bezog sich auf meine Angaben zu seinem Drogenproblem gegenüber dem Gericht und fragte, wie ich mich wohl fühlen würde, wenn meine »Nacktheit« der ganzen Welt preisgegeben würde. Das war eine verschleierte Drohung, Nacktaufnahmen von mir zu veröffentlichen.

Mein Vater, der meine Not spürte, versuchte, mich zu trösten. »Laß ihn nicht an dich heran«, riet er mir. »Wenn du dir die Laune verderben läßt, hat er sein Ziel, dich zu verletzen, erreicht.« Er hatte recht. Ich hatte nichts Falsches getan. Hyo Jin wohl. Sein Brief war ein Verstoß gegen den Gerichtsbeschluß, der ihm jede Kontaktaufnahme untersagte. Ich meldete die Drohung der Polizei. Hyo Jin wurde wegen eines kriminellen Vergehens angeklagt.

Über meine Anwälte schrieb Hyo Jin den Kindern, versicherte ihnen, daß er sie lieb habe und sie gern sehen würde. Aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen, mich zu kritisieren. In einem Brief an Shin June schrieb er: »Natürlich bin ich manchmal böse auf deine Mutter, aber ich möchte ihr verzeihen. Es gibt vieles, was du von deiner Mutter nicht weißt, aber das ist unwichtig. Und weißt du auch, warum? Weil ich möchte, daß du ein liebevoller Mensch wirst, der jemanden für immer lieben kann, anstatt den Menschen im Stich zu lassen, den du liebst. Und damit du lernst, ihm in schlechten Zeiten, wie sie alle Paare durchmachen, zu verzeihen.«

Shin Ok schrieb er, daß er wisse, daß sie ihn liebe. »Wenn dir niemand erzählen würde, wie böse dein Dad ist, würdest du nicht eine Sekunde so von mir denken. Weißt du was? Auch wenn du meinst, dein Dad wäre böse, fühle ich mich gut, weil ich in Zukunft nicht mehr böse sein werde.«

Er versprach den Kindern, ihnen bald wieder zu schreiben, was er aber nie tat.

Im Februar 1996 traf Hyo Jin sich erneut mit Mrs. Kaufman, damit sie beurteilen konnte, ob es ratsam sei, ihm Treffen mit den Kindern zu gestatten. Er war außer sich, daß man ihm so lange verwehrt hatte, sie zu sehen. Er erzählte davon, wie er sich vor Gericht bei mir rächen wolle. Er erzählte Mrs. Kaufman, daß er eine »knallharte New Yorker Kanzlei« engagieren würde, um mich finanziell zu ruinieren. Er ginge zu den »Anonymen Alkoholikern«, behauptete er, und wolle künftig trocken bleiben.

Im Frühling erlaubte Mrs. Kaufman Treffen mit den Kindern im Beisein einer Aufsichtsperson. Hyo Jin sah seine Kinder nur zweimal, bevor der Mann, der geschworen hatte, sich endgültig geändert zu haben, bei einem Drogentest durchfiel. Die Besuche wurden wieder ausgesetzt, bis Hyo Jin das Gericht erneut davon überzeugen konnte, daß er keine Drogen mehr nahm und dem Alkohol abgeschworen hatte. Dieser Beweis steht noch aus.

Trotz seiner Vorwürfe, weil man ihm den persönlichen Kontakt zu seinen Kindern verweigerte, hat Hyo Jin keinerlei Versuch unternommen, mit ihnen in Verbindung zu bleiben. Das Gericht ermutigte ihn, ihnen zu schreiben und die Briefe über meine Anwälte weiterleiten zu lassen, aber das tat er nicht. Er schickte ihnen weder zum Geburtstag noch zu Weihnachten Karten oder Geschenke. Er fragte nie, wie sie sich in der Schule machten.

So zwiespältig ihre Erinnerungen an ihren Vater auch sind, ist sein Schweigen für die Kinder schmerzlich. Vor allem Shin Gil, sein Lieblingssohn, der nun in den bescheidenen Verhältnissen leben muß, die mein begrenztes Einkommen uns ermöglicht, erinnert sich noch gut daran, wie sein Vater mit ihm Spielhallen aufgesucht und ihn mit teuren Spielsachen überhäuft hat. Shin Hoon hingegen, das Baby, das seinen Vater nie kennengelernt hat, fragt sich, wo er ist. Wenn ich ihn in den Kindergarten brachte, fragte er oft: »Wann kommt mein Daddy mich abholen so wie die Daddys der anderen Kinder?«

Eine Scheidung ist für Kinder niemals leicht, aber für einen Mann, der von sich behauptet, Mitglied der Wahren Familie zu sein, der Verkörperung traditioneller moralischer Werte, hat Hyo Jin es unseren Kindern noch viel schwerer gemacht als es hätte sein müssen.

Die Muns zahlten den vom Gericht festgelegten Unterhalt nicht regelmäßig. Wenn sie zahlten, dann kam der Scheck immer zu spät und erst nach Ermahnungen meiner Anwälte, die mir mehr Arbeitsstunden in Rechnung stellten, als ich je würde zahlen können. In einem Monat mußte ich einige Schmuckstücke verkaufen, um die laufenden Kosten zu decken. Hyo Jin behauptete, nicht in der Lage zu sein, meine Anwaltskosten zu bezahlen, weil er kein Einkommen habe. Er war vom Manhattan Center gefeuert worden und hatte auch keinen Zugriff mehr auf die Konten des True Family Trust. Er versuchte, dem Gericht weiszumachen, daß der Sohn eines der wohlhabendsten Männer der Welt mittellos sei.

Richter Ginsburg ließ sich jedoch nicht hinters Licht führen. Die Grenzen zwischen den Geldern der Vereinigungskirche, dem Privatvermögen der Muns und Hyo Jins Finanzen waren fließend. Hyo Jin hatte Zugriff auf unerschöpfliche Geldmittel, während er offiziell nur sehr geringe Vermögenswerte und ein bescheidenes Einkommen angab. Was Wohnen, Reisen, Autos, Privatschulen und Bedienstete anbelangte, waren ihm und seinen Geschwistern keinerlei finanzielle Grenzen gesetzt. Hyo Jins Argument, daß er kein Geld habe, weil er arbeitslos sei, hieß, die Tatsache außer acht zu lassen, daß seine Beschäftigung am Manhattan Center ebenso von seinem Vater finanziert worden war wie Sun Myung Mun noch heute für seinen Lebensunterhalt aufkommt. Sein Vater beherbergte ihn, ernährte ihn und beschäftigte ihn. Ohne die Vereinigungskirche war Hyo Jin Mun, der keinerlei Ausbildung vorweisen konnte, auf dem Arbeitsmarkt praktisch unvermittelbar. Die Behauptung, daß das Wenige, das er sein eigen nannte – und das war wirklich sehr wenig – aus anderen Quellen bezahlt worden war als der Großzügigkeit seines Vaters, war lachhaft.

Wenn man die Fiktion aufrechterhalten wollte, daß Hyo Jin mittellos war, mußte man auch ignorieren, daß seine sämtlichen Bezüge aus ein und derselben Quelle stammten: Sun Myung Mun. Richter Ginsburg, dem der edle Schnitt der Anzüge nicht entging, die das Heer von Anwälten aus Boston und New York trug, die Hyo Jin vor Gericht vertraten, befahl ihm, meine Anwaltskosten zu begleichen und drohte ihm andernfalls mit einer Gefängnisstrafe wegen Mißachtung des Gerichts.

Die Muns weigerten sich zu zahlen. In jenem Sommer sponsorte Sun Myung Mun eine internationale Konferenz in Washington DC, auf der diskutiert wurde, wie sich die traditionellen Familienwerte wiederherstellen ließen. Die Ironie war beinahe unglaublich. Hyo Jin konnte nicht an dem zweitägigen Symposion in der großen Halle des National Building Museums teilnehmen und sich die Redner anhören, die über den weltweiten Verfall der Familienwerte referierten, unter ihnen auch die ehemaligen Präsidenten Gerald Ford und George Bush sowie der ehemalige britische Premierminister Edward Heath, der ehemalige Präsident von Costa Rica und Träger des Friedensnobelpreises Oscar Arias und der republikanische Präsidentschaftskandidat Jack Kemp. Sun Myung Muns Sohn verweilte da gerade in einer Gefängniszelle in Massachusetts – in Beugehaft, die Richter Ginsburg angeordnet hatte, nachdem Hyo Jin dem Zahlungsbefehl nicht nachgekommen war. Er sollte drei Monate einsitzen und erst wieder freikommen, nachdem er im Staate New York einen Offenbarungseid geleistet hatte, um zu beweisen, daß er mittellos war.

Geld wurde für mich zu einer ständigen Sorge. Was, wenn die Muns den Unterhaltsscheck nicht schickten? Was, wenn meine Anwälte es leid wurden, auf ihr Geld zu warten? Wie sollte ich allein für den Unterhalt meiner Kinder aufkommen? Ich hatte nur ein Vordiplom in Kunstgeschichte und war gerade mal qualifiziert, Führungen im Bostoner Museum of Fine Arts zu betreuen. Was ich damit verdienen würde, würde noch nicht einmal reichen, um die Zahnarztrechnungen für fünf Kinder zu bezahlen. In meiner Verzweiflung bewarb ich mich in einem nahegelegenen Einkaufszentrum als Verkäuferin im Kaufhaus Macy’s. Den Verkäuferinnenlehrgang konnte ich nur absolvieren, weil meine Schwester und Madelene in dieser Zeit auf die Kinder aufpaßten. Madelene war einen Monat nach mir aus der Kirche ausgetreten und lebte jetzt ganz in der Nähe. Ohne sie, meine Schwester und meinen Bruder hätte ich das erste Jahr meiner Unabhängigkeit niemals durchgestanden. Erst nach Abschluß des Lehrgangs erfuhr ich, daß Macy’s von mir erwartete, jedes Wochenende zu arbeiten. Wie sollte ich das? Wer würde dann auf die Kinder aufpassen? Entmutigt kehrte ich heim.

Unabhängigkeit hat ihren Preis. Ich mußte meine Scheidung durchziehen und mein Leben weiterleben. Wenn ich eine Arbeit finden wollte, die es mir erlaubte, meinen Kindern die Privilegien zu ermöglichen, die sie verdienten, Privilegien, die ihre Cousins und Cousinen in East Garden als selbstverständlich erachteten, würde ich mich weiterbilden müssen.

Über meine Anwälte bot ich den Muns eine Einigung an, die für immer jedes Band zwischen mir und der Familie Sun Myung Muns durchtrennen würde. Ich forderte, daß ein Treuhandkonto für mich und die Kinder eingerichtet wurde, aus dem Krankenversicherungsbeiträge, Ausbildungskosten, Kleidung, Miete beziehungsweise die Hypothekenzahlungen und alle anderen laufenden Kosten beglichen wurden. Dafür würde ich auf Unterhalt für mich und die Kinder verzichten. Auch meine Anwaltskosten würde ich selbst zahlen. Meine Anwälte faßten den Zweck meines Angebotes wie folgt zusammen: »Ein solcher Treuhandfond würde garantieren, daß keine Gelder sinnlos verschwendet würden. Außerdem würde die Angelegenheit damit ein für allemal geklärt, ohne die Möglichkeit, zu einem späteren Zeitpunkt noch irgendwelche Ansprüche geltend zu machen.«

Sun Myung Mun lehnte ab. Er beharrte darauf, daß Hyo Jins Finanzen nicht das geringste mit seinen zu tun hätten. Er weigerte sich, die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Enkel zu übernehmen. Außerdem verlangten die Muns, daß die Einzelheiten jedweder Scheidungsmodalitäten geheim blieben. Sie wollten, daß ich den Mund hielt. Ich weigerte mich, mich zum Stillschweigen zu verpflichten.

In einer Erklärung, die er im Juli 1997 dem Gericht vorlegte, machte Sun Myung Mun seine Position deutlich.

Als mein Sohn Hyo Jin Mun als Begünstigter des True Family Trust ausschied und ihm als Mitarbeiter, hoher Angestellter und Leiter der Manhattan Center Studios, Inc. gekündigt wurde, so daß er keinen Anspruch mehr hatte auf Lohnfortzahlung seitens der Manhattan Center Studios, bewog mich meine Sorge und Liebe zu seinen fünf Kindern, meinen Enkeln, die von dem für die Scheidung zuständigen Gericht in Massachusetts festgesetzten Unterhaltszahlungen zu leisten.

Mein Sohn Hyo Jin Mun hatte und hat keinerlei Einfluß darauf, ob ich diese Zahlungen jeden Monat leiste oder in Zukunft noch leisten werde. Es handelt sich um freiwillige Leistungen meinerseits, die nur solange erfolgen werden, wie ich es kann oder wünsche.

Die Verhandlungen sind abgebrochen, und jetzt habe ich erfahren, daß meine Schwiegertochter darauf hinarbeitet, meinen Sohn erneut festnehmen zu lassen, der Tatsache zum Trotz, daß er weder über eigene Vermögenswerte verfügt noch über Bezüge, die über das 3500-Dollar-Gehalt hinausgehen, das er seit seiner Wiedereinstellung bei den Manhattan Center Studios, Inc. bezieht. Ich werde meine Position also noch einmal überdenken.

Die Drohung, die Unterhaltszahlungen für die Kinder einzustellen, wenn ich mich nicht mit den Scheidungsmodalitäten der Muns einverstanden erklärte, war deutlich. Reverend Mun zahlte 50 000 Dollar an meine Anwälte, um seinem Sohn das Gefängnis zu ersparen, aber nicht aus Respekt gegenüber dem Gericht, das die Zahlung angeordnet hatte.

»Es freut mich, daß Hyo Jin Mun sich soweit erholt hat, daß er seine Aufgabe als Produzent von Musikaufnahmen wiederaufnehmen konnte, und ich hoffe, daß er auch weiterhin in der Lage sein wird, künstlerisch kreativ und produktiv zu arbeiten und genug zu verdienen, so daß ich ihn nicht weiter finanziell unterstützen muß, wie ich es in der Zeit habe tun müssen, da er keinerlei Einkommen bezog.« Reverend Mun verschloß immer noch die Augen vor der Wirklichkeit, daß Hyo Jin allein deshalb überhaupt Arbeit hatte, weil sein Vater ihm den Job zugeschanzt hatte.

Der Aktenberg in unserem Scheidungsfall war inzwischen auf über einen halben Meter angewachsen. Das Verfahren zog sich zweieinhalb Jahre hin. Sun Myung Mun hatte es vorgezogen, Hunderttausende von Dollar an Anwälte zu zahlen anstatt die Zukunft seiner Enkelkinder zu sichern. Soviel zum Thema Familienwerte.

Im Dezember 1997 akzeptierte ich schließlich eine geringe Abfindung und monatliche Unterhaltszahlungen für die Kinder. Ich wußte, daß wir auf ewig der Willkür der Muns ausgeliefert sein würden, wenn ich auf monatlichen Unterhaltszahlungen bestand. War der Rechtsstreit erst beigelegt, konnte Sun Myung Mun den Geldhahn jederzeit zudrehen. Ich konnte mir keinen wahrscheinlicheren Kandidaten zum »Habenichts-Vater« vorstellen als Hyo Jin Mun.

Aber vor allem wollte ich endlich einen Schlußstrich ziehen. Ich war müde. Meine Anwälte hatten hart gekämpft und für mich ihr Bestes gegeben. Ich hätte mir keinen besseren Rechtsbeistand wünschen können. Wieviele andere Frauen, die in komplizierte Scheidungen verwickelt waren, mochten es ebenso empfinden wie ich: der mit dem meisten Geld gewinnt? Es würde keinen Ausgleich und keinen Unterhalt geben als Entschädigung für die 14 verlorenen Jahre meines Lebens. Es würde kein Treuhandkonto geben, das meinen Kindern eine Hochschulausbildung sicherte. Wenn die Kinder finanzielle Unterstützung für eine College-Ausbildung wünschten, teilten mir Hyo Jins Anwälte mit, würden sie Sun Myung Mun persönlich aufsuchen und ihren Großvater darum bitten müssen.

Ich erhob keine Einwände gegen überwachte Treffen Sun Myung Muns und Hak Ja Hans mit den Kindern, zweifelte jedoch an der Aufrichtigkeit ihrer Forderung. In den zweieinhalb Jahren seit unserer Flucht von East Garden hatten sie kein einziges Mal geschrieben oder ihre Enkel angerufen. Sie hatten weder an ihren Geburtstagen noch an Weihnachten an sie gedacht. Sie hatten ihnen gegenüber dieselbe Gleichgültigkeit an den Tag gelegt wie ihr Sohn.

Um 9.15 Uhr an einem kalten, sonnigen Dezembermorgen, stand ich Hyo Jin Mun am Tisch meiner Anwälte in einem kleinen Gerichtssaal in Concord, Massachusetts, gegenüber. Ich antwortete »Ja, Euer Ehren«, als Richter Edward Ginsburg fragte, ob meine Ehe unrettbar zerrüttet wäre. Hyo Jin seinerseits murmelte ein respektloses »Klar« auf dieselbe Frage. Richter Ginsburg ermahnte uns so wie alle anderen Scheidungspaare, daß eine Ehe zwar enden mochte, Elternschaft aber niemals. Er gab meinem Antrag statt, meinen Mädchennamen wieder annehmen zu dürfen, und mit einer Unterschrift des Richters war der Alptraum meiner Ehe mit dem gewalttätigen Sohn eines falschen Messias endlich vorbei.

Niemand hatte wirklich gewonnen. Ich nicht. Hyo Jin nicht. Unsere Kinder nicht. Nur Sun Myung Mun hatte bekommen, was er die ganze Zeit gewollt hatte. Meine Kinder und ich hatten uns dem Einfluß der Vereinigungskirche entzogen, aber wir würden auch künftig ein Dasein im Schatten der Muns führen müssen.



Nansook Hong


Nachwort

Der Messias ist 78 Jahre alt. Seinem Anspruch auf Göttlichkeit zum Trotz ist nicht einmal Sun Myung Mun unsterblich. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Reverend Mun bei seinem Tod die Vereinigungskirche mit ins Grab nimmt.

Reverend Mun hat keine konkreten Pläne für seine Nachfolge getroffen. Hierzu müßte er zu Lebzeiten etwas von seiner Macht abtreten, und dies ist schlicht unvorstellbar für einen Mann, der es gewohnt ist, Mittelpunkt eines streng kontrollierten Universums zu sein. Die Vereinigungskirche ist ein klassisches Beispiel für das, was Psychologen mit »Personenkult« bezeichnen.

Dadurch, daß Mun keinen Nachfolger bestimmt und auf sein Amt vorbereitet hat, ist nach Reverend Muns Tod ein Krieg um Macht und Geld innerhalb der Familie vorprogrammiert. Seine Söhne ringen schon jetzt um die Kontrolle über sein Firmenimperium, und der Kampf wird noch erbitterter werden, wenn es erst um die Führung der Vereinigungskirche geht.

Eigentlich müßte der älteste Sohn die Nachfolge seines Vaters antreten, aber in Anbetracht von Hyo Jins Alkohol- und Drogenproblem stehen seine Brüder schon in den Startlöchern. In Jin, die als Frau keinerlei Chance hat, die Nachfolge ihres Vaters anzutreten, setzt sich verzweifelt für Hyo Jin als legitimen Kandidaten ein. Sie hat sich schon vor langer Zeit auf seine Seite geschlagen. Wenn er unterliegt, gehen sie und Jin Sung Pak mit ihm unter.

Wenn er dieser Tage überhaupt dieses Thema anschneidet, deutet Reverend Mun an, daß Wahre Mutter weiter herrschen wird, sobald er ins Himmelreich eingekehrt ist. Niemand innerhalb der Kirche glaubt allerdings ernsthaft, daß Hak Ja Han fähig oder geneigt ist, mehr als eine symbolische Rolle an der Spitze der Vereinigungskirche einzunehmen.

Einen Monat vor meiner Flucht aus East Garden hatten Mrs. Mun und ich uns über die Zukunft der Vereinigungskirche unterhalten. Ich hatte ihr nahegelegt, die Kontrolle keinesfalls Hyo Jin in die Hände zu legen. Ich konnte mir keinen unfähigeren Führer für ein so gewaltiges religiöses Unternehmen vorstellen. Sie gab widerstrebend zu, daß Sun Myung Mun sich möglicherweise unter seinen anderen Söhnen nach einem Oberhaupt für die Vereinigungskirche umsehen müsse. Ich weiß, daß dieser Gedanke sie bedrückt. Durch Hyo J ins Geburt, nachdem sie zuerst eine Tochter zur Welt gebracht hatte, war ihre Position als Wahre Mutter gefestigt. Es hatte geschienen, als wäre ihr Schicksal untrennbar mit dem seinen verknüpft.

Die schlimmsten Übel im Herzen der Vereinigungskirche sind die Falschheit und Hinterlist der Muns, einer Familie, die allzu menschlich ist in ihrem unglaublich hohen Maß an Schwächen und Fehlern. Idealistischen jungen Leuten gegenüber, die sich zur Kirche hingezogen fühlen, den Mythos aufrechtzuerhalten, die Muns seien anderen Menschen spirituell überlegen, ist eine schändliche Täuschung. Hyo Jins Verfehlungen mögen am offensichtlichsten sein, aber es gibt in der zweiten Generation der Mun-Familie niemanden, auf den der Begriff »fromm« zutrifft.

Sun Myung Mun schrieb 1984 in einer Predigt über den moralischen und spirituellen Verfall in den Vereinigten Staaten die Grabschrift für die Vereinigungskirche. Seine Worte passen auf niemanden besser als auf seine eigene Familie: »Sodom und Gomorrha wurden wegen der dort herrschenden Unmoral und Gier nach Luxus von Gott zerstört. Rom erging es nicht anders. Es ging nicht an äußerlichen Einflüssen zugrunde, sondern am Ausmaß seiner eigenen Korruptheit.«

Die Vereinigungskirche zählt immer noch weltweit Millionen von Mitglieder. Wie viele von ihnen aktive Spendensammler sind beziehungsweise sich tatkräftig für die Kirche einsetzen, steht auf einem anderen Blatt. Anders als andere Religionen hat die Vereinigungskirche nur wenige offizielle Gotteshäuser errichtet, in denen die Anhänger ihren Glauben praktizieren können. In manchen Städten gibt es Kirchen, in anderen nicht.

Sogar viele der kircheneigenen Ausbildungszentren, in denen religiöse Zeremonien und Seminare abgehalten wurden, sind Anfang der neunziger Jahre geschlossen worden im Rahmen von Sun Myung Muns verheerendem Experiment namens »Heimkirche«. Aufgrund der negativen Publicity über das öffentliche Rekrutieren von Munies, schickte Reverend Mun Mitglieder heim, um ihre Verwandten und Nachbarn zu bekehren. Diese Dezentralisierung schwächte jedoch den Einfluß Reverend Muns auf seine Schäfchen. Viele Anhänger, die sich frei von Zwängen der wirklichen Welt und der Mißbilligung ihrer Familien von Sun Myung Mun ausgesetzt sahen, kehrten der Kirche den Rücken.

Nach diesem fatalen Mißerfolg starteten Reverend Mun und seine Kirchenführer eine neue Offensive. In den letzten Jahren haben sie eine bemerkenswert erfolgreiche Kampagne auf die Beine gestellt mit dem Ziel, Respektabilität und politischen Einfluß zu erlangen. Wie gewöhnlich ist ihnen dies mit Hilfe von Täuschung und Betrug gelungen. Die Vereinigungskirche hat weltweit Dutzende von gemeinnützigen Organisationen ins Leben gerufen, die sich für die Rechte der Frauen, den Weltfrieden und den Erhalt alter Familienwerte einsetzen und sich auf diesem Wege Zutritt zu neuen Gesellschaftskreisen verschafft. Natürlich bekennt sich keine dieser Organisationen offen zu Sun Myung Mun und der Vereinigungskirche.

Die Women’s Federation for World Peace, die Family Federation for World Peace, die International Cultural Foundation, die Professors World Peace Academy, das Washington Institute for Values in Public Policy, der Summit Council for World Peace, das American Constitution Committee und Dutzende anderer Organisationen bezeichnen sich als unabhängige, nichtkonfessionelle Vereinigungen. Sie alle werden von Sun Myung Mun finanziert.

lm März 1994 sponsorte die Women’s Federation for World Peace auf dem Campus der University of New York in Purchase eine Aktion unter dem Motto »Förderung des Friedens und der Versöhnung«. Hyung Jin Mun, der 25jährige Sohn Reverend Muns, eröffnete die Veranstaltung mit der Ankündigung, Sun Myung Mun habe Amerika eine neue göttliche Offenbarung zu verkünden. Die Organisation hatte sich ein Empfehlungsschreiben von Sandra Galef beschafft, der örtlichen Abgeordneten. Ihr wurde nie gesagt, daß die Organisation mit Sun Myung Mun in Zusammenhang stand.

»Ich habe zu keiner Zeit die Vereinigungskirche unterstützt«, äußerte die zornige Abgeordnete später der New York Times gegenüber. »Ich habe diese Kirche immer als eine Organisation angesehen, die Familien zerstört. Wenn die Person, die mich in meinem Büro aufsuchte und um ein Empfehlungsschreiben bat, mir ehrlich gesagt hätte, um was für eine Organisation es sich tatsächlich handelte, hätte ich abgelehnt. Streng genommen war es arglistige Täuschung.«

lm selben Monat sponsorten die Toronto-Niederlassung der Women’s Federation for World Peace und die Collegiate Association for the Research of Principles (CARP) an der Universität von Toronto gemeinsam ein AIDS-Präventionsprogramm für Teenager in der New York Public Library. Das Flugblatt, auf dem für die Veranstaltung geworben wurde, forderte Eltern auf, ihre Kinder zur Teilnahme zu bewegen, damit diese sich für »ein Leben frei von Krankheit und Drogen« entscheiden könnten. Nirgendwo wurden die Vereinigungskirche oder Sun Myung Mun erwähnt.

Einige der prominentesten Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten ließen sich von gewaltigen Honoraren verführen, an Programmen mitzuwirken, die von diesen Vereinigungen gesponsort wurden, ohne etwas von deren Beziehung zu den Muns zu ahnen. Der ehemalige Präsident Gerald Ford, Fernsehjournalistin Barbara Walters, Schauspieler Christopher Reeve, die erste Amerikanerin im All Sally Ride, Bürgerrechtlerin Coretta Scott King und Schauspieler Bill Cosby haben alle auf Veranstaltungen der Women’s Federation for World Peace Vorträge gehalten.

Am verwerflichsten war vielleicht die Mitwirkung des ehemaligen Präsidenten George Bush und seiner Frau Barbara. Sie wußten von dem Zusammenhang zwischen Reverend Mun und diesen Vereinigungen und haben trotzdem 1995 nachweislich über eine Million Dollar kassiert als Honorar für Reden auf sechs Veranstaltungen der Women’s Federation for World Peace in Japan.

Der ehemalige Präsident ist nicht naiv. George Bush ist zweifellos bewußt, daß er, wenn er Sun Myung Mun wie in einer Ansprache in Buenos Aires 1996 als »einen Visionär« bezeichnet, er damit das Werk eines Mannes legitimiert, der mit Hilfe von Manipulation und Hinterlist billige Arbeitskräfte rekrutiert, die dazu beitragen, seinen ausschweifenden Lebensstil zu finanzieren. Präsident Bush wurde dafür bezahlt, zusammen mit Reverend Mun eine Party in Buenos Aires zu besuchen, um Tiempo del Mundo, »Die Welt-Times«, zu promoten, ein wöchentlich erscheinendes, achtzig Seiten starkes Boulevardblatt in spanischer Sprache, das in 17 Ländern Südamerikas vertrieben wird.

Jedes Photo Reverend Muns an der Seite einer politischen Größe, gleich welcher Nation, festigt seine Glaubwürdigkeit. Photos von Sun Myung Mun als Oberhaupt einer internationalen religiösen Vereinigung bringen Politiker wie Argentiniens Präsident Carlos Saul Menem dazu, sich mit ihm zu treffen, obgleich er in diesem Land nur ein paar Tausend Anhänger hat.

Und den Einfluß, den Reverend Mun sich nicht durch politische Beziehungen beschafft, übt er durch finanzielle Investitionen in Immobilien, Banken und Medien aus. Allein in Lateinamerika werden seine Vermögenswerte auf mehrere hundert Millionen Dollar geschätzt.

Hochgestellte Persönlichkeiten der führenden Religionen in diesen vornehmlich katholischen Regionen haben sich als weniger empfänglich erwiesen für Sun Myung Muns Rekrutierungsbestrebungen. »Manipulative Bekehrungsbestrebungen von Institutionen wie der Vereinigungskirche beleidigen den Glauben der Christen unseres Landes und anderer Länder Lateinamerikas«, hieß es in einem Statement katholischer Bischöfe in Uruguay im Jahre 1996. »Diese Organisationen werben mit fundamentalen menschlichen Werten, sind aber tatsächlich nur darauf aus, Gläubige für ihre religiöse Bewegung zu werben.«

Die größte Herausforderung der Vereinigungskirche wird in den nächsten Jahren darin bestehen, sich Japan als Finanzmotor zu erhalten, der diesen lukrativen Apparat am Laufen hält. Japan ist seit Jahrzehnten Sun Myung Muns umfangreichste Basis und zuverlässigste Geldquelle. Aber auch dort stagnieren die Einkünfte seit einigen Jahren nach einer Welle von öffentlichen Beschwerden, Prozessen und staatlichen Untersuchungen der Kirchenangelegenheiten. Die Kirche behauptet, sie hätte in Japan 460 000 Mitglieder, aber Kritiker meinen, die tatsächliche Anhängerschaft betrage wohl eher 30 000 Personen, darunter nur 10 000 aktive Mitglieder.

1982 gründete Reverend Mun die Washington Times als Gegengewicht zum liberalen Trend der amerikanischen Presse, vor allem der Washington Post. Die Washington Times Corporation gibt außerdem ein wöchentliches Nachrichtenmagazin namens Insight heraus, das ebenfalls als Forum für Reverend Muns antikommunistische Ideologie gegründet wurde. Sein Timing war perfekt; die Washington Times wurde zum Lieblingsblatt des konservativen Republikaners Ronald Reagan. Verwaltungsbeamte der Reagan-Regierung spielten den Reportern der Times häufiger Informationen zu. Obwohl die Herausgeber beider Zeitungen behaupten, ihre Publikationen wären unabhängig von der Vereinigungskirche, wurde der erste Herausgeber und Verleger der Washington Times, James Whelan, gefeuert, nachdem er sich eine Einmischung seitens der Kirche verbeten hatte.

Mit seinen Marmorsäulen, den Messinggeländern und den dickflorigen Teppichen wirkt der Hauptsitz der Washington Times professioneller als es die Zeitung tatsächlich ist. 16 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen erwirtschaftet die Zeitung immer noch Verluste. Sie erhält Zuschüsse aus den Gewinnen anderer Unternehmungen Reverend Muns sowie in zunehmendem Maße »Spenden« von japanischen Kirchenmitgliedern.

Bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen der Washington Times 1992 sagte Reverend Mun, er habe in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens fast eine Milliarde Dollar in die Zeitung gesteckt, um aus ihr »ein Instrument zur Rettung Amerikas und der restlichen Welt« zu machen. Reverend Mun teilte den Gästen im Omni Shoreham Hotel in Washington mit, daß er die Times gegründet habe, weil er glaube, es sei Gottes Wille, daß er eine Zeitung herausbringe, mit der Mission, die Welt vor dem endgültigen Verfall der traditionellen Werte zu bewahren und die freie Welt vor der Bedrohung des Kommunismus zu schützen.

Im selben Jahr bewahrte Reverend Mun die Universität von Bridgeport vor dem Bankrott und verschaffte der Kirche somit eine legitime akademische Institution, die ihn in seinen Bestrebungen unterstützen sollte, die Welt zu retten. Die Professors World Peace Academy, eine Mun-Organisation, hat über 100 Millionen Dollar gespendet, um die Universität von Connecticut zu erhalten. Ein Verein, der sich als Coalition of Concerned Citizens bezeichnete, sperrte sich gegen Reverend Muns Angebot, im Austausch gegen eine gewisse Anzahl von Sitzen im Kuratorium die Schulden der Universität zu begleichen. Die Universität entschied sich fürs Überleben. Letztendlich unterlagen die Befürchtungen der Dozenten bezüglich der Einflußnahme der Muns auf die akademische Freiheit, dem Wunsch, ihre Arbeitsplätze zu erhalten.

Die Kuratoren waren bereit, die Augen zu verschließen vor der wahren Quelle der Gelder, die den Erhalt der Hochschule sicherten, und schenkten Sun Myung Muns Versicherungen, daß die Vereinigungskirche keinerlei Kontakt zu der Universität herstellen würde, bereitwillig Glauben. 1997 machte die Vereinigungskirche ihre Beziehung zur Universität von Bridgeport öffentlich, indem sie auf dem Campus ein Internat gründete. Die New Eden Academy International unterrichtet 44 Kinder von Kirchenmitgliedern. Der Direktor der Schule, Hugh Spurgin, ist seit 29 Jahren treuer Anhänger Sun Myung Muns. Seine Frau ist Vorsitzende der Women’s Federation for World Peace. Die High-School benutzt Hörsäle der Universität für allerlei Fächer, einschließlich Religionsunterricht. Die Schüler essen in der Universitätsmensa und lernen in der Bibliothek, und trotzdem beharrt das Internat darauf, unabhängig zu sein und lediglich Räume der Universität anzumieten.

Stadtrat William Finch, eine der führenden Persönlichkeiten der Coalition of Concerned Citizens, hatte ganz recht, als er der New York Times sagte: »Der Umstand, daß es scheinbar niemanden kümmert oder beunruhigt, zeigt nur, wie weit die Vereinigungskirche gekommen ist in ihrem Bestreben, sich in der breiten Öffentlichkeit Akzeptanz zu verschaffen.«

In Japan sind allerdings sehr viele Leute beunruhigt von den Umtrieben der Vereinigungskirche. Hunderte haben geklagt, weil Mitglieder der Vereinigungskirche ihnen ihre ganzen Ersparnisse genommen haben unter dem Vorwand, Sun Myung Muns Fürsprache könne einen verstorbenen lieben Menschen vor dem Höllenfeuer bewahren. Staatliche Verbraucherzentralen berichten von fast 20 000 Beschwerden gegen die Vereinigungskirche seit 1987. Die Kirche hat bereits Millionen gezahlt als Abfindung in Prozessen, bei denen es um den Verkauf von Vasen, Ikonen und Gemälden ging, denen übernatürliche Kräfte zugesprochen wurden.

Die Vereinigungskirche hat in den Vereinigten Staaten und Europa nie großen Zulauf gehabt. Ihre geschäftlichen Aktivitäten sind weit verzweigt und die Erträge gewaltig. Als spirituelles Unternehmen war die Vereinigungskirche jedoch ein ziemlicher Flop. Die Kirche gibt die Zahl ihrer Mitglieder in den Vereinigten Staaten mit 50 000 an, aber ich persönlich schätze, daß es in den USA nicht mehr als ein paar Tausend aktive Mitglieder sind und in England nur ein paar Hundert. Sun Myung Mun persönlich wurde 1995 die Einreise in Großbritannien verwehrt, weil das Innenministerium, das auch für Einreise- und Immigrationsfragen zuständig ist, seine Anwesenheit als »schädlich für das Gemeinwohl« eingestuft hat. Es ist auch nicht mehr so einfach wie früher, beeinflußbare junge Leute zu finden, die bereit sind, 18 Stunden am Tag aus dem Kofferraum heraus Krimskrams zu verkaufen, um Geld für den Messias aufzubringen.

Reverend Mun hoffte, neue Rekruten in den Reihen seiner alten Feinde, der Kommunisten, zu finden. 1990 begann die Vereinigungskirche mit massiven Rekrutierungsmaßnahmen und Investitionen in der Sowjetunion. Sun Myung Mun traf sich auf der Krim mit Präsident Michail Gorbatschow und lud auch eine Anzahl ausgesuchter Journalisten in seine Residenz in Seoul ein, zu seinem ersten Interview in zehn Jahren. Im selben Jahr reiste Bo Hi Pak, einer von Muns engsten Vertrauten, an der Spitze einer Delegation von Geschäftsleuten aus Korea, Japan und den USA nach Moskau, um die dortigen Investitionsmöglichkeiten auszuloten. Vor seiner Abreise stellte Bo Hi Pak einen 100 000-Dollar-Scheck aus als Spende für eine von Raissa Gorbatschows liebsten Kulturstiftungen.

Die Bemühungen Reverend Muns in Rußland scheinen seit dem Zusammenbruch des Kommunismus und der Zersplitterung der Sowjetunion zu stagnieren. Sein Fehlstart dort wurde überschattet von verheerenden Investitionsverlusten in China. Auf Drängen Bo Hi Paks hatte Reverend Mun 250 Millionen Dollar in eine Automobilfabrik in Huizhou in Südchina investiert. Er versprach auch, die Panda Motors Corporation mit einer Milliarde Dollar zu unterstützen und das ganze Land mit Kleinwagen zu versorgen. Reverend Mun behauptete, er sei nicht an Profit interessiert, sondern es ginge ihm nur darum, in ärmere Länder zu investieren. Sein Einsatz für die Entwicklung Chinas verflog allerdings schlagartig, als bürokratische Hindernisse und Planungsschwächen die Arbeiten an der Fabrik ins Stocken brachten. Er gab das Projekt nach kurzer Zeit auf und verdoppelte statt dessen seine Bemühungen in Südamerika, wo Kirchenführern zufolge die Zukunft rosiger ist.


Ich höre inzwischen Vorlesungen an der University of Massachusetts, während meine Kinder in der Schule sind. Ich studiere Psychologie, vielleicht ebenso von dem Bedürfnis getrieben zu begreifen, was mit mir geschehen ist, wie in Vorbereitung auf eine berufliche Laufbahn, bei der ich anderen in Not Geratenen helfen kann. Ich war jahrelang eine geprügelte Ehefrau, aber ich war auch Mitglied einer religiösen Sekte. Derzeit bemühe ich mich noch, die Entscheidungen zu verstehen, die ich im Laufe von 14 Jahren getroffen beziehungsweise nicht getroffen habe.

Eins habe ich jedenfalls aus der Erfahrung gelernt: Der menschliche Verstand ist etwas sehr Komplexes. Begriffe wie »Gehirnwäsche« und »Bewußtseinskontrolle« sind besser geeignet für politische als für psychologische Diskussionen über die Vereinigungskirche. Schlagworte können die Anziehung, die Gruppen wie die Munies auf bestimmte Menschen ausüben sowie das Ausmaß ihrer Macht über ihre Anhänger nicht ausreichend erklären.

Wenn ich glauben könnte, ich wäre einer Gehirnwäsche unterzogen worden, könnte ich mich freimachen von den Depressionen und quälenden Selbstvorwürfen, die meine neue Freiheit begleiteten. Noch verstehe ich nicht so ganz, wie ich so lange blind sein konnte gegenüber der Scharlatanerie Sun Myung Muns. Meine Erfahrungen waren andere als jene der rekrutierten Mitglieder. Man entzog mir weder Schlaf noch Nahrung, unterwarf mich nicht stundenlangen indoktrinierenden Predigten und isolierte mich nicht von meiner Familie. Ich wurde in diese Religion hineingeboren. Meine Eltern waren tief verwurzelt in Traditionen und Überzeugungen einer Kirche, die ihnen vorgab, wie sie leben, was sie arbeiten und mit wem sie Umgang pflegen sollten. Ich hatte nie etwas anderes gekannt.

Ich fühle mich betrogen, aber ich bin nicht verbittert. Ich fühle mich benutzt, aber ich bin mehr traurig als wütend. Ich wünschte, ich könnte die Jahre zurückholen, die ich an Sun Myung Mun verschwendet habe. Ich wünschte, ich könnte wieder ein kleines Mädchen sein. Ich frage mich, ob ich je romantische Liebe kennenlernen werde, ob ich jemals wieder in der Lage sein werde, einem Mann oder einer Führungspersönlichkeit zu vertrauen.

In vieler Hinsicht bin ich eine 30jährige Frau, die eine verspätete Jugend durchlebt. Ich lerne zusammen mit meiner 15 jährigen Tochter alles über Unabhängigkeit, Rebellion, Mode, Gruppenzwang und persönliche Verantwortung. Manchmal fühle ich mich erdrückt von meiner Verantwortung, aber ich genieße die Freiheit, meine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Ich habe mein Leben im Griff. Es gibt auf der ganzen Welt kein befreienderes Gefühl. Zum erstenmal empfinde ich so etwas wie wahres Glück. Ich verspüre eine völlig neue Energie bei meinem Studium und bei meiner ehrenamtlichen Arbeit in einem Frauenhaus. Ich habe befriedigt festgestellt, daß ich nicht nur innerhalb meiner Familie Gutes tun kann, sondern auch außerhalb.

Es gibt ein altes koreanisches Sprichwort, das lautet: wenn du ins Wasser fällst, gib nicht dem Fluß die Schuld, sondern dir selbst. Zum erstenmal in meinem Leben ergibt diese Weisheit für mich einen Sinn. Ich allein bin verantwortlich für mein Leben. Ich allein bin verantwortlich für mein Handeln und für meine Entscheidungen. Es ist beängstigend. Ich habe mein halbes Leben lang sämtliche Entscheidungen einer »übergeordneten Autorität« überlassen. Zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, bedeutet auch, bereit zu sein, die Konsequenzen zu tragen – die guten wie die schlechten.

Ich habe viel Zeit darauf verwandt, meinen Kindern dieses Prinzip verständlich zu machen. Ich weiß, daß möglicherweise eines Tages eines von ihnen mir erklärt, daß es zur Vereinigungskirche zurück möchte. Mir ist bewußt, daß Shin Gil als Hyo Jins ältester Sohn eines Tages enormem Druck ausgesetzt sein wird, in den Schoß der Wahren Familie zurückzukehren. Für die Hülle der letzten CD seiner neuen Band Apocalypse hat Hyo Jin ein Photo von sich und Shin Gil verwendet; der Titel des Albums lautet »Hold on to Your Love« (Halt an deiner Liebe fest).

Ich bete, daß weder Shin Gil noch eins seiner Geschwister sich als Erwachsener zurück in den Bannkreis der Vereinigungskirche locken lassen wird. Falls doch, wird es mich traurig stimmen, aber ich werde es akzeptieren. Ich hoffe, meinen Kindern bis dahin beigebracht zu haben, überlegt und besonnen zu handeln. Ich hoffe, daß es mir gelingt, sie zu lehren, sich nicht von Geld oder der Illusion von Macht blenden zu lassen. Ich hoffe, daß es mir gelingt, sie zu lehren, daß wir alle arbeiten müssen für das, was wir uns im Leben wünschen; daß, wenn wir etwas nicht erarbeitet haben, es nicht wirklich uns gehört; daß, wenn etwas zu gut erscheint, um wahr zu sein, dem vermutlich tatsächlich so ist.

Ich werde meine Kinder immer lieben, ganz egal, was für Entscheidungen sie für sich treffen, so wie ich meine eigenen Eltern immer geliebt habe, wie sehr ich auch einige ihrer Entschlüsse bereuen mag. Ich hoffe, daß meine Beziehung zu meinen Kindern immer offen und ehrlich genug sein wird, um unterschiedliche Meinungen zuzulassen, ohne daß diese sich zwischen uns stellen. Das ist wahre Liebe – und nicht, blind irgendeinem Messias zu folgen.

Ich gestehe, daß ich einen gewissen Zynismus entwickelt habe gegenüber organisierter Religion. Jene, die nur in »Sekten« Gefahren sehen, übersehen, wie schmal der Grat ist zwischen gemäßigter Religion und religiösem Extremismus. Was unterscheidet jene, die in Sun Myung Mun tatsächlich den Messias sehen, von denen, die den Papst für unfehlbar halten? Welche Religion behauptet nicht von sich, als einzige den besten Weg ins Himmelreich zu kennen? Viele Religionen setzen ein wenigstens vermindertes kritisches Denken voraus. Der Unterschied liegt natürlich darin, daß die großen Religionen ihre Anhänger ermutigen, sich völlig frei von Zwang für den Glauben zu entscheiden. Es gibt keine hinterlistigen Anwerbungspraktiken, keine wirtschaftliche Ausbeutung, keine erzwungene Isolation von der Außenwelt.

Ich bin enttäuscht von der Religion, nicht aber von Gott. Ich glaube immer noch an ein höheres Wesen. Ich glaube, daß es Gott war, der mir die Augen geöffnet hat, daß er mir die Kraft gegeben hat zu überleben und den Mut zu fliehen. Mein Gott ist eine allumfassende Gottheit, die mir in meinen schmerzlichsten Kämpfen zur Seite steht. Er war bei mir, als ich eine Kindbraut war, als ich im Teenageralter mein erstes Kind bekam und von meinem Ehemann mißhandelt wurde. Und er ist jetzt bei mir, da ich mich bemühe, meine Kinder nach seinem Vorbild zu erziehen. Gläubige haben verschiedene Namen für Gott und machen sich unterschiedliche Vorstellungen von ihm, aber wir alle kennen sein Herz. Der Gott, dem ich vertraue, hat mir die Fähigkeit zu denken gegeben; und er erwartet von mir, daß ich sie nutze.

Am 29. November 1997 führte Sun Myung Mun eine Massenheirat im Robert-F.-Kennedy-Stadion in Washington durch. Die Veranstaltung war weit entfernt von jenem ähnlichen Event im Madison Square Garden 1982. Bei dieser letzten Zeremonie mußte die Vereinigungskirche ganz schön die Werbetrommel rühren, um das Stadion zu füllen. Die meisten der 28 000 Paare, die teilnahmen, waren schon verheiratet und Mitglieder anderer Religionen. Viele hatten freie Eintrittskarten angenommen, die in Einkaufszentren und auf Supermarktparkplätzen verteilt worden waren. Offiziell nannte die Vereinigungskirche die Veranstaltung World Culture and Sports Festival. Die Attraktion war nicht Sun Myung Mun, der Messias, sondern Popstar Whitney Houston. Man hatte ihr eine Gage von einer Million Dollar für einen 45minütigen Auftritt geboten. Unglücklicherweise für jene, die kamen, um sie zu sehen, erfuhr Houston einen Tag vor der Veranstaltung, daß diese von Sun Myung Mun gesponsort wurde und sagte ab, eine plötzliche Erkrankung vorschützend.

Sie war nicht die einzige Berühmtheit, die absagte. Die pakistanische Premierministerin Benazir Bhutto, der Führer der christlichen Koalition Ralph Reed und Camelia Anwar Sadat, die Tochter des ermordeten ägyptischen Präsidenten, überlegten es sich alle anders, als sie erfuhren, daß das Festival nur eine Publicity-Veranstaltung Sun Myung Muns war.

Als die Vereinigungskirche erkannte, daß sie ihren Bezug zu dem Festival nicht geheimhalten konnte, gab Sun Myung Mun ganzseitige Zeitungsannoncen auf, in denen er verheiratete Paare aufforderte, an einem »ökumenischen« Ereignis teilzunehmen, um ihre Eheversprechen zu erneuern und ihre Familienwerte zu festigen, hieß es. »Wir versuchen nicht, mich als Person zu promoten oder die Vereinigungskirche als Institution zu fördern. Unser Ziel ist es, alle Menschen und alle Religionen zu vereinen in dem Bestreben, die Familie zu stärken.«

Unter jenen, die sich an diesem kalten Herbstnachmittag im RFK-Stadion einfanden, waren nur Wenige Hundert Paare, die innerhalb der Vereinigungskirche frisch vermählt wurden. Sun Myung Muns zwei jüngste Söhne waren unter ihnen. Tatsächlich waren sie allerdings bereits einige Monate zuvor verheiratet worden. Bei dem pompösen Familienbankett im Anschluß an die Doppelhochzeit wurden auf dem Ehrentisch Tischkarten für sämtliche Mitglieder der Wahren Familie aufgestellt. Die Muns waren entschlossen, die Fiktion der Einheit und Vollkommenheit der Familie aufrechtzuerhalten. Es gab ein Gedeck für Je Jin und eins für Jin, obwohl Sun Myung Muns älteste Tochter und mein Bruder zusammen mit ihren Kindern daheim in Massachusetts waren.

Neben dem Hyo Jin zugedachten Platz fand sich auch ein Gedeck für mich. Mein Stuhl War leer, als wäre ich eben erst aufgestanden und als erwarte die Wahre Familie mich jeden Moment zurück.


Deutsch

Nansook – Ich schaue nicht zurück, Teil 1

Nansook – Ich schaue nicht zurück, Teil 2

Nansook – Ich schaue nicht zurück, Teil 3

Niederschrift von Sam Parks Video


Englisch

Nansook Hong gives three interviews

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 1

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 2

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 3

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 4

Whitney Houston a no-show at Moon’s mass wedding ceremony


Französisch

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 1

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 2

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 3

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 4


Spanisch

Nansook Hong entrevistada

‘A la Sombra de los Moon’ por Nansook Hong


Japanisch

Nansook Hong’s interview on ‘60 minutes’ – Japanisch

TV番組「60分」で洪蘭淑インタビュー

わが父文鮮明の正体 – 洪蘭淑

わが父文鮮明の正体 – 洪蘭淑 4

文鮮明「聖家族」の仮面を剥ぐ – 洪蘭淑