Nansook Hong – Ich schaue nicht zurück, Teil 1

Ich schaue nicht zurück – 14 Jahre Hölle: Ein Opfer der Mun-Sekte berichtet
Nansook Hong (2000)


Im Familienzimmer von East Garden zeige ich meinem Sohn Shin Gil, wie er sich vor seiner Großmutter Hak Ja Mun zu verneigen hat (auf dem Foto umringt von ihren Enkelkindern).


Ich schaue nicht zurück

Vierzehn Jahre lang ist Nansook in einer unglücklichen Ehe mit dem Sohn des Sektengründers Sun Myung Mun gefangen. Aber erst als er sie – obwohl hochschwanger – schlägt, wird ihr klar, daß sie ihm mit ihren Kindern heimlich verlassen muß, um weiterleben zu können …

Nansook Hong

Aus dem Amerikanischen übertragen von Cécile C. Lecaux

August 2002


Als die 15jährige Nansook Hong, Tochter strenggläubiger Anhänger der »Vereinigungskirche«, den ältesten Sohn des Sektenführers von Sun Myung Mun heiratet, glaubt sie, nunmehr Mitglied einer »heiligen Familie« zu sein.

Doch schnell begreift sie, daß das Gesicht, das die Muns der Öffentlichkeit zeigen, mit der Realität nichts zu tun hat. Statt Liebe, Keuschheit und Gottesfurcht sind Schläge, Beleidigungen, Ehebruch und Drogen an der Tagesordnung. Nur die Kinder, die sie bekommt, machen ihr Leben in den folgenden Jahren erträglich.

Als ihr Mann sie eines Tages zusammenschlägt, obwohl sie hochschwanger ist, und ihr droht, sie umzubringen, wird ihr klar, daß sie fliehen muß, denn einer Scheidung wird die Familie nie zustimmen …


Anmerkung der Autorin:

Die Namen von Shin June, Je Jin und Jin sind verändert worden, um die Anonymität dieser Familienmitglieder zu gewährleisten.


Für meine Kinder


Inhaltsverzeichnis

Vorwort     7

Kapitel 1     21

Kapitel 2     45

Kapitel 3     67

Kapitel 4     96

Kapitel 5     122

Kapitel 6     145

Kapitel 7     171

Kapitel 8     197

Kapitel 9     229

Kapitel 10     264

Nachwort     286


Vorwort

Das Signal meines Piepers riß mich aus dem Schlaf. Entsetzt sah ich, daß die Sonne bereits aufgegangen war. Licht strömte durch die Erkerfenster und fiel auf die blaugestreifte Tapete des Kinderzimmers. Vom Fußboden am unteren Ende von Shin Hoons Wiege aus, wo ich eingeschlafen sein mußte, kurz bevor der 8. August 1995 anbrach, konnte ich draußen die Umrisse der Berge sehen.

Ich wußte, daß es Madelene war, die versuchte, mich zu erreichen. Ein Blick auf meine Armbanduhr bestätigte mir, daß ich unser für 5.00 Uhr geplantes Treffen verschlafen hatte. Wie hatte mir das ausgerechnet an diesem Tag passieren können? Hatte ich nach Monaten geheimer Zusammenkünfte und sorgfältiger Planung in letzter Minute doch noch alles verpatzt?

Auf nackten Sohlen schlich ich über den breiten Flur zum Elternschlafzimmer; der rote Teppichboden schluckte das Geräusch meiner Schritte. Ich wagte kaum zu atmen, als ich ein Ohr an die schwarze Lacktür drückte. Ich hörte nur das rauhe Husten, das die nächtlichen Kokaingelage meines Ehemanns begleitete.

Wir konnten nur hoffen, daß Hyo Jins Rausch auch an diesem Morgen sein Bewußtsein trübte. Monatelang hatte er kaum wahrgenommen, daß Möbel, Kleider und Spielsachen aus dem zweiten Stock des Backsteinhauses verschwunden waren, das wir auf dem Anwesen seines Vaters, Reverend Sun Myung Mun, Gründer der Vereinigungskirche und selbsternannter Zweiter Messias, bewohnten.

Erst vor einer Woche hatten Hyo Jins blutunterlaufene Augen das Fehlen des IBM-Computers registriert, der immer in einer Ecke von Shin Junes Zimmer gestanden hatte. »Wo ist denn der PC?« hatte er Shin June gefragt, das älteste unserer fünf Kinder. Mit zwölf Jahren war sie ganz selbstverständlich in die Rolle der Komplizin geschlüpft. Das Leben auf dem Mun-Anwesen – in einer Atmosphäre, die weniger von Spiritualität geprägt war denn von Palastintrigen – hatte meine Kinder gelehrt, Geheimnisse für sich zu behalten.

»Er ist kaputt, Appa, er ist in Reparatur«, antwortete sie ohne zu zögern. Ihr Vater zuckte nur mit den Achseln und ging in sein eigenes Zimmer zurück.

Ich sage »sein« Zimmer, weil ich schon vor langer Zeit aus dem Elternschlafzimmer ausgezogen war. Tatsächlich war es eher die private Drogenhöhle meines Mannes als ein Schlafzimmer; der cremefarbene Teppichboden war mit Zigarettenstummeln und leeren Tequilaflaschen übersät, und im Fernseher liefen den ganzen Tag über Pornovideos.

Seit dem vergangenen Herbst hatte ich diesen Raum möglichst gemieden, seit ich Hyo Jin nach unzähligen falschen Versprechungen, endlich damit aufzuhören, erneut beim Kokainschnupfen ertappt hatte. Ich hatte versucht, das Kokain in der Toilette hinunterzuspülen, und er hatte mich deswegen so brutal verprügelt, daß ich befürcht hatte, er würde das Baby in meinem Bauch töten. Er hatte mich gezwungen, das auf dem Badezimmerfußboden verschüttete weiße Pulver zusammenzufegen. Währenddessen schlug er weiter auf mich ein. Später führte Hyo Jin religiöse Motive dafür an, daß er seine im siebten Monat schwangere Frau halbtot geprügelt hatte: Er habe mich lehren wolle, dem Sohn des Messias mit angemessener Demut zu begegnen.


▲ Die East Garden Haus mit 19 Zimmer

Das sieben Hektar große, abgeschiedene Gelände auf dem wir lebten, befand sich in Irvington, vierzig Minuten nördlich von New York City. Es war der internationale Hauptsitz der Vereinigungskirche und Wohnsitz des Gründers der religiösen Bewegung, die der Welt als »Mun-Sekte« bekannt ist. Das Anwesen namens East Garden war seit vierzehn Jahren mein Gefängnis, seit jenem Tag, an dem Reverend Mun mich aus Korea hatte kommen lassen, als Kind-Braut für seinen ältesten Sohn, den Erben von Muns göttlicher Mission und seines irdischen Imperiums. Damals war ich gerade erst fünfzehn Jahre alt, ein naives Schulmädchen, das danach strebte, seinem Gott zu dienen. Inzwischen war ich neunundzwanzig und eine Frau, die bereit war, ihr eigenes Leben zurückzufordern.

Heute würde ich fliehen. Ich würde das einzige, was an meiner Ehe heilig war – meine Kinder – mitnehmen und den Mann verlassen, der mich mißhandelte, sowie den falschen Messias, der dies zuließ – zwei Männer, die so viele Fehler hatten, daß, wie ich inzwischen wußte, Gott sie niemals zu seinen Vertretern auf Erden bestimmt hat, weder den Vater Sun Myung Mun noch seinen Sohn.

Für jemanden, der nicht der Vereinigungskirche angehört, ist es leicht, darüber zu spotten, daß irgendwer so etwas jemals glauben konnte. Die meisten Menschen denken, wenn sie den Namen »Mun« hören, an junge Leute, die man einer Gehirnwäsche unterzogen hat und die ihr Leben darauf verschwenden, an irgendwelchen Straßenecken Blumen zu verkaufen, um die Taschen eines cleveren und charismatischen Sektenführers zu füllen. Diese Sichtweise ist nicht ganz falsch, aber viel zu einseitig.

Ich wurde in meinen Glauben hineingeboren. Genauso wie man Kinder aus anerkannten christlichen Religionen lehrt, daß Jesus Christus Gottes Sohn ist, der auf die Erde entsandt Wurde, um für die Sünden der Menschheit am Kreuz zu sterben, lernte ich in der Sonntagsschule, daß Reverend Mun von Gott erwählt sei, um Jesus” Mission zu vollenden, den paradiesischen Urstand wiederherzustellen. Reverend Mun war der Zweite Messias.

Zusammen mit seiner Frau gründete Reverend Mun die erste sündenfreie »Wahre Familie Gottes«. Seine Kinder, die »Wahren Kinder«, sollten auf dieser vollkommenen Grundlage aufbauen. Bei von Reverend Mun arrangierten Segnungen in Form von Massenhochzeiten, die auf der ganzen Welt für Aufsehen sorgen, werden reinblütige Mitglieder der Vereinigungskirche nach den Grundsätzen der Wahren Familie zusammengeführt.

Diese Überzeugungen klingen losgelöst von der Theologie, in die sie eingebettet sind, und von der Kultur, der sie entstammen, zugegebenermaßen bizarr. Aber was ist mit den Wundern, die Jesus vollbracht hat? Oder mit der Teilung des Roten Meeres? Sind biblische Geschichten von unbefleckter Empfängnis und Wiederauferstehung nicht ebenso phantastisch? Jede Religion ist eine Frage des Glaubens. Und wenn der meine ein anderer War, dann vielleicht nur in seiner Intensität. Gibt es einen umfassenderen, unschuldigeren Glauben als den eines Kindes?

Aber jeder Glaube wird von persönlichen Erfahrungen auf die Probe gestellt. Reverend Mun frei von Sünde? Die Mun-Kinder vollkommen? Ein Vater, der seine Verachtung für das bürgerliche Recht dadurch zeigt, indem er von Wahren Gläubigen Papiertüten voller Schwarzgeld aus unbekannter Quellen entgegennimmt? Eine Mutter, die so viel Zeit in schicken Boutiquen verbringt, daß ihr jüngster Sohn auf die Frage seiner Klassenlehrerin zum Alltag seiner Mutter antwortete »Sie geht shoppen«. Ein ältester Sohn, der raucht, betrunken Auto fährt, Drogen konsumiert und entgegen der Doktrin der Vereinigungskirche vor- und außerehelichen Sex praktiziert hat beziehungsweise praktiziert? Das soll die göttliche Familie sein? Tatsächlich läßt sich an diesen Mythos nur aus der Entfernung glauben.

Reverend Mun als den Betrüger zu durchschauen, der er ist, war ein langsamer und schmerzhafter Prozeß. Und er war nur möglich, weil diese Erkenntnis meinen Glauben an Gott nicht erschüttern konnte. Mun hat Gott ebenso im Stich gelassen, wie er mich und alle seine idealistischen und vertrauensvollen Anhänger im Stich gelassen hat.

Aber Gott hat mich nicht im Stich gelassen. Es war Gott, dem ich mich in meiner Einsamkeit und Verzweiflung zuwandte, ein Teenager, der in einem seltsamen Haus in einem fremden Land auf Knien Beistand erflehte. Nur Gott allein tröstete mich, eine Kindfrau in den Händen eines Ehemannes, der mich entweder wie ein Sexspielzeug behandelte oder seine unkontrollierten Wutausbrüche an mir abreagierte.

Gott führte mich auch jetzt, da ich nach meinen schlafenden Kindern und den Koffern sah, die wir über Wochen heimlich gepackt hatten. Mein Glaube an Sun Myung Mun war neunundzwanzig Jahre lang Mittelpunkt meines Lebens gewesen, aber ein verlorener Glaube ist nichts gegen die Liebe einer Mutter. In der abgeschotteten, vergifteten Welt der Wahren Familie waren meine Kinder mein einziger Quell des Glücks gewesen. Ich mußte ebenso um ihretwillen flüchten wie um meiner selbst willen.

Als ich den älteren das erste Mal anvertraute, daß ich fortgehen würde, wollte keins von ihnen bleiben, obwohl sie wußten, daß es das Ende des feudalen Daseins sein würde, das sie von kleinauf gekannt hatten. Dort, wo wir hingingen, würde es kein Herrenhaus mehr geben, keine Chauffeure, keinen Swimmingpool mit olympischen Ausmaßen, keine private Bowlingbahn, keine Reitstunden, keine Privatschulen, keine Japanischlehrer oder Ferien erster Klasse.

Außerhalb der Mauern des Mun-Anwesens würde man sie nicht als die Wahren Kinder des Messias verehren. Es würde keine Kirchenmitglieder geben, die sie anbeteten, sich vor ihnen verneigten und sich darum rissen, ihnen dienen zu dürfen.

»Wir möchten nur mit dir in einem kleinen Häuschen wohnen, Mama«, teilte mir die Älteste mit, deren bescheidener Traum sich mit dem meinen deckte.

Und doch hatten Zweifel und eine nicht erwartete Trauer mir den Großteil der Nacht den Schlaf geraubt. Noch lange nachdem im Haus Stille eingekehrt war, hatte ich betend und lautlos weinend die Flure und die vertrauten Zimmer durchquert. Jedesmal, wenn ich die Augen geschlossen hatte, waren die Fragen in mir aufgestiegen, die mich seit Monaten quälten: Tat ich das Richtige? War meine Flucht eine Manifestation von Gottes Willen oder nur ein Zeichen meines Versagens? Warum war es mir nicht gelungen, die Liebe meines Mannes zu gewinnen? Warum hatte ich es nicht geschafft, ihn zu ändern? Sollte ich besser bleiben und beten, daß mein Sohn, wenn er erst erwachsen war, die Vereinigungskirche auf den rechten Pfad zurückführte?

Aber mich plagten noch viel praktischere Ängste. Mir war bewußt, daß ich mich selbst und meine Kinder zu spirituellen Verstoßenen machte, indem ich den Machtbereich Reverend Sun Myung Muns verließ, aber brachte ich uns damit auch körperlich in Gefahr? Würde die Kirche mich verfolgen, um mich mundtot zu machen? Oder war ich sicherer, wenn ich blieb? Wie oft hatte Hyo Shin gedroht, mich und die Kinder zu töten? Ich wußte, daß er im Drogenoder Alkoholrausch durchaus in der Lage war, seine Drohungen wahr zu machen. Jedenfalls besaß er die nötigen Waffen hierzu – ein regelrechtes Arsenal, erworben mit Kirchengeldern –, das er dazu benutzte, mich und jeden anderen, der ihm in die Quere kam, zu terrorisieren.

Ich rief mir ins Gedächtnis, daß ich nicht übereilt handelte. Ich hatte diesen Tag seit dem vergangenen Winter geplant, als Hyo Jins letzte, bislang unverblümteste Affäre sogar Reverend Mun aus seiner üblichen Gleichgültigkeit gerissen hatte. Als Vater auf seinem Standpunkt beharrte, daß ich für die Sünden meines Mannes verantwortlich sei und mein Versagen als Ehefrau schuld sei an Hyo Jins Verfehlungen, wußte ich, daß ich fort mußte.

Ich hatte alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Sobald ich den Entschluß zu fliehen gefaßt hatte, hatte ich begonnen, Geld beiseitezuschaffen. Ich hob von der Bank alles Geld ab, das ich für die Ausbildung der Kinder eingezahlt hatte. Ich sparte jeden Dollar der vielen Tausend, die Mrs. Mun mir gelegentlich als Taschengeld in die Hand drückte. Als sie mir für die Zeremonie zu Ehren der Geburt meines Babys in einer Boutique von Jeager etwas zum Anziehen kaufte, ließ ich die Preisschilder dran, um das eintausend Dollar teure Outfit hinterher zurückbringen zu können und mir den Kaufpreis erstatten zu lassen.

Mit Hilfe meines Bruders und seiner Frau, der ältesten Tochter Reverend Muns, fand ich ein bescheidenes Häuschen in dem Ort in Massachusetts, in dem die beiden bereits seit längerem als Ausgestoßene der Mun-Sekte lebten. Ich hatte sie beneidet, als sie seinerzeit die Kirche verließen, und jetzt, nur ein paar Jahre später, vertraute ich darauf, daß sie mich in die Freiheit führen würden, die sie selbst gefunden hatten. Ich hatte mich um sie ebenso gesorgt wie um meine eigenen Eltern, die Mitglieder der Elitegruppe von Muns ersten koreanischen Jüngern gewesen waren und sich etwa um die gleiche Zeit ebenfalls angewidert von der Vereinigungskirche abgewandt hatten. Meine Eltern warteten in Korea auf Nachricht von meinem Bruder, daß ich frei wäre.

Ich war ihnen allen so dankbar. Viel zu oft hatte ich die Unterstützung meines Bruders als selbstverständlich betrachtet, schon als Kind. Sogar wenn wir unterschiedlicher Meinung waren – und das waren wir oft – War Jim immer für mich da. Jim hatte Anwälte engagiert, die mir erklären sollten, wie ich mich und meine Kinder schützen konnte, wenn wir erst in Freiheit waren. Sie hatten uns auch geholfen, den Tag meiner Flucht auszuwählen. Wir würden an einem Dienstag fliehen, weil das Familiengericht in Massachusetts County, wo wir leben würden, immer mittwochs mißhandelte Frauen anhörte und einstweilige Verfügungen ausstellte, die es ihren gewalttätigen Partnern untersagten, sich ihnen zu nähern.

Ich versuchte außerdem, jene zu schützen, die ich zurücklassen würde. Kumiko war fünf Jahre mein Kindermädchen gewesen. Sie war eine überzeugte Anhängerin der Kirche und stammte, ebenso wie ihr Ehemann, der als Gärtner auf dem East-Garden-Anwesen arbeitete, aus Japan. Wochenlang hatte sie beobachtet, wie ich Kisten packte, dazu jedoch niemals etwas gesagt. Kein Munie wäre so impertinent, das Tun eines Mitglieds der Wahren Familie zu hinterfragen. Aber sie hatte jahrlang miterlebt, was ich erdulden mußte. Ich fürchtete, daß man sie verhören würde, wenn Reverend Mun von meinem Verschwinden erfuhr.

Einen Monat vor unserer geplanten Flucht fragte ich Kumiko, wo sie und ihr Mann auf der ganzen Welt am liebsten leben würden. Sie sagte, sie wollten nach Japan zurückkehren, zu den Eltern ihres Mannes. Ihre Schwiegereltern waren schon alt, und ihr Mann war ihr einziges Kind. Sie wollten heim, um sich um die Alten zu kümmern.

Ich wußte, daß es in East Garden ohne die Billigung von Mrs. Mun oder Mutter, wie wir sie nannten, keine personellen Veränderungen gab. Sie war dreiundzwanzig Jahre jünger als der alternde Sun Myung Mun und in zunehmendem Maße die eigentliche Macht hinter dem Thron. Wir hatten einander nie besonders nahe gestanden, nicht zuletzt weil sie sich gern mit machtgierigen Speichelleckern umgab, die sich dadurch einschmeichelten, daß sie ihr von meinen Verfehlungen als Ehefrau und Mutter berichteten. Und doch hatte jahrelange Erfahrung mich gelehrt, wie ich Mutter kleine Gefälligkeiten entlocken konnte.

Ich schmückte die Geschichte entsprechend aus: Kumikos Schwiegereltern wären nicht nur alt, sondern leidend, und das Paar müsse nach Japan zurückkehren, um sie zu versorgen. Lieber käme ich ohne Babysitter aus als sie von ihrer Pflicht abzuhalten. Ich wußte, daß letzteres Gehör finden würde. Wie oft hatte Vater sich beklagt, daß das Personal zu zahlreich wäre und seine Unterbringung und Ernährung zu kostspielig sei? Ein Babysitter und ein Gärtner weniger, und Vaters Wohlwollen war ihr sicher. Bereitwillig erklärte sie sich einverstanden, sie gehen zu lassen, und beauftragte mich, Peter Kim, die rechte Hand Reverend Muns, anzuweisen, ihnen das Geld für die Reise zu geben. Zwei Tage vor meiner Flucht flogen sie nach Japan.

Eine andere junge Frau, die mir mit dem Baby geholfen hatte, sollte in Kürze daheim in Korea einen Wachmann von East Garden heiraten, und ich legte ihr nahe, ihren Aufenthalt in der Heimat bis Oktober auszudehnen, damit möglichst viel Zeit zwischen unserer Flucht und ihrer Rückkehr lag.


Die 24-Millionen-Dollar-Haus und Besprechungszentrum auf dem East Garden Anwesen.

Seit Reverend Mun sich auf dem Anwesen ein eigenes 24-Millionen-Dollar-Haus und Besprechungszentrum gebaut hatte, teilten wir uns das 19-Zimmer-Haus in East Garden mit Hyo Jins Schwester In Jin und ihrer Familie. Das Glück – oder Gott – hatte es so gefügt, daß sie am vergangenen Wochenende fortgefahren waren und noch einige Zeit wegbleiben würden. Aber auch wenn jemand In Jin verraten hätte, daß ich meinen Mann verlassen wollte, hätte sie das niemals ernstgenommen. Sie hätte eher gedacht, ich würde lediglich versuchen, Hyo Shin dazu zu bringen, sich zu benehmen, indem ich ihm drohte, ihm die Kinder wegzunehmen. Vielleicht auch, daß ich ihm eine Lektion erteilen wollte. Ich würde eh wieder zurückkommen. Weder In Jin noch sonst jemand innerhalb der Mun-Familie hätte es jemals für möglich gehalten, daß ich für immer gehen wollte.

Die Wahrheit ist, daß keiner von ihnen mich gut genug kannte, um zu wissen, was ich tun würde. Keiner von ihnen kannte mich auch nur im geringsten. In den 14 Jahren, die ich im Herzen der Mun-Familie verbracht hatte, hatte mich nie irgend jemand gefragt, was ich dachte oder fühlte. Sie befahlen, ich gehorchte. Heute würde ich ihre Ignoranz zu meinem Vorteil nutzen.

Leise weckte ich Shin Hoon. Er war an diesem Morgen neun Monate alt und ein so liebes Baby; er weinte nicht, als ich ihm einen kurzärmeligen Strampelanzug anzog und dann sachte seine Geschwister wachrüttelte. Ich wies die Kinder an, sich ganz leise anzukleiden, und ging dann, um Madelene zu treffen.

Madelene Pretorius war im vergangenen Jahr meine erste echte Freundin geworden. Und jetzt war sie, am anderen Ende meines Piepers, ein wichtiger Fluchthelfer. Madelene war vor zehn Jahren bei einer Zufallsbegegnung mit einem Munie während eines Urlaubs in San Francisco auf einem Hafenpier geworben worden. Es ist eine klassische Rekrutierungstaktik der Kirche, sich mit jungen Menschen anzufreunden, die weit weg von zu Hause allein unterwegs sind. Die Unterhaltung wird rasch von Smalltalk über Philosophie auf die Kirche gelenkt. Eine solche Begegnung endet dann erfolgreich, wenn der Tourist sich einverstanden erklärt, an einem Vortrag oder einem Treffen teilzunehmen. Manche von ihnen kehren nie wieder heim.

In den letzten drei Jahren hatte Madelene für Hyo Jin in den Manhattan Center Studios gearbeitet, dem Aufnahmestudio, das die Kirche in New York City besitzt. Sie hatte den Kokainmißbrauch meines Mannes und seine cholerischen Anfälle hautnah miterlebt. Als ich sie in meinen Fluchtplan einweihte, hatte sie mir ihre Hilfe angeboten. Es war riskant. Wenn er herausbekam, daß sie mir geholfen hatte, würde er seine Wut an ihr auslassen.

Hyo Jin beäugte unsere Freundschaft bereits mißtrauisch. Erst vor wenigen Wochen hatte er uns in der Küche ertappt, als wir uns bei einer Tasse Tee flüsternd unterhielten. Er befahl mir, nach oben zu gehen, und forderte Madelene auf, East Garden zu verlassen. Oben hatte er dann gedroht, mir jeden einzelnen Finger zu brechen, wenn ich es wagte, eine persönliche Freundschaft mit einem Kirchenmitglied zu unterhalten. Solcherlei Drohungen waren typisch für seine besitzergreifende, diktatorische Art.

Ich zittere heute noch bei der Erinnerung an die Mittel und Wege meines Mannes, mich zu kontrollieren. Ich winkte dem Gärtner und den Wachleuten zu, als ich allein durch die schmiedeeisernen Tore von East Garden fuhr, um mich mit meiner Freundin zu treffen. Sie wartete vor dem örtlichen Delikatessengeschäft. Ich würde sie auf das Gelände schmuggeln, so wie ich in den vergangenen Wochen unsere Sachen hinausgeschmuggelt hatte. Fast täglich war ich mit Stühlen, Lampen, Kisten und Koffern an den allgegenwärtigen Überwachungskameras vorbeigefahren. Die Wachen hatten fraglos akzeptiert, daß ich nur die Wohnung neu möbliere und alte Kleider in Belvedere einlagerte, einem zweiten Mun-Anwesen ein Stück weiter die Straße hinunter. Mrs. Mun tat das ständig.

Tatsächlich war ich in die Stadt gefahren, zu dem Lagerraum, den ich angemietet hatte, um die vielen Dinge zu sammeln, die wir für unseren Neuanfang brauchten. Und heute war der Tag, an dem wir auch unser bisheriges Leben hinter uns lassen würden. Mein Bruder und Madelene warteten bereits.

Die Straßen von Irvington und Tarrytown waren ruhig. Es war Hochsommer, die Zeit, in der sich versprengte Touristen die Gegend mit den Einheimischen teilten. Aber zu dieser Stunde war kaum jemand auf der Straße. Ich traf Madelene an der vereinbarten Straßenecke und schmuggelte sie unter einer Decke versteckt auf das Anwesen, damit sie mir mit den Kindern helfen konnte. Wir würden zu dieser Straßenecke zurückkommen, ihren Wagen abholen, dann meinen Bruder an einer vereinbarten Stelle treffen und von dort aus in einem Wohnwagen nach Massachusetts fahren.

Nachdem wir die letzten Koffer in den Van geladen hatten, führten Madelene und ich fünf barfüßige Kinder auf Zehenspitzen am Elternschlafzimmer vorbei, die Haupttreppe herunter und durch die Haustür nach draußen. Ihr Vater rührte sich nicht.

Madelene versteckte die Kinder in verschiedenen Lücken im überladenen Van, setzte sich neben mich und verbarg dann sich selbst unter einer Decke. Ich lenkte den Van langsam die lange, gewundene, von majestätischen Ulmen gesäumte Auffahrt hinunter und durch das Tor, wobei ich einem Wachmann zulächelte, der erst wenige Tage zuvor seinen Job angetreten hatte. Dann bog ich in die Sunnyside Lane ab. Und ich schaute nicht zurück.



▲  Sun Myung Mun um Jahr 1965


1. Kapitel

Reverend Sun Myung Mun ist ein kleiner, stämmiger Mann mit schütterem grauen Haar, das er in einem Schwarzton färbte, der an Schuhcreme erinnerte. Würde man ihm in einer Straße irgendwo in Seoul begegnen, würde man ihn gar nicht bemerken, so unauffällig ist seine äußere Erscheinung.

Er ist studierter Elektroingenieur. Seine Rhetorik zeugt mehr von Durchhaltevermögen – er kann stundenlang auf Koreanisch referieren – als von Charisma. Wenn er auf Englisch predigt, ist er kaum zu verstehen und provoziert mit seiner holprigen Dialektik ungewollt Lacher.

Wie ist es diesem 78 Jahre alten Bauernsohn also gelungen, sich zum Führer einer religiösen Bewegung aufzuschwingen, die weltweit Millionen von Menschen in ihren Bann gezogen hat und sich an den Früchten ihrer Arbeit bereichert? Dies erklärt sich ebenso durch Zeitpunkt und Ort der Entstehung der Vereinigungskirche wie durch den Mann selbst.

Die messianische Botschaft Reverend Sun Myung Muns hätte vermutlich wie das Gebrabbel eines Wahnsinnigen geklungen, wäre sie auf einer Seifenkiste auf dem New York Times Square verkündet worden, aber der Erfolg Reverend Muns fußt auf koreanischer Erde, den spirituellen Traditionen meines Landes und den Wirren eines turbulenten Jahrhunderts der ausländischen Okkupation, des Bürgerkrieges und der politischen Teilung.

Korea ist ein Land, dessen Grenzen von seiner geographischen Lage bestimmt werden, eine Halbinsel, die durch die Nangnim-Berge und die Flüsse Yalu und Tumen gleichzeitig mit dem asiatischen Festland verbunden und von ihm getrennt ist. Diese natürlichen Grenzen haben meine Heimat über Jahrhunderte ebenso effektiv von der Außenwelt isoliert wie die 26 höchsten Berggipfel unsere Leute voneinander ferngehalten haben. Daß es uns gelungen ist, trotzdem eine nationale Identität und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, grenzt an ein Wunder.

Die ersten ausländischen Einflüsse kamen über die Bergpässe im Norden aus China sowie aus Japan, dessen größte Insel Honshu im Japanischen Meer nur 120 Meilen östlich liegt. Aufgrund von Koreas strategischer Lage hat man das Land einmal mit einer Garnele verglichen, die sich als Puffer zwischen Walen wiederfindet. Fremde, die es auf Koreas Seehäfen und natürliche Ressourcen abgesehen hatten, brachten ihren Handel und ihre Kulturen ins Land – und viel zu oft auch ihre Waffen. Auch ihren Glauben brachten sie mit.

Die ursprüngliche Religion Koreas ist eine Art Ur-Schamanismus. Schamanen, oder mudangs, wie wir sie nennen, werden die Fähigkeit zugesprochen, mit der Geisterwelt zu kommunizieren. Sie wahrsagen und bitten die Geister um ihren Segen beispielsweise in Form reicher Ernten oder der Heilung von irgend welchen Krankheiten. Außerdem stehen sie in Verbindung mit den Geistern, die in Wäldern und Bergen sowie einzelnen Bäumen und Felsen wohnen.

Als die Chinesen im vierten Jahrhundert den Buddhismus in Korea einführten, verschwand dieser Volksglaube nicht wieder, formalisierte sich jedoch auch nicht zu einer eigenständigen Religion wie der Taoismus in China oder der Shintoismus in Japan. Die Koreaner verbanden ihren alten Glauben mit den buddhistischen Lehren, die bis zum 14. Jahrhundert der stärkste religiöse Einfluß in Korea blieben. Und auch als der Konfuzianismus aufkam, um in den folgenden fünf Jahrhunderten einen übergeordneten Platz im religiösen Alltag einzunehmen, existierte er neben der alten Tradition, anstatt diese abzulösen.

Dieser Prozeß der Integrierung eigener Überzeugungen in andere religiöse Doktrinen setzte sich bis ins 19. Jahrhundert fort, als der Buddhismus wiederauflebte und auch der christliche Glaube in Korea Anhänger fand. Auch heute noch, da das Christentum die sich am schnellsten ausbreitende Religion in einem noch größtenteils buddhistischen Land ist, hat der Volksglaube noch einen sehr großen Einfluß auf das Denken auch der modernsten Koreaner. Ein Christ, der am Sonntagmorgen in die Kirche geht, kann durchaus am Nachmittag dem Hausgott eine Opfergabe darbringen und hierin keinerlei Widerspruch sehen.

Aber neben dem Urglauben an die Ahnenverehrung und die Geisterwelt existiert in meiner Kultur ein ausgeprägter messianischer Zug. Der Gedanke, daß ein Messias oder »Herold des Rechten Weges« in Korea erscheinen wird, reicht viel weiter zurück als die Einführung des Christentums vor hundert Jahren. Er wurzelt in dem buddhistischen Gedanken des Maitreja, der konfuzianischen Idee des Jin-In oder »Wahren Menschen« und den koreanischen Weissagungsbüchern wie dem Chung Gam Nok.

Auch der Gedanke, daß Könige durch göttliches Recht herrschen, taucht bereits in den frühesten Legenden des Landes auf. Im Kindesalter hören alle Koreaner das alte Volksmärchen von Tangun. Tangun war der Sohn des göttlichen Geistes Hwan-Ung, der wiederum der Sohn von Hwan-in war, dem Gott des Himmels. Der Legende zufolge gestattete Hwan-in seinem Sohn, vom Himmel hinabzusteigen und das Königreich des Himmels auf Erden zu gründen. Hwan-Ung kam nach Korea. Dort traf er auf einen Tiger und eine Bärin, die ihn fragten, wie sie zu Menschen werden könnten. Hwan-Ung gab ihnen eine heilige Speise zu essen. Die Bärin gehorchte und verwandelte sich in eine Frau; der Tiger weigerte sich und mußte ein Tier bleiben. Hwan-Ung heiratete die Frau, und aus dieser Vereinigung eines göttlichen Geistes mit einer ehemaligen Bärin ging Tangun hervor. Tangun wählte Pyongyang als königlichen Wohnsitz und nannte sein Königreich auf Erden Choson.

Die messianischen Gedanken des Reverend Sun Myung Mun fielen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf fruchtbaren Boden. Wieviel von seiner offiziellen Biographie historisch korrekt und wieviel frei erfunden war, danach fragte ich als Kind nicht. Ich sog diese Geschichte über Reverend Mun in mich auf wie ein Reiskorn Wasser aufsaugt. Mir wurde von Geburt an eingebläut, daß er nicht nur ein heiliger Mann beziehungsweise ein Prophet war. Er war von Gott gesalbt. Er war der »Zweite Messias«, der göttliche Führer, der die Religionen der Welt unter seiner Führung vereinen und das Königreich des Himmels auf Erden wiederherstellen würde. Denunziationen durch Anhänger der etablierten Religionen, die ihn mit »Sektenführer« bezeichneten, setzten wir mit der Verfolgung Jesu gleich, dessen Mission Reverend Mun durch göttliche Eingebung zu vollenden strebte.

Reverend Sun Myung Mun wurde am 6. Januar 1920 als fünftes von acht Kindern als Yong-Myung Mun in einem ländlichen Dorf der Provinz Nord-P’yongan im Nordwesten Koreas geboren, drei Meilen von der Küste entfernt. Sein Geburtsname bedeutet übersetzt »Leuchtender Drache«, was im späteren Leben für ihn zu einem Problem wurde, da der Drache ein Symbol des Satans ist. Daher änderte er seinen Namen, als er Wanderprediger wurde, in Sun Myung Mun.

Zum Zeitpunkt von Reverend Muns Geburt stöhnte mein Volk unter dem Joch der japanischen Besatzung. Japan hatte Korea 1905 kolonisiert, eine Kolonisation, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ende ging. Damals betrug der Anteil der Christen in der koreanischen Bevölkerung weniger als ein Prozent, aber das Christentum fand regen Zulauf in unserer vielschichtigen Gesellschaft. Mitte der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts waren protestantische Missionare aus Europa in Korea eingetroffen. Sie hatten trotz ihrer Ablehnung der Ahnenverehrung überlebt, zum Teil, weil das Christentum lehrte, daß alle Menschen Gottes Kinder waren – ein fast revolutionärer Gedanke in einer immer noch sehr rigiden, feudalen Gesellschaft.

Sogar die Aristokratie im alten koreanischen Königreich Silla wurde nach dem sogenannten Knochenrang-System oder kolp’un-je klassifiziert. Die Elite wurde in drei Klassen unterteilt: die songgol oder »Klasse des Heiligen Knochens«, der die heiligen Könige entstammten, die chin’gol oder »Klasse des Wahren Knochens«, die dem Hochadel entsprach, und die tup’um oder »Obere Klassen«, die alle anderen Mitglieder des Adels einschlossen. Diese Unterteilung beeinflußte auch Sun Myung Muns bei der Organisation seiner eigenen Religion.

Die meisten Koreaner waren natürlich arme Bauern und keine Aristokraten. Das Christentum schenkte ihnen die Hoffnung, auch wenn es auf Erden keine Gleichheit gab, es sie wenigstens im Himmel geben würde. Trotz ihrer geringen Zahl wurden die christlichen Kirchen bald zu Zentren des Widerstandes gegen die Besatzungsmacht. Ein Jahr vor Sun Myung Muns Geburt entwarf am 1. März 1919 eine Koalition von protestantischen Geistlichen, buddhistischen Mönchen und Anführern zahlreicher messianischer Sekten, die damals in Korea an Popularität gewannen, eine Unabhängigkeitserklärung von der Kolonialmacht Japan. Die Unterzeichner wurden verhaftet und eingesperrt.

Trotz des Rückschlags nahmen zahlreiche christliche Führer – jene, die nicht kollaborierten – ihren Widerstand gegen die japanische Okkupation wieder auf, als die Kolonialregierung Japanisch zur Nationalsprache Koreas erklärte und 1925 den Kult des Shinto-Schreins einführte. Koreanische Schulkinder mußten die Heiligkeit des japanischen Kaisers anerkennen und an heiligen Riten für seine Ahnen teilnehmen. Jeder koreanischen Familie wurde befohlen, in ihrem Heim einen Shinto-Schrein aufzustellen. Zweitausend Christen, die dies verweigerten, wurden inhaftiert; Dutzende wurden exekutiert.

Als Reverend Muns Familie 1930 zum Presbyterianertum übertrat, waren die verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen der japanischen Okkupation ebenso spürbar wie die religiöse Verfolgung. Fast alle koreanischen Bauern waren Pächter. Obwohl sie Rekordernten Reis einfuhren, wurde das meiste hiervon nach Japan exportiert, während das Volk in Korea hungerte. Japanische Staatsangehörige machten nur etwa 5 Prozent der Arbeitskräfte aus, hatten jedoch die meisten gehobenen Positionen in der Wirtschaft inne. Japanische Unternehmen besaßen 1932 beispielsweise 92 Prozent der Bergwerke, aber es waren koreanische Minenarbeiter, die unter Tage in sengender Hitze schufteten und über Tage in unbeheizten Hütten hausten. Jene wenigen Koreaner, die das Glück hatten, einen Regierungsposten zu ergattern, mußten sich mit niederen Ämtern begnügen.

Solche Unterdrückung bildete den Hintergrund von Sun Myung Muns Kindheit. Es wird erzählt, er sei ein gelehriger und frommer Junge gewesen, ein gläubiger Presbyterianer, der im Alter von zehn Jahren dem Beispiel seiner Eltern folgte und konvertierte. Das alles änderte sich am Ostermorgen 1936, als Sun Myung Mun sechzehn war. Er war oben auf einem Berghang ganz ins Gebet vertieft, als ihm – so behauptet er – Jesus erschien und ihm eröffnete, daß es Gottes Wunsch sei, daß er, Sun Myung Mun, Jesu Werk auf Erden vollende. Während Jesu Tod am Kreuz der Menschheit die spirituelle Erlösung beschert habe, sei seine Kreuzigung erfolgt, bevor er seine Mission abschließen konnte, den Menschen auch die physische Erlösung zu bringen, indem er den paradiesischen Urstand auf Erden wiederherstellte.

Zuerst weigerte sich der Junge zuzuhören, aber Jesus überzeugte Sun Myung Mun davon, daß Korea das neue Israel sei, das von Gott auserwählte Land für die Wiederkehr des Messias. Es obläge ihm, die »Wahre Familie Gottes« zu gründen.

Jahre später schrieb Reverend Mun über diese Vision: »Früh in meinem Leben betraute Gott mich als sein Werkzeug mit einer Mission  Ich verschrieb mich rückhaltlos der Wahrheit, durchforstete die Hügel und Täler der spirituellen Welt. Dann kam der Tag, da der Himmel sich über mir auftat, und mir das Privileg zuteil wurde, direkt mit Jesus Christus und Gott zu kommunizieren. Seitdem wurden mir zahlreiche erstaunliche Enthüllungen zuteil.«

Sun Myung Mun hat nie irgendeine theologische Ausbildung genossen. Zwei Jahre nach seiner ersten Vision ging er nach Seoul, um eine Ausbildung zum Elektroingenieur zu beginnen. 1941 reiste er nach Japan, um dort sein Studium an einer Technischen Hochschule mit der Waseda-Universität fortzusetzen. In Tokio schloß er sich Kirchenhistorikern zufolge einer Untergrundbewegung an, die danach strebte, die Okkupation Koreas zu beenden. Er setzte seine persönliche Wahrheitssuche fort, indem er sich in die Geisterwelt begab, um persönlich mit Jesus, Moses, Buddha, Satan und Gott zu sprechen. Wie ihm diese Verklärung gelang, bleibt eins der Geheimnisse der Vereinigungskirche.

Wichtigster Bestandteil von Muns Lehren sind die »Göttlichen Prinzipien«, ein Dokument, das über viele Jahre hinweg entstanden ist. Die Grundlage bilden die Offenbarungen, von denen Mun behauptet, sie wären ihm durch das Gebet, das Studium der Bibel und seinen Unterhaltungen mit Gott und den großen Propheten zuteil geworden. »Göttliche Prinzipien« ist der zentrale Text der Vereinigungskirche, der allerdings nicht von Sun Myung Mun persönlich verfaßt wurde. Der Autor ist Hyo-Won Eu, der erste Vorsitzende der Kirche und einer von Reverend Muns ersten Jüngern; die Basis für die »Göttlichen Prinzipien« bildeten Reverend Muns Notizen und ihrer beider Gespräche über Muns Offenbarungen.

Kwang-Yol Yoo, ein Vereinigungsbiograph, schreibt, daß Reverend Mun nicht in der Lage war, seine göttlichen Offenbarungen schnell genug aufzuschreiben. »Er schrieb sehr schnell mit einem Bleistift in sein Notizbuch. Eine Person saß neben ihm und spitzte den Bleistift an, konnte aber dem Schreibtempo nicht folgen. Als Vaters Bleistift stumpf wurde, konnte diese Person nicht schnell genug einen anderen anspitzen, so schnell schrieb er. Das war der Anfang von ›Göttliche Prinzipien‹.«

Dafür daß es ein von Gott inspiriertes Machwerk ist, finden sich Teile der »Göttlichen Prinzipien« in auffällig vielen bekannten Quellen wieder. Das 556 Seiten umfassende Textbuch der Vereinigungskirche ist eine Synthese von Schamanismus, Buddhismus, Neo-Konfuzianismus und christlichem Glauben. Es fußt auf der Bibel, östlichen Philosophien, koreanischen Legenden sowie den populären religiösen Bewegungen aus Reverend Muns Jugend und schustert daraus eine Art Patchwork-Theologie um Reverend Mun herum.

Die modernen Wurzeln der Vereinigungskirche findet man im Ch’ondogyo, der »Religion des Himmlischen Weges«, ursprünglich Tonghak oder »Östliche Lehre« genannt, eine Sekte des 19. Jahrhundert, die eng mit der traditionellen koreanischen Religion verbunden war. Wie auch die Vereinigungskirche predigte Ch’ondogyo, daß der Geist jedes Menschen von Gott geschaffen sei, unsere Seelen unsterblich und eines Tages alle Religionen vereint seien.


Baek-Mun Kim

Sogar der zentrale Grundsatz der Vereinigungskirche, nämlich daß der Sündenfall nicht dadurch erfolgte, daß Eva die verbotene Frucht aß, sondern weil sie Geschlechtsverkehr mit dem Satan hatte, ist nicht Reverend Muns Erfindung. Diese Interpretation lernte er 1945 kennen, als er sechs Monate im Israel-Kloster in Seoul bei einer Visionärin namens Baek-Mun Kim studierte. Kim lehrte ihn, daß das Paradies nur durch Reinigung des Blutes wiederhergestellt werden könne. Nach dieser Theorie wurde Evas Sünde über Satans Blutlinien an neue Generationen weitergegeben. Teil von Jesu Mission sei es gewesen, die Menschen von dieser Sünde reinzuwaschen, indem er heiratete und sündenfreie Kinder zeugte. Er starb jedoch, bevor er Gottes Werk vollenden konnte. Somit habe Jesu Tod den Menschen zwar die spirituelle, aber keine physische Erlösung gebracht.


Israel-Kloster

Kim war nicht die einzige, die dies glaubte. Seong-Do Kim gründete 1935 in Chulson in Nordkorea die Holy Lord Church. Sie behauptete, Jesus sei ihr erschienen, habe ihre Theorie des sexuellen Ursprungs des Sündenfalls bestätigt und versprochen, daß ein neuer Messias nach Korea kommen werde. Sie lehrte ihre Anhänger, daß sexuelle Abstinenz auch in der Ehe notwendig sei, um ein Umfeld zu schaffen, das rein genug sei, den Zweiten Messias zu empfangen. Nach ihrem Tod schlossen sich ihre Anhänger der Vereinigungskirche an und erkannten Reverend Mun als den Messias an.


Seong-Do Kim

»Göttliche Prinzipien« steht zu der langen messianischen Tradition im religiösen koreanischen Gedankengut:

Die koreanische Nation hat als das Dritte Israel seit der 500 Jahre währenden Herrschaft der Yi-Dynastie an die Prophezeiung geglaubt, daß der König der Rechtschaffenheit im Land erscheinen werde und ihm mit Beginn der Jahrtausendwende alle Länder der Welt Tribut zollen würden. Dieser Glaube hat die Menschen ermutigt, den bitteren Lauf der Geschichte zu ertragen, in Erwartung des großen Augenblicks. Das war der wahre messianische Gedanke des koreanischen Volkes, an den sie dem Chung Gam Nok, dem Buch der Prophezeiungen, zufolge glaubten Korrekt interpretiert, ist König der Rechtschaffenheit, Chung-Do Ryung (der Mensch, der Gottes Wort bringt) der koreanische Name für den Zweiten Messias. Durch Chung Gam Nok hat Gott vor Einführung des Christentums in Korea die Wiederkehr des Messias irgendwann in der Zukunft verkündet. Inzwischen haben zahlreiche Gelehrte nachgewiesen, daß die meisten Prophezeiungen in diesem Buch mit jenen der Bibel übereinstimmen.

Die Vereinigungskirche lehrt, daß Gott Sun Myung Mun für diese Rolle auserwählt hat. Die »Göttlichen Prinzipien«, die 1973 von der Vereinigungskirche veröffentlicht wurden, sind in diesem Punkt eindeutig. »Als die Zeit reif war, schickte Gott seinen Boten, um die fundamentalen Fragen des Lebens und des Universums zu beantworten. Sein Name war Sun Myung Mun. Viele Jahrzehnte wanderte er auf der Suche nach der ultimativen Wahrheit durch einen weiten spirituellen Raum. Auf seinem Weg erduldete er Leid, das die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Gott allein wird sich daran erinnern. In dem Bewußtsein, daß niemand die ultimative Wahrheit zur Rettung der Menschheit finden kann, ohne die schwersten Prüfungen zu bestehen, rang er ganz auf sich gestellt mit Myriaden von satanischen Kräften in der spirituellen und der physischen Welt und triumphierte schließlich über sie alle.«

Muns Aufgabe bestand darin, Jesu Mission zu vollenden. Er würde eine vollkommene Frau heiraten und die Menschheit in den paradiesischen Zustand der Vollkommenheit zurückversetzen. Er und seine Frau würden die »Wahren Eltern der Welt« sein, ebenso frei von Sünde wie ihre Kinder. Von Mun gesegnete Paare würden Teil seiner reinblütigen Familie werden und nach dem Tod ins Paradies einkehren.

Als Individuen haben wir alle eine aktive Rolle in diesem Drama zu spielen. Bevor der Messias den Himmel auf Erden wiederherstellen kann, muß die Menschheit Buße tun für die Sünden der Vergangenheit. Um es mit den Worten der Vereinigungskirche auszudrücken, sie müssen eine »Abfindung« zahlen als Wiedergutmachung an Gott für die vergangenen Verfehlungen der Menschheit. Die strengen Verhaltensregeln der Vereinigungskirche – Rauchen, Alkohol, Glücksspiele und außerehelicher Sex sind verboten – sollen dem Einzelnen hierbei helfen.

»Die Göttlichen Prinzipien schreiben also vor, daß man die Wahren Eltern mehr lieben muß als sich selbst, seinen Ehegatten und seine Kinder«, hat Sun Myung Mun geschrieben. »Letztendlich ist der Wahre Vater die Achse, um die sich alle Kinder und die Nachwelt drehen.«

Vom Leben Reverend Muns heißt es, es sei ein Beispiel an Opferbereitschaft und geduldigem Leiden gewesen. Kirchenhistorikern zufolge wurde er 1945 das erste Mal inhaftiert, weil er angeblich Äpfel mit Falschgeld bezahlt hatte – eine infame Behauptung kommunistischer Beamter, die in ihm einen Spion aus dem Süden vermuteten.

Als er in Pyongyang begann, öffentlich zu predigen, wurden seine Ideen von den christlichen Geistlichen als gotteslästerlich abgelehnt und von den örtlichen kommunistischen Behörden verurteilt. Das war 1946. Die Stadt war von sowjetischen Truppen besetzt. Korea sollte in Kürze formell in zwei Staaten geteilt werden, den kommunistischen Norden unter sowjetischer Herrschaft, und den demokratischen Süden unter Einfluß der Vereinigten Staaten. Es heißt, die kommunistischen Behörden hätten Sun Myung Mun gefoltert und den Verletzten anschließend vor die Gefängnistore geworfen, wo er von einem seiner ersten Jünger, Won-Pil Kim, aufgelesen und gesund gepflegt wurde. Reverend Mun fuhr mit dem Predigen fort, obwohl religiöse Lehren von den kommunistischen Behörden verboten worden waren.

Er sollte nicht lange auf freiem Fuß bleiben. 1948 wurde Mun erneut verhaftet, diesmal Wegen »Propagierens von Chaos in der Gesellschaft«. Er wurde verurteilt und ins Heungnam-Gefängnis gesteckt, ein Arbeitslager, in dem die Häftlinge sich nicht selten zu Tode schufteten. Nach eigenen Angaben war Mund als Häftling Nr. 596 unterernährt und überarbeitet – er mußte Zentnersäcke mit Dünger füllen und in Zugwaggons laden. Das Ammoniumsulfat in dem Dünger verbrannte ihm die Haut an den Händen, aber er beklagte sich während der zwei Jahre und acht Monate im Lager kein einziges Mal.

»Ich habe nie aus Schwäche gebetet. Ich habe nie um Hilfe gefleht. Wie sollte ich Gott, meinem Vater, von meinen Leiden berichten und ihm so noch größeres Leid zufügen? Ich konnte ihm nur versichern, daß ich mich von meinen Leiden nicht unterkriegen lassen würde«, schrieb er.

Die strikte Ablehnung des internationalen Kommunismus seitens der Vereinigungskirche wurzelt in Reverend Muns persönlichen Erfahrungen. Seine antikommunistische Haltung sollte zu einem Grundsatz seiner religiösen Philosophie werden. Aufgrund dieser Überzeugung sollte er sich für den Rest des Jahrhunderts auf die Seite Südkoreas stellen, ganz gleich, wie sehr das dortige Regime das Volk auch unterdrücken mochte.

Während seiner Haftzeit fiel Nordkorea im Süden ein und provozierte einen Bürgerkrieg, der schließlich zur formellen politischen Trennung der Halbinsel führte. Die Streitkräfte der Vereinten Nationen drängten die kommunistischen Truppen zurück bis zum 38. Breitengrad, und im Oktober 1950 befreiten UN-Truppen die Gefangenen des Heungnam-Gefängnisses, einen Tag vor Muns Hinrichtung, wie dieser behauptet. Nach der Befreiung machte sich Mun zusammen mit zwei seiner Anhänger, Won-Pil Kim und Chung-Hwa Pak, zu Fuß auf den Weg nach Südkorea. Der Kirchenlegende zufolge trug Sun Myung Mun Pak Hunderte von Meilen auf dem Rücken, nachdem dieser sich am Bein verletzt hatte. Ein körniges Photo dieser bemerkenswerten Tat wird innerhalb der Vereinigungskirche wie eine Ikone verehrt.


Dies ist nicht Sun Myung Mun oder Chung-Hwa Pak. Es ist ein Mann, der seinen Vater am 14. Januar 1951 während des Koreakrieges über den Han-Fluss bei Chungju trug. (Foto von JJ McGinty, US Army)

Nach Jahren der Verwendung des Fotos bestätigte die Vereinigungskirche / FFWPU, dass das Foto nicht von Reverend Mun oder von Herrn Pak war. Bis heute wird es jedoch in Workshop-Präsentationen von führenden koreanischen Führungskräften in der FFWPU verwendet.

Chung-Hwa Pak erklärte, dass sein Knöchel in Pjöngjang von einigen Schlägern zerbrochen worden sei. Er sagte, dass Reverend Mun ihn getragen hat, aber es war nur ein- oder zweimal, für 300 Meter oder so einen steilen Hügel hinauf. Es war nie durch Wasser. Für die erste Hälfte der Reise nach Süden benutzte Herr Pak ein Fahrrad; für den zweiten Teil nach Kyongju, wo er blieb, konnte Herr Pak laufen. Reverend Mun und Won-Pil Kim haben den letzten Teil ihrer Reise nach Busan mit dem Zug zurückgelegt.

Michael Breen beschreibt die Reise in seinem Buch »Sun Myung Moon, the early years 1920-1953«. (»Sun Myung Mun in den frühen Jahren 1920-1953«)


Mun ließ sich in 1951 in der Hafenstadt Busan nieder und errichtete eigenhändig seine erste Kirche auf einem kleinen Hügel. Die Kirche, eigentlich kaum mehr als eine Hütte, hatte einen Lehmboden, Lehmwände und ein Dach aus Treibholz und Lebensmittelkisten der Armee. In der Stadt wimmelte es von Soldaten und Flüchtlingen, die vom Krieg entwurzelt worden waren. Mun schuftete tagsüber als Hafenarbeiter und abends predigte er.

Die offiziellen Biographen Reverend Muns lassen unerwähnt, daß Sun Myung Mun im April 1945 im Alter von 25 Jahren heiratete. Seine Frau, Sun-gil Choi, brachte ein Jahr später einen Sohn, Sung-Jin, zur Welt. Sie lebten in Seoul, als Reverend Mun am 6. Juni 1946 zum Markt ging, um Reis zu kaufen. Auf dem Weg dorthin, so behauptet er heute, erschien ihm Gott und befahl ihm, sich sofort nach Nordkorea zu begeben, um dort zu predigen. Sun Myung Mun, der sich als vollkommener Vater aller Kinder Gottes bezeichnet, verließ seine Frau und seinen drei Monate alten Sohn ohne ein Wort der Erklärung. Sie sollten sechs Jahre lang nichts mehr von ihm sehen oder hören.

Erst als Reverend Mun 1951 mit seinen Jüngern in Busan eintraf wurde Sun-gil Choi wieder mit ihrem Ehemann vereint. Sie blieben jedoch nicht lange zusammen. Die Familie zog 1954 nach Seoul, wo Mun die Vereinigungskirche gründete, die er offiziell »Holy Spirit Association for the Unification of World Christianity« nannte. Aber die Ehe ging bald darauf in die Brüche. Reverend Mun tut diese Ehe mit einem einzigen Satz ab: »Als die Christen unsere Bewegung ablehnten, ließ meine Frau sich beeinflussen, und da sie schwach war, führte dies zum Bruch, und ich ließ mich scheiden.« Es war, als hörten Sun-gil Choi und ihr gemeinsamer Sohn Sung-Jin auf zu existieren.

»Die Frau Reverend Muns war zunehmend unglücklich mit der Art, wie Reverend Mun sich den Menschen widmete, die sich seiner Bewegung anschlossen, und so reichte sie schließlich die Scheidung ein«, schrieb Hendrik Dijk in einer internationalen Veröffentlichung über die Vereinigungskirche. »Reverend Mun wollte das nicht, aber die Situation spitzte sich derart zu, daß er sich schließlich mit der Scheidung einverstanden erklärte. Sie hätte ihm folgen können, war hierzu jedoch nicht in der Lage. Auch auf theologischer Ebene waren sie uneins, da sie glaubte, der Messias würde auf den Wolken zurückkehren. Sie war stark beeinflußt von der Negativität der christlichen Kirchen.«

Die Trennung von seiner Frau fiel zusammen mit ersten veröffentlichten Berichten von sexuellen Übergriffen innerhalb der Vereinigungskirche. Es ging das Gerücht um, daß Reverend Mun von weiblichen Akoluthen verlange, im Rahmen eines religiösen Initiationsritus mit ihm Sex zu haben. Manche religiöse Sekten praktizierten seinerzeit rituelle Nacktheit und zwangen erwiesenermaßen Mitglieder im Rahmen eines Reinigungsritus, der p’i kareum genannt wurde, zum Geschlechtsverkehr mit einem messianischen Führer. Reverend Mun hat diesen Berichten stets widersprochen und behauptet, sie wären Teil einer Diskreditierungskampagne der anerkannten Glaubensgemeinschaften gegen die Vereinigungskirche gewesen.

In den Anfangstagen der Vereinigungskirche trafen sich die Mitglieder in einem kleinen Haus mit nur zwei Zimmern. Es wurde das »Haus der Drei Türen« genannt. Es wurde gemunkelt, daß man an der ersten Tür die Jacke, an der zweiten die Oberbekleidung und an der dritten die Unterwäsche ablegen mußte – in Vorbereitung auf sexuelle Handlungen. Es geht sogar die zweifelhafte Geschichte einer Frau um, die mit nicht weniger als sieben Lagen Kleidung in die Kirche ging, um sich in keinem Fall ganz ausziehen zu müssen.


»Haus der Drei Türen« im Jahr 1955

Aufgrund dieser Geschichten, die im Juli 1955 kursierten, wurde Reverend Mun wegen groben Verstoßes gegen die guten Sitten verhaftet. Außerdem warf man ihm vor, er hätte sich der Wehrpflicht entzogen. Beide Anklagen wurden letztlich fallen gelassen, aber die Gerüchte, denen zufolge die Kirche p’i kareum praktiziere, hielten sich hartnäckig.

Mrs. Gil-Ja Sa Eu, die Ehefrau des ersten Präsidenten der Vereinigungskirche – jenes Mannes, der die »Göttlichen Prinzipien« verfaßt hat –, war eine von fünf Professorinnen und vierzehn Studentinnen, die von der Ewha-Universität in Seoul entlassen wurden, weil die Verwalter den Gerüchten über die Vereinigungskirche Glauben schenkten.


Mrs. Gil-Ja Sa Eu

In einer Ansprache 1987 verfolgte Mrs. Eu den Ursprung dieser Geschichten zurück bis zur »Holy Lord Church« von Seong-Do Kim. Weil sie so inbrünstig beteten, sagte Mrs. Eu, »empfanden viele Angehörige jener Gruppe es so, als würden sie in den Urstand vor dem Sündenfall Adams und Evas zurückversetzt. Darum fühlten sie sich gereinigt und frei von jeglicher Sünde. Sie sagten ›Wir sind wie Adam und Eva, die nackt waren und sich ihrer Blöße nicht schämten!‹ Und so kam es, daß sie einmal aus reiner Lebensfreude heraus ihre Kleider ablegten und nackt tanzten. Dieser Zwischenfall wurde in ganz Korea bekannt, und trotz der sehr entfernten Beziehung zur Vereinigungskirche wurde dies zu einem Grund für die Ablehnung unserer Kirche seitens anderer Christen.«

Die tatsächlichen Umstände jener Anfangstage wurden um so verworrener, als 1993 Chung-Hwa Pak, jener Jünger, den Reverend Mun angeblich 1951 bis nach Südkorea getragen haben sollte, ein Buch mit dem Titel »Die Tragödie der Sechs Marien« veröffentlichte. In diesem Buch behauptet Pak, daß Reverend Mun p’i kareum praktiziert habe und seine erste Gattin ihn wegen seiner sexuellen Aktivitäten mit anderen Frauen verlassen hätte.


▲ Sun Myung Mun und Chung-Hwa Pak

Pak behauptet darüber hinaus, Reverend Mun habe 1954, also noch während seiner Ehe, eine Universitätsstudentin namens Myung-Hee Kim geschwängert. Da Ehebruch in Korea als kriminelles Vergehen galt, soll Reverend Mun seine Geliebte zur Entbindung nach Japan geschickt haben. 17. August 1955 wurde ein Sohn namens Hee-Jin geboren in Tokio, den Mun zwar nicht als seinen Sohn anerkannte, von dem jedoch alle wußten. Der Junge kam dreizehn Jahre später, am 1. August 1969, bei einem Zugunglück ums Leben.


▲ Myung-Hee Kim mit Hee-Jin Mun im Jahr 1959 nach ihrer Rückkehr aus Japan nach Korea, wo sie vier Jahre gelebt hatten.


Chung-Hwa Pak ließ sich nach der Veröffentlichung seiner Memoiren von Sun Myung Mun überreden, der Kirche wieder beizutreten. Er nahm seine Behauptungen zu den Anfängen der Vereinigungskirche später zurück. Ich habe mich immer gefragt, zu welchem Preis.


Sun Myung Mun mit Kindern von drei verschiedenen Frauen. Dieses Foto wurde am 5. Januar 1965 in der Chongpa-dong Kirche in Seoul aufgenommen. Sung-Jin Mun, dessen Mutter Sun-Gil Choi war, ist links. Er wurde im April 1946 geboren. Hee-Jin Mun ist auf der rechten Seite. Er wurde am 17. August 1955 in Tokio geboren. Seine Mutter war Myung-Hee Kim. Die jüngeren Kinder auf dem Foto sind Ye-Jin und Hyo-Jin. Sie stehen vor ihrer Mutter, Hak Ja Han.
Mun und seine erste Frau, Sun-Gil Choi, am 8. Januar 1957 geschieden.


Meine eigenen Eltern konnten keine Hinweise auf sexuelle Übergriffe feststellen, als sie unabhängig voneinander in Seoul rekrutiert wurden, um der Vereinigungskirche beizutreten. 1957 war die Vereinigungskirche in 30 koreanischen Gemeinden und Städten Vertreten. Obwohl sie aus verschiedenen Gegenden und unterschiedlichen Verhältnissen stammten, fühlten meine Eltern sich aus dem gleichen Idealismus heraus zur Vereinigungskirche hingezogen. Religion hatte bis dahin für beide keine zentrale Rolle gespielt. Sie waren wie so viele andere junge Koreaner in den Fünfzigern, die noch unter den Folgen des Bürgerkriegs litten und einen Weg suchten, ihrem geteilten, verarmten Land zu helfen. Meine Mutter und mein Vater suchten, jeder auf seine Art, einen Sinn im Leben, der über ihr eigenes Wohl hinausging.

Mein Vater, Sung-Pyo Hong, trat der Kirche 1957 bei. Seine Eltern hatten ihn aus der kleinen Ortschaft Ok-Gya in der Provinz Süd-Cholla, wo seine Familie auf einem kleinen Hof Reis und Gerste anbaute, in die Stadt geschickt, um Pharmazie zu studieren. Den Hof sollte nach alter Tradition sein älterer Bruder erben, während er und seine drei Schwestern sich anderweitig ihr Auskommen suchen mußten.

Es gefiel ihm in der Stadt. Er war ein fleißiger Student und dankbarer Sohn, so daß er sich hin und her gerissen fühlte, als seine Eltern ihre Mißbilligung an seinem Interesse für diese neue religiöse Sekte bekundeten. Er war wie die meisten Mitglieder auf der Straße für die Vereinigungskirche rekrutiert worden. Er und ein Freund wurden eingeladen, einem Vortrag eines Jüngers Reverend Muns beizuwohnen. Das Interesse meines Vaters war geweckt.

Schon bald nahm er regelmäßig an Vorträgen teil und fungierte als Hausmeister für die Kirche. Im Sommer und während der Schulferien zog er predigend umher und versuchte, neue Mitglieder zu werben. Er arbeitete unermüdlich für Reverend Mun, gab jedoch im Gegensatz zu so vielen anderen Rekruten sein Studium nicht auf.

Meine Mutter, Gil-Ja Yoo, war in Gil-Ju aufgewachsen, im heutigen Nordkorea. Ihre Familie nahm am Massenexodus von Flüchtlingen teil, die in den vierziger Jahren nach Südkorea kamen. Sie bereitete sich gerade auf ihre Aufnahmeprüfung an der Universität vor, als sie ebenfalls eingeladen wurde, sich einen Vortrag der Vereinigungskirche anzuhören. Meine Mutter fühlte sich bis dato nicht für ein religiöses Leben berufen; sie war eine begabte klassische Klavierspielerin und träumte von einer Karriere als Konzertpianistin.

Ihre Eltern waren sogar noch entschiedener in ihrer Ablehnung Reverend Muns und seiner Kirche als jene meines Vaters. Meine Großmutter reagierte besonders heftig und verbot meiner Mutter, in die Kirche zu gehen. Aber meine Mutter schlich sich heimlich aus dem Haus, um trotzdem an den Gottesdiensten teilzunehmen. Mehr als einmal wurde sie hierbei erwischt und von einem ihrer Brüder verprügelt wegen ihres Ungehorsams.

Die meisten Koreaner waren wie meine Großeltern; sie sahen in der Vereinigungskirche eine bizarre, wenn nicht gar gefährliche Sekte. 1960 wuchs ihre Sorge, als Reverend Mun sich eine Braut erwählte, die der Menschheitsfamilie als Wahre Mutter dienen sollte. Hak Ja Han war erst siebzehn, als der 40jährige Reverend Mun sie zur Frau nahm. Ihre Mutter war eine treue Anhängerin Seong-Do Kims gewesen und betrachtete Reverend Mun als den Zweiten Messias. Gern gab sie ihre Tochter her, damit sie die Wahre Mutter der Wahren Familie wurde.

»Der Sündenfall der Menschen läßt sich in wenigen Worten zusammenfassen: die Menschen verloren ihre Eltern«, schrieb Sun Myung Mun zum Ausschluß Adams und Evas aus dem Paradies. »Die Geschichte des Menschen ist seine Suche nach seinen Eltern. Der Tag, an dem die Menschen ihren Wahren Eltern begegnen, ist der glücklichste Tag in ihrem Leben, weil bis zu diesem Augenblick jeder einzelne wie eine Waise ist, die in einem Waisenhaus lebt. Er hat keinen Ort, den er als wahres Zuhause bezeichnen könnte«

Reverend Mun hat mir nie von seinem eigenen Vater erzählt, aber er sprach mit großem Respekt von seiner Mutter und ihrer Bereitschaft hart zu arbeiten. Sein Vetter erinnerte sich, daß Wahrer Vater ein kluges, bevorzugtes Kind in einer Familie mit sechs Töchtern und zwei Söhnen war. Zwei weitere Kinder, Zwillinge, waren noch im Säuglingsalter gestorben. Young-Ki Mun, ein Vetter Reverend Muns, sprach 1989 in Korea bei einem Gottesdienst zum Gedenken an die Geburt Kyung-Kye Kims, der Mutter Reverend Muns. Der Cousin erinnerte sich, daß Mun »als kleiner Junge der Schalk im Nacken saß. Als er sechs Jahre alt war, züchtigte seine alte Mutter ihn derart, daß er beinahe das Bewußtsein verlor. Ich denke, dieser Zwischenfall jagte seiner Mutter einen solchen Schrecken ein, daß sie nie wieder mit ihm schimpfte.«

Seinem Vetter zufolge war es auch seine Mutter, die Sun Myung Muns intellektuelle Fähigkeiten erkannte. Sie wollte unbedingt, daß er studierte. »Er mußte nach Japan gehen, um sein Studium fortzusetzen, aber da seine Eltern nicht in der Lage waren, ihn finanziell zu unterstützen, mußte er in sein Heimatdorf zurückkehren. Seine Mutter wollte das Land meines Vaters verkaufen, um für Wahrer Vaters Ausbildung in Japan aufzukommen, aber da das ganze Land auf den Namen meines Vaters eingetragen war, konnte sie es nicht verkaufen. Also bat sie mich, ihr den Stempel meiner Mutter zu beschaffen, damit sie das Land verkaufen und Wahrer Vater in Japan zur Schule schicken konnte.« Dieser Betrug sei Teil des göttlichen Plans für den Messias. Um den göttlichen Plan zu unterstützen, mußten andere in der Mun-Familie leiden.

Hak Ja Hans Kindheit war stark geprägt von der spirituellen Bewegung, mit der ihre Mutter sich identifizierte. Sie führte ein sorgenfreies, behütetes Dasein auf der Insel Jejudo, bis sie und ihre Mutter 1955 nach Seoul übersiedelten. Sie wurde von ihrer Großmutter aufgezogen, da ihre Mutter so sehr mit ihrem eigenen religiösen Leben beschäftigt war. Ihr Vater hatte Frau und Kind verlassen, als sie noch sehr klein gewesen war. Als Hak Ja Han elf war, wurde ihre Mutter Sun Myung Muns Köchin. Hak J a Han war noch ein Kind, als der Messias ihr das erste Mal begegnete und den Entschluß faßte, sie zu heiraten.

Reverend Mun erinnerte sich später:

Frauen der frühen Vereinigungskirche wollten mich lieben, auch wenn sie sich hierfür in Lebensgefahr begaben, und sie suchten mich sogar spät nachts noch auf Und so wurde über uns getratscht. Die Frauen wußten nicht einmal, warum sie einem Mann, von dem sie wußten, daß er sich ganz auf Gott konzentrierte, solcherlei Besuche abstatteten. Und als dann die Heilige Hochzeit anstand, wünschten sogar die älteren Witwen, sie wären an Mutters Stelle. Manche Frauen behaupteten gar mit vor Überzeugung strahlenden Augen, die Wahre Mutter zu sein. Eine alte Dame von 70 Jahren sagte, sie wolle meine Frau werden und mir zehn Kinder schenken! Natürlich wußte sie selbst nicht, warum sie etwas Derartiges sagte. Frauen, die Töchter hatten, beteten inbrünstig zu Gott und sagten, ihnen sei offenbart worden, daß ihre Tochter die Wahre Mutter werden würde.

Aber die Frau, die dann wirklich die Wahre Mutter werden sollte, trat völlig unerwartet in mein Leben. Sie war ein Mädchen, das nur wenige kannten. Ich war 40 und wollte ein 17jähriges Mädchen heiraten. Wenn das nicht Gottes Wille war; wer wäre dann verrückter gewesen als ich? Man bedenke, daß von diesem Moment an die große Verantwortung Mutters darin bestehen würde, alle Bürden der Vereinigungskirche auf sich zu laden. Viele wundervolle Frauen mit Universitätsabschluß sprachen vor und zählten ihre Qualifikationen auf, aber ich wies sie alle ab und wählte ein unschuldiges 17 Jahre altes Mädchen zur Mutter. Welche Überraschung! Alte Damen und Mütter schüttelten den Kopf und verdrehten die Augen.

Jugend sollte kein Hinderungsgrund für eine Eheschließung sein, erklärte Mun seinen Anhängern: »Sobald ihr bemerkt, daß Eure Kinder zu Jugendlichen herangewachsen sind und sich für sexuelle Belange interessieren, werden sie in Form einer Heirat gesegnet. Warum sollten sie von Gott abfallen? Gott oder der Himmel ist dafür verantwortlich, daß jeder Mensch auf Erden sich ernährt, sich bildet und heiratet. Heute arbeiten die Menschen hart und haben trotzdem nicht genug zu essen. Menschen wollen heiraten, aber es wird ihnen verwehrt … Warum sollte jemand allein bleiben, nachdem in ihm der Impuls zu lieben erwacht ist? Es obliegt den Eltern, den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen.«

Sun Myung Mun und Hak Ja Han heirateten am 11. April 1960 in der Hauptniederlassung der Kirche in Seoul. Ein Dutzend Mitglieder waren kürzlich ausgetreten und hatten außerhalb der Kirche verbreitet, daß Sun Myung Mun sich als Messias ausgebe und persönlich die Ehegatten seiner Jünger auswähle. Es kam zu Demonstrationen aufgebrachter Eltern von Kirchenmitgliedern draußen auf der Straße, als Sun Myung Mun und Hak Ja Han den heiligen Bund der Ehe schlossen.

Die Opposition war in Muns Augen ebenso schicksalhaft wie die Hochzeit. »Jesus wurde von der ganzen Nation angefeindet, von den Priestern, von allen. Die Wiederherstellung kann nur erfolgen, wenn wir uns in derselben Situation befinden wie Jesus. Darum wurde auch die gesamte koreanische Nation mobilisiert, um uns anzufeinden. Wir gingen den heiligen Bund der Ehe ein, während draußen vor den Toren gegen uns skandiert wurde. Hierdurch obsiegte die Vereinigungskirche inmitten der tobenden Schlacht. Hätten wir dies nicht getan, hätte Gott nicht frohlockt.«


▲ Von links nach rechts: Young-Whi Kim, Hyo-Won Eu und Won-Pil Kim mit ihren Frauen. Sun Myung Mun und Hak Ja Han stehen hinter ihnen.


Eine Woche später traute Sun Myung Mun seine drei ergebensten Jünger – Won-Pil Kim, Hyo-Won Eu und Young-Whi Kim – mit Kirchenfrauen, die er für sie ausgewählt hatte. Auf diese Trauungen folgten innerhalb eines Jahres 33 weitere arrangierte Eheschließungen, darunter jene meiner Eltern. Mun hatte meinem Vater freigestellt, seine Braut selbst auszuwählen, ein höchst ungewöhnliches Privileg in Anbetracht der Tatsache, daß der Kirchenlehre zufolge die Ehe eine spirituelle Vereinigung war, die nicht durch Ablenkungen wie körperliche Anziehung gestört werden sollte. Mein Vater überließ Mun die Wahl.

Meine Eltern waren einander nie begegnet, als Sun Myung Mun sie füreinander bestimmte, aber sie beide waren voller Vertrauen, als er sagte, daß er sie deshalb zusammenbrächte, weil er wüßte, daß sie Kinder bekommen würden, die ihnen und der Vereinigungskirche zur Ehre gereichen würden.

Als meine Großmutter von der bevorstehenden Hochzeit Wind bekam, versteckte sie die Schuhe meiner Mutter und sperrte sie in ihrem Zimmer ein. Meine Mutter bat ihren jüngeren Bruder um Hilfe. Er fand ihre Schuhe und sperrte die Tür auf. Sie rannte den ganzen Weg bis zur Kirche. Meine Großmutter ließ nicht lange auf sich warten; aber sie kam zu spät. Als meine Eltern sie rufen und an die Kirchentür hämmern hörten, hatte Mun ihre Vereinigung bereits gesegnet.

Sun Myung Mun hat nie vergessen, wie mein Großmutter an jenem Tag in die Kirche stürmte, mit den Fäusten gegen seine Brust hämmerte und ihm vorwarf, daß er ihre Tochter mit einem ihr unbekannten Mann verheiratet habe, in einer Kirche, der sie mißtraue. Mit der Zeit gelangten Sun Myung Mun und ich beide zu der Überzeugung, daß ich das Temperament meiner Großmutter geerbt haben mußte.



Hier werde ich von meiner Mutter Gil-Ja Yoo Hong (links) und einer Assistentin von Mrs. Hak Ja Han Mun flankiert. Mit unseren Plakaten protestierten wir gegen die lnhaftierung von Sun Myung Mun, der wegen Steuerhinterziehung in der Strafvollzugsanstalt von Danbury einsaß.


2. Kapitel

Meine früheste Erinnerung ist die an einen kleinen dunklen Raum am Ende eines langen schmalen Flures. Falls es Fenster gab, kann ich sie vor meinem geistigen Auge nicht sehen. Falls Möbel vorhanden waren, kann ich mich an sie nicht erinnern. Ich sehe nur eine jüngere Ausgabe meiner selbst im Dunkeln auf dem Boden sitzen.

Ich war allein. Das Haus war leer, aber seltsamerweise empfand ich keine Furcht. Ich fühlte vielmehr so etwas wie Resignation, eine seltsame Empfindung für ein so kleines Mädchen. Aber ich spürte schon damals, daß mein Platz im Leben vom Schicksal bestimmt war und meine Aufgabe darin bestand, vieles zu erdulden.

Ich weiß nicht, worauf ich wartete – darauf, daß mein Bruder aus der Schule heimkehrte oder ein Babysitter von der Kirche kam –, aber weiß ich genau, wen ich nicht erwartete, den langen schmalen Flur entlangkommen zu sehen.

Meine Mutter war den Großteil meiner Kindheit abwesend. Ich verbrachte meine ersten Kindheitsjahre damit, sie zu vermissen, mit einer tiefreichenden und unartikulierten Sehnsucht, einem physischen Schmerz tief im Inneren meines Herzens. Wie mein Vater war auch sie erfüllt von der Inbrunst eines frischbekehrten religiösen Konvertiten. Als erste Jünger Reverend Sun Myung Muns erachteten meine Eltern es als ihre heilige Pflicht, die Kunde zu verbreiten, daß der Zweite Messias gekommen sei, um neue, noch frömmere Mitglieder für die noch in den Anfängen steckende Vereinigungskirche zu gewinnen.

Kinder verkomplizierten diese Aufgabe, auch wenn unsere Existenz allein schon Ausdruck der Mission waren. Mun hatte die ersten 36 gesegneten Paare angewiesen, möglichst viele Kinder zu zeugen, als Fundament der Wahren Göttlichen Familie. Er erwartete von seinen Jüngern, daß sie gleichzeitig ganz Korea, später gar die ganze Welt bereisten, um in seinem Namen zu predigen und »Zeugnis abzulegen«. Sun Myung Mun lehrte seine Anhänger, daß Gott sich ihrer Kinder annehmen würde, wenn seine Anhänger sich dafür seiner annahmen. Die Dringlichkeit von Muns Mission war sogar stärker als das Band zwischen Mutter und Kind.

Es war die religiöse Pflicht meiner Eltern, uns auf die Welt zu bringen, aber ich wußte schon sehr früh, daß nicht wir oberste Priorität hatten, sondern Sun Myung Mun. Sie ernährten uns, sie kleideten uns, sie gaben uns Obdach. Ich weiß, daß sie uns liebten. Aber das, wonach ein Kind sich am meisten sehnt – Zeit und Aufmerksamkeit –, das konnten unsere Eltern uns nicht geben.

Ich war das zweite von sieben Kindern, die Gil-Ja Yoo und Sung-Pyo Hong in den ersten zwölf Jahren ihrer Ehe zeugten. Ich wurde in Seoul auf einer Bettrolle auf dem Fußboden des Häuschens meiner Großmutter mütterlicherseits geboren. Meine Großmutter hat ihrer Tochter nie verziehen, daß sie sich einer Kirche angeschlossen hatte, die sie selbst und die meisten anderen Koreaner als verrückte Sekte betrachteten, aber sie hat sie in der Not nie abgewiesen.

Die Kirche selbst konnte kein Geld erübrigen, so daß Sun Myung Mun seine Jünger völlig mittellos und nur mit ihrem eigenen Überlebenswillen ausgestattet quer durch das ganze Land schickte. Meine Eltern zogen nicht gemeinsam umher. Um den Wirkungskreis zu vergrößern, befahl Mun seinen Anhängern, sich zu zerstreuen und allein Gottes Wort zu verkünden. Und so reisten meine Eltern in verschiedene Richtungen, um Koreas kleinere Orte und noch kleinere Dörfer aufzusuchen.

Wir wurden der Obhut meiner Großmutter, verschiedener Tanten oder sogenannter Schwestern überlassen, unverheirateten Kirchenmitgliedern, die Mun dienten, indem sie die Kinder der verheirateten Jünger beaufsichtigten. Nachdem ich meine eigenen Kinder geboren hatte, fiel es mir noch schwerer zu verstehen, wie meine Eltern es hatten fertigbringen können, ihre Kinder anderen, teilweise völlig fremden Personen zu überlassen. Und das sollte eine vollkommene Familie sein?

Ich weiß wohl, daß meine Geschwister und ich mehr Glück hatten als einige andere. Manche von Sun Myung Muns Anhängern gaben ihre Söhne und Töchter in Waisenhäusern ab, um das heilige Wort predigen zu können. Einige holten sie dort nie wieder ab.

1965 beschrieb Sun Myung Mun seine Idealvorstellung von Kindererziehung: »Wir stellen uns ein Heim für die Kinder unserer Anhänger vor, in dem verantwortungsbewußte Personen sie zumindest für ein paar Jahre erziehen und unterrichten. Das würde den Jüngern den nötigen Freiraum zum Predigen lassen. Es gibt in unserer Gruppe Leute, die ebenso qualifiziert wie willens sind, ein solches Heim mit angeschlossener Schule zu führen. Wir werden diesen Plan in der Zukunft verwirklichen, wenn wir mehr Geld haben, um ein solches Heim und die Kinder zu unterhalten. Das wird sehr gut sein für die Kinder, sehr gut für die Eltern und sehr gut für die Bewegung. Niemand kann das Himmlische Königreich allein betreten, das geht nur als Familie.« Er drängte seine frühen Anhänger, darunter meine Eltern, »Menschen zu finden, die genug Geld haben, um uns bei der Finanzierung einer solchen Schule zu unterstützen.«

Aber wie schwer es für mich auch war, von meiner Mutter getrennt zu sein, war das Leben für sie auch nicht leichter. Das Umherreisen war beschwerlich. Sie bettelte oder borgte Geld für einen Zugfahrschein, ließ sich auf einem Heuwagen mitnehmen, tat einfach alles, um die Botschaft der Ankunft des neuen Messias hinaus aufs Land zu tragen, und oft genug war der einzige Lohn für ihre Mühe die Feindseligkeit ihrer Zuhörerschaft. Die frühen Mitglieder der Vereinigungskirche wurden verhöhnt und gesteinigt, bespuckt und ausgelacht. Nur selten schenkte man ihnen Gehör.

Meine Mutter ertrug die ständigen Angriffe auf ihren Glauben mit inbrünstigen Gebeten. Aber während das Gebet ihren Seelenfrieden wiederherstellte, konnte es ihren Bauch nicht füllen, einen Bauch, der meist angeschwollen war vom Hunger oder von einer weiteren Schwangerschaft. Sie lebte von Reis und Wasser und von der Mildtätigkeit der Bauersfrauen, die ihren dicken Bauch sahen und Mitleid mit ihr hatten. Wenn ich an den unstillbaren Hunger während meiner eigenen Schwangerschaften denke, kann ich nur staunen, wie meine Mutter solche Entbehrungen still erduldet hat.

Ihre Tage waren lang und eintönig. Sie mietete ein Zimmer in einem Dorf und verbrachte ihre Tage damit, an Straßenecken zu predigen, während sie nachts in fast leeren Gemeindesälen sprach. Sie war einst ein scheues junges Mädchen gewesen, entwickelte sich jedoch in diesen Jahren zu einer großartigen Rhetorikerin. Sie hat nie gelernt, das Rampenlicht zu genießen, aber mit der Zeit überwand sie ihre Furcht und man hörte ihr zu, wenn sie sprach.

Armut und Trennung waren jedoch nicht die einzigen Belastungen, mit denen meine Eltern in den ersten Jahren leben mußten. Als ich noch von meiner Mutter gestillt wurde, stürmten einmal Soldaten in das kleine Zimmer, das meine Eltern in Seoul gemietet hatten. Die Soldaten befahlen meinem Vater, das Haus zu verlassen, und führten ihn unter den entsetzten Blicken meiner Mutter ab. Das Verbrechen meines Vaters bestand darin, daß er seinen Militärdienst nicht geleistet hatte. In Korea war der Militärdienst für junge Männer ein Muß. Später erzählte er mir, daß er sich nicht bewußt der Wehrpflicht entzogen hätte, sondern daß man ihm versichert habe, man hätte arrangiert, daß er befreit worden sei.

Die Soldaten verrieten meiner Mutter an jenem Tag nicht, wohin sie meinen Vater brachten. Mit mir auf dem Arm und meinem zwei Jahre alten Bruder Jin im Schlepptau klapperte sie in Seoul sämtliche Gefängnisse und Polizeiwachen ab, bis sie ihn schließlich fand. Meiner Mutter kam nie der Gedanke, sich direkt an Sun Myung Mun zu wenden. Er war viel zu bedeutend, um ihn mit persönlichen Problemen zu belästigen, wie dringlich diese auch sein mochten. Während der Abwesenheit meines Vaters schuftete sie bis zum Umfallen, um uns zu ernähren und ein Dach über dem Kopf zu erhalten.

Trotzdem beklagten meine Eltern sich nie. Sie taten Gottes Werk. Sie betrachteten ihre Armut als adelnd. Sie akzeptierten ihre Entbehrungen als völlig unbedeutend, verglichen mit dem Leid, das Mun während der Gründerjahre der Vereinigungskirche hatte erdulden müssen: seine Gefängnisstrafen, seine Verfolgung seitens gottloser Kommunisten, sein langer Marsch nach Süden. Die Geschichte von Sun Myung Muns Prüfungen war bereits zur Legende geworden. Inzwischen lebte Mun allerdings sehr gut, erst recht wenn man seinen Lebensstandard mit dem seiner Jünger verglich.

Die Familie Mun bewohnte großzügige Räume gleich über der zentralen Kirchenstelle in einem der besseren Viertel Seouls. Sie lebten von der Arbeit der Kirchenmitglieder, die Mun und seine Familie bedienten, die Kinder versorgten, den Haushalt führten und die Wäsche wuschen.

Den Großteil meiner Kindheit lebten wir in verschiedenen Einzelzimmern, die wir in Häusern in einem Slum von Seoul namens Moontown mieteten. Der Name hatte nichts mit Sun Myung Mun* oder der Vereinigungskirche zu tun. (*Anmerkung des Übersetzers: im Englischen wird Mun Moon geschrieben) Das Viertel befand sich lediglich auf einem baumlosen Hügel, der die südkoreanische Hauptstadt überragte und somit näher beim Mond* war. (*Englisch Moon) Es war ein Ghetto winziger, heruntergekommener dichtgedrängter Häuser in schmalen, gewundenen Straßen. Die Häuser waren alle gleich: einstöckige mit Kohleöfen beheizte Gebäude. Jedes Haus besaß ein mit Ziegeln gedecktes Dach und war von einer Steinmauer umgeben, in die entlang des oberen Randes Glasscherben eingelassen waren, um die Diebe abzuschrecken, die die Gegend unsicher machten.

Wir haben in Moontown in so vielen verschiedenen Zimmern gelebt, daß sie in meiner Erinnerung zu einer Einheit verschmelzen. Ich erinnere mich an die Außentreppe eines Hauses, wo Jin und ich »Vater, Mutter, Kind« spielten und unsere kleine Schwester Choong Sook mit Kieselsteinen fütterten, die sie auch gehorsam lutschte, bis eine Kirchenschwester uns befahl aufzuhören. Ich erinnere mich an ein anderes Haus, in dem wir zwei Zimmer an den entgegengesetzten Enden eines langen Flurs gemietet hatten. Eine Schwester bewohnte mit uns Kindern das eine Zimmer, und meine Eltern teilten sich den zweiten Raum. Eines Tages beschuldigte das Ehepaar, dem das Haus gehörte, meine Eltern, Kohlen gestohlen zu haben. Die Schwester regte sich derart auf wegen dieses Verdachts gegen meine grundehrlichen Eltern, daß sie sich lautstark bei unseren Vermietern beschwerte, woraufhin diese uns prompt alle hinauswarfen.

Das Zimmer, an das ich mich am besten erinnern kann, ist verbunden mit meiner schönsten Erinnerung an meinen Vater. Es war ein großer Raum, der mit Hilfe einer kleinen Kommode unterteilt war. Meine Mutter hatte gerade ihr fünftes Kind zur Welt gebracht, meine Schwester Chang Sook. Eine meiner Tanten war gekommen, um auszuhelfen. Wir vier größeren Kinder schliefen mit meiner Tante auf Bettrollen auf der einen Seite der Kommode; meine Eltern mit dem Baby auf einem Futon auf der anderen.

In unserer Raumhälfte war es dunkler. Ich sehnte mich danach, näher bei meinen Eltern zu schlafen, näher beim Licht. Als der Abend in die Nacht überging, tat ich so, als würde ich auf der Seite meiner Eltern einschlafen. Ich betete, daß sie mich liegen lassen würden, ganz nah an sie gekuschelt.

Aber es sollte nicht sein. Mein Vater hob mich hoch und trug mich zurück auf die dunkle Seite des Zimmers. Es war der körperlichste Kontakt mit ihm, an den ich mich erinnern kann. Ich fühle immer noch die Leichtigkeit, mit der er mich vom Boden aufhob, das Streicheln seines Hemdes an meiner Wange. Ich war so glücklich, daß er mich in den Armen hielt, daß es mich darüber hinwegtröstete, daß ich so weit weg von ihm und meiner Mutter schlafen mußte, so weit weg vom Licht.

Dieser zärtliche Augenblick ist mir wohl deshalb so lebhaft in Erinnerung geblieben, weil solche Momente sehr selten waren. Unser Alltag war geprägt von lähmender Routine und quälender Armut. Die einzige Intimität war die erzwungene Nähe der Armen. Es gab in Moontown keine privaten Wasseranschlüsse. Wir wuschen uns und putzten uns die Zähne an einem öffentlichen Wasserhahn in einer Gasse hinter dem Haus, und wir erleichterten uns in stinkenden Latrinen, die die gesamte Nachbarschaft benutzte.

Tankwagen fuhren durch Moontown, um die Latrinen abzupumpen, aber sie kamen viel zu selten. Ich zögerte jeden Gang dorthin solange hinaus, wie es ging. Wenn ich dann nicht mehr länger einhalten konnte, hielt ich die Luft an, sobald ich die Tür zum Klohäuschen aufmachte. Der Gestank nach menschlichen Exkrementen war sogar in den eisigen Wintermonaten überwältigend. Im Sommer war alles voller Fliegen. Wenn ich lange genug meine Nase losließ, um sie fortzuscheuchen, stieg sofort Brechreiz in mir auf, so daß ich nach Luft ringend aus der Latrine stürmen mußte.

Einmal wöchentlich suchte meine gesamte Familie das öffentliche Badehaus auf, um sich gründlich zu waschen. Jeder von uns hatte einen kleinen Metalleimer mit Seife, Haarwaschmittel, ein Handtuch und einen Satz sauberer Kleider bei sich. Wir bezahlten, und die Jungen traten durch eine Tür und die Mädchen durch eine andere. Im Inneren gab es zwei große Räume mit riesigen, dampfenden Wasserbecken. Ich sehe noch die Dutzenden von Frauen und Mädchen vor mir, die Seite an Seite im Wasser saßen, die Haut ganz rosig von der Hitze. Die Angestellten des Badehauses schrubbten für ein kleines Entgelt den wohlhabenderen Nachbarn den Rücken. Hinterher duschten wir uns und kehrten heim, für eine weitere Woche körperlich gereinigt.

Wir waren Kinder, und Kinder haben kein Gefühl für wirtschaftliche Unterschiede. Wir betrachteten uns nicht als besonders arm oder unterprivilegiert. Immerhin lebten wir nicht anders als unsere Nachbarn rechts und links von uns. Wir spielten mit Papierpuppen auf den Haustreppen und Karten auf den holprigen Gehwegen. Wir jagten einander durch die überfüllten Straßen auf dem Weg in noch überfülltere Klassenzimmer. Wir stritten und lachten nicht mehr und nicht weniger als die Leute, denen es besser ging als uns.

Was uns von den anderen abgrenzte, war nicht das Geld, sondern der Glaube. Ich wußte von Anfang an, daß unsere Religion unsere Familie anders machte, daß Mitglied der Vereinigungskirche zu sein etwas anderes war als Presbyterianer oder Buddhist. Außer mit meinen Freunden in der Kirche sprach ich mit niemandem über meinen Glauben. Ich wußte, daß andere unsere Religion für sonderbar oder gar gefährlich hielten. Ich legte keinen Wert darauf, andere auf meine Religion aufmerksam zu machen, aber wenn ich als kleines Kind auch nicht besonders stolz war auf unseren Glauben, schämte ich mich seiner auch nicht. Außer vielleicht zu Weihnachten. Dann wünschte ich mir, meine Familie wäre wie die Familien meiner Freunde außerhalb der Vereinigungskirche.

Christbäume und große Feiern der Geburt Jesu waren in Moontown aufgrund der dort herrschenden allgemeinen Armut zwar selten, aber in Seoul kommt der Weihnachtsmann sogar zu den Armen. Nur in unsere gemieteten Zimmer kam er nicht. Jedes Jahr, wenn ich an Heiligabend einschlief, hoffte ich insgeheim, daß in diesem Jahr der Weihnachtsmann ein kleines Geschenk ans Kopfende meines Bettes legen würde, so wie er es bei meinen Freunden tat. Und am Weihnachtsmorgen schluckte ich dann jedesmal die Tränen hinunter, wenn ich sah, daß er mich und meine Geschwister wieder einmal vergessen hatte.

Das war keine Grausamkeit seitens meiner Eltern. Sie waren so sehr damit beschäftigt, für das Wohl der Kirche zu schuften, ihre Gedanken und Herzen waren derart auf ihre Mission konzentriert, daß ihnen einfach nie in den Sinn kam, uns Weihnachtsgeschenke zu kaufen, erzählte meine Mutter mir später.

Wir betrachteten Weihnachten als einen Tag, an dem man sich den Lehren Jesu widmete. Obgleich man uns lehrte, daß es Jesus nicht gelungen war, seine göttliche Mission zu vollenden, ermutigte man uns, ihn wegen seiner zahlreichen spirituellen Erfolge zu ehren, indem man den Tag seiner Geburt feierte. Und das tat man als Erwachsener am besten dadurch, daß man diesen Tag für die Werbung neuer Mitglieder für die Vereinigungskirche verwandte, meinte Sun Myung Mun.

Wir konnten zwar den Weihnachtsmann nicht dazu bringen, uns zu besuchen, aber wir verstanden es dennoch, uns kleine Freuden zu verschaffen. Mein Bruder Jin wanderte durch die Straßen Moontowns und suchte nach Fenstern, die von einem verräterischen blauen Lichtflackern erhellt wurden, das bedeutete, daß dort einer der seltenen Fernsehapparate lief. Er hoffte dann auf eine unverschlossene Tür, und wenn er Glück hatte, konnte er sich in den Raum schleichen, in dem die Familie vor dem Fernseher saß. Manchmal gelang es ihm sogar, sich eine Sendung bis zum Ende anzusehen, ehe jemand den Fremden bemerkte und ihn auf die Straße zurückjagte.

Ich war von der Dreistigkeit meines Bruders ebenso schockiert wie fasziniert. Ich konnte mir nicht vorstellen, je so unerschrocken zu sein. Vielleicht lag es an der vielen Zeit, die ich als Kleinkind allein verbracht hatte, daß ich mich unter Menschen, sogar unter Verwandten, immer unbehaglich fühlte.

Als ich vier war und Jin sechs schickten unsere Eltern uns für ein Jahr zu der Schwester meiner Mutter und ihrem Mann, die in der zweitgrößten Stadt Koreas lebten, in Busan. Unsere Eltern waren schlicht nicht in der Lage, ihre wachsende Familie zu ernähren und ihr ein Dach über dem Kopf zu beschaffen. Tante und Onkel waren kinderlos. Sie führten eine kleine Apotheke und wohnten in einem Zimmer über dem Laden.

Sie waren gut zu uns, aber Jin und ich hatten trotzdem Heimweh. Unten gab es ein Hinterzimmer, in dem ich mich aufhielt und allein beschäftigte, während meine Tante und mein Onkel arbeiteten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr ich mich freute, wenn Jin nach der Schule zu mir kam. Wir schmuggelten kleine Leckereien, meist einen Gesundheitsdrink namens Pakhasu, aus dem Laden ins Hinterzimmer, wo wir uns heimlich darüber hermachten. Allein hätte ich so etwas niemals gewagt.

Meine kleine Schwester Choong Sook war zur gleichen Zeit bei meinen Großeltern mütterlicherseits in ihrem Zwei-Zimmer-Haus in Seoul untergebracht worden. Der ältere Bruder meiner Mutter lebte zusammen mit seiner Ehefrau ebenfalls dort. Auch sie hatten keine eigenen Kinder, und meine Tante war ganz vernarrt in meine kleine Schwester, die sie mehr wie eine Tochter behandelte als wie eine Nichte. 55

Meine Mutter gestand mir später, daß sie es bereut habe, uns so lange fortgeschickt zu haben, und daß sie gewünscht hätte, es hätte eine Möglichkeit gegeben, die Familie zusammenzuhalten, während sie Sun Myung Mun diente. Damals war er jedoch ihre oberste Priorität, nicht wir. Das sollte nicht das Letzte sein, was meine Eltern bereuen sollten bezüglich der Opfer, die sie von ihren Kindern verlangten im Namen Sun Myung Muns und seiner Kirche.

Sobald ich aus Busan zurückkehrte, schickte meine Mutter mich in die öffentliche Schule. Ich war erst fünf, ein ganzes Jahr jünger als alle meine Klassenkameraden. Nach so vielen Jahren der Einsamkeit geriet ich beim Anblick des lärmerfüllten Schulgebäudes, das von übermütigen Kindern wimmelte, in Panik. Immer wieder weigerte ich mich hinzugehen. Diese Verhaltensstrategie blieb natürlich nicht folgenlos. Ein Lehrer mußte kommen und mich holen, wodurch er noch mehr verhaßte Aufmerksamkeit auf mich lenkte, wenn er mich ins Klassenzimmer schleifte.

In jeder Klasse meiner Grundschule drängten sich an die achtzig Kinder. Ich war kreuzunglücklich, fühlte mich verloren inmitten der Menge und war zu schüchtern, auch nur meine elementarsten Bedürfnisse mitzuteilen. Ich kann mich noch gut an das grausame Gelächter meiner Klassenkameraden erinnern, als sich unter meinem Pult eine Urinlache bildete. Ich hatte mich nicht getraut, dem Lehrer zu sagen, daß ich austreten mußte.

In der Kirche, die von Anfang an Mittelpunkt unseres Lebens gewesen war, fühlte ich mich nicht so fremd. Anstatt Märchen erzählte meine Mutter uns vor dem Einschlafen inspirierende Geschichten aus dem Leben Sun Myung Muns. Seine Biographie war uns vertrauter als unsere eigene. Photos von Mun und seiner Wahren Familie aufzuhängen war unser erstes Ritual, jedesmal, wenn wir neue Räume bezogen. Außerdem wurde in unserem Zimmer ein Schrein aufgestellt, In der Mitte befand sich ein Photo der Wahren Eltern, umgeben von Blumen und shimjung– oder »Herz«–Kerzen. Diese Kerzen waren von Mun gesegnet worden und sollten die Kräfte Satans schwächen.

Der Sonntag war der Tag der Gottesverehrung in der Vereinigungskirche, auch wenn unser Tag viel früher begann und viel später endete als bei den Anhängern der größeren christlichen Religionen. Wir standen schon vor Morgengrauen auf, um uns für das Gelöbnis fertig zu machen, das um 5.00 Uhr begann. Sogar von Kleinstkindern und Säuglingen wurde erwartet, daß sie teilnahmen. Wie wir es haßten, so früh aufzustehen, als wir noch klein waren!

Das Gelöbnis wurde außerdem am ersten jedes Monats sowie an den kirchlichen Feiertagen aufgesagt. Nachdem wir uns aus den Betten gequält hatten, versammelten wir uns vor dem Schrein. Wir verneigten uns dreimal – einmal vor Gott, einmal vor Wahrer Vater und einmal vor Wahrer Mutter – und sagten dann die Worte des Textes mit dem Titel »Mein Gelöbnis« auf. Mit sieben Jahren kannte ich den ganzen Text bereits Wort für Wort auswendig:

1. Als Mittelpunkt des Kosmos werde ich den Willen unseres Vaters erfüllen [der Zweck der Schöpfung] sowie die mir auferlegte Verantwortung [der Eigenperfektionierung]. Ich werde eine pflichtbewußte Tochter und ein Kind der Güte sein, um unserem Vater auf ewig in der vollkommenen Welt der Schöpfung zu dienen, indem ich ihm Glück, Ruhm und Ehre bringe. Das gelobe ich.
2. Ich werde mich völlig dem Willen Gottes unterwerfen, mir die gesamte Schöpfung als mein Erbe zu überlassen. Er gab mir Sein Wort, Seine Persönlichkeit und Sein Herz und schenkt mir, die ich gestorben war, neues Leben, macht mich Eins mit Ihm und zu seinem Wahren Kind. Hierfür hat unser Vater 6000 Jahre den aufopferungsvollen Weg des Kreuzes auf sich genommen. Das gelobe ich.
3. Als Wahre Tochter werde ich dem Beispiel unseres Vaters folgen und mutig ins feindliche Lager stürmen, bis ich sie mit den Waffen besiegt habe, mit denen Er im Laufe der Geschichte für mich den Feind Satan besiegt hat, indem er Schweiß für Erde gesät hat, Tränen für Menschen und Blut für den Himmel, als Diener, jedoch mit dem Herzen eines Vaters, um Seine Kinder und das an Satan verlorene Universum wiederherzustellen. Das gelobe ich.
4. Individuum, Familie, Gesellschaft, Nation, Welt und Kosmos, die sich unserem Vater anvertrauen, der Quelle des Friedens, des Glücks, der Freiheit und aller Ideale, werden die ideale Welt eines Herzens in einem Leib verwirklichen, indem sie ihre ursprüngliche Natur wiederherstellen. Zu diesem Zweck werde ich eine Wahre Tochter werden, unserem Vater Freude und Zufriedenheit vergelten und als Vertreterin unseres Vaters der Schöpfung Frieden, Glück, Freiheit und alle Ideale in der Welt des Herzens schenken. Das gelobe ich.
5. Ich bin stolz auf die eine Souveränität, stolz auf das eine Volk, stolz auf das eine Land, stolz auf die eine Sprache und Kultur mit Gott als Mittelpunkt, stolz, das Kind des Einen Wahren Vaters zu sein, stolz auf die Familie, die eine Tradition erben wird, stolz, eine Arbeiterin zu sein, die danach strebt, die eine Welt des Herzens zu verwirklichen. Darum werde ich mit meinem Leben kämpfen.
Ich werde verantwortlich dafür sein, meine Pflicht und Mission zu erfüllen.
Das schwöre und gelobe ich.
Das schwöre und gelobe ich.
Das schwöre und gelobe ich.

Nach dem Gelöbnis ließen unsere Eltern uns allein, um punkt 6.00 Uhr der Predigt Reverend Muns in der Kirchenzentrale beizuwohnen. Manchmal redete er stundenlang; fünfzehn Stunden am Stück waren keine Seltenheit. Er reagierte verärgert, wenn jemand aus der Gemeinde während seiner Predigten den Raum verließ, um sich zu erleichtern, so daß die Sonntage für die Erwachsenen, die auf dem nackten Holzboden des Versammlungssaales der Kirche saßen, eine ziemliche Qual sein konnten.

Ich begann schon als kleines Kind, die Sonntagsschule zu besuchen. Mit dem Bus war es ein weiter Weg von Moontown dorthin, und wir mußten sieben Mal umsteigen. Meine Mutter drückte Jin das Fahrgeld in die eine Hand und meine Hand in die andere. Ich trug eine rote Baumwollmütze, die mit einem Band unter meinem Kinn verschnürt wurde. In meiner Erinnerung blickte ich immer auf in das liebe Gesicht meines Bruders, während wir Hand in Hand die Straße hinuntergingen.

Ich habe immer zu Jin aufgesehen. Schon als kleiner Junge besaß er eine Weisheit, die über seine Jahre hinausging. Er besaß eine Güte, an der es mir mangelte. Wenn wir Schule spielten, war er der Lehrer und meine kleine Schwester und ich seine Schüler. Wenn Choong Sook die Antwort auf eine Frage nicht wußte, half er ihr. Ich schäme mich, wenn ich daran zurückdenke, wie ich ihn angeschrien habe, er wäre unfair, sie würde schummeln, er würde ihr einen ungerechten Vorteil verschaffen. Wie geduldig er mir auseinandersetzte, daß ältere Kinder den jüngeren helfen müßten! Insgeheim beschämte mich seine Güte, aber ich war ein dickköpfiges Kind. Ich konnte nie zugeben, wenn ich unrecht hatte. Immer war es Jin, der sich nach einem Streit entschuldigte, den ich provoziert hatte.

Aber mein Bruder war keineswegs ein Heiliger. Jin hatte auch einen ausgeprägten Sinn für Ungehorsam. In der Nähe einer der Bushaltestellen auf dem Weg zur Kirche war immer ein Markt. Manchmal gingen Jin und ich anstatt in die Sonntagsschule dorthin und gaben das Fahrgeld für Leckereien aus. Daheim war der Speiseplan recht karg – es gab jeden Tag Reis und Sojabohnensprossen –, so daß mein Bruder und ich oft nicht widerstehen konnten, uns mit gewürzten Reisküchlein, Fischsuppe oder gebratenem Gemüse vollzustopfen.

Wenn wir nach einem dieser heimlichen Ausflüge heimkamen, verlangte meine Mutter von uns, ihr die Lektion aus der Sonntagsschule aufzusagen. Mir schlug das Herz bis zum Hals, und ich wollte schon gestehen, aber Jin lächelte nur und erzählte irgendeine Bibelgeschichte, an die er sich noch von der vergangenen Woche her erinnerte. Ich war verblüfft davon, wie überzeugend er war, aber der Schreck war uns beiden in die Glieder gefahren. Wir beschlossen, kein Risiko mehr einzugehen und gingen in der nächsten Woche wieder brav in die Sonntagsschule.

Die Kirche selbst war eins von mehreren Gebäuden auf einem sehr großen Grundstück in Seoul. Wir gingen durch ein verschnörkeltes Sicherheitstor auf einen großen Hof. Unsere Schuhe stellten wir in ein Regal gleich neben der Eingangstür.

Ich liebte es, in der Eingangshalle zu warten und zuzusehen wie die Mun-Kinder oben aus ihrer Wohnung herunterkamen. Mrs. Mun begleitete sie die Treppe hinunter, alle gepflegt und hübsch anzusehen in ihren teuren Kleidern, die eine Kirchenschwester frisch gewaschen und gebügelt hatte. Mrs. Mun war selbst so jung und schön, daß es einem kleinen Mädchen schwer gefallen wäre, diese königliche Erscheinung nicht zu bewundern. Wir nannten sie alle Amonim – das heißt auf Koreanisch »Mutter«.

Sun Myung Mun und seine Frau bekamen insgesamt dreizehn Kinder, aber als ich klein war waren es noch viel weniger. Je Jin, ihre älteste Tochter, war fünf Jahre älter als ich. Hyo Jin, der älteste Junge, vier Jahre. Ein weiteres Mädchen, In Jin, war weniger als ein Jahr vor mir geboren, Heung Jin war im selben Jahr wie ich geboren und Un Jin, seine Schwester, ein Jahr später. Muns Sohn Kook Jin war vier Jahre jünger als ich. Die anderen Kinder der Muns wurden nach ihrer Übersiedlung nach Amerika 1971 geboren.

Ich bewunderte die Mun-Kinder. Das taten wir alle. Wir beneideten sie um ihre schöne Mutter und ihren mächtigen Vater. Wir lernten, die Sonderbehandlungen zu akzeptieren, die ihnen von Erwachsenen zuteil wurden, die versuchten, sich bei Sun Myung Mun einzuschmeicheln. Wir versuchten immer, einen von ihnen in unsere Klasse in der Sonntagsschule zu kriegen, weil uns jede Woche von neuem mitgeteilt wurde, daß die Klasse, die das meiste Geld spendete, belohnt werden würde. Eins der Mun-Kinder in seiner Gruppe zu haben, war somit ein großer Vorteil. Wir anderen waren arm, aber die Mun-Kinder brachten jede Woche ganz neue Scheine für die Kollekte mit.

Diese Geldscheine hinterließen einen bleibenden Eindruck bei mir. Als ich ein kleines Mädchen war, sammelte ich glänzende koreanische Münzen,. Ich behielt nur die glänzendsten, polierte sie auf Hochglanz und nahm sie dann sonntags als meine ureigenste Opfergabe mit in die Kirche. Ich hatte nicht viel, aber ich gab Gott und Reverend Mun, was ich hatte. Als ich später eigene Kinder hatte, behielt ich diese Gewohnheit aus Kindheitstagen bei und wählte die saubersten, neuesten Dollarnoten als Opfergabe an Gott.

In der Sonntagsschule lernten wir nicht nur die »Göttlichen Prinzipien« und die Offenbarungen Sun Myung Muns. Wir hörten Geschichten und Parabeln, die den Bibelgeschichten, die man den Kindern der anderen christlichen Religionen erzählte, sehr ähnlich waren. Hauptunterschied war, daß in unseren Geschichten nicht Jesus im Mittelpunkt stand, sondern Sun Myung Mun. Wir lauschten Berichten über seinen spirituellen Kampf zur Gründung unserer Religion; wir hörten Geschichten über seine Verfolgung und seine Leiden in den Händen der Ungläubigen. Man lehrte uns, daß er eine historische Gestalt sei, die die Last der gefallenen Menschheit auf ihren starken Schultern trug. Wir hätten uns keinen heiligeren oder tapfereren Anführer vorstellen können als Sun Myung Mun.

Den Wahren Kindern brachten wir eine ganz ähnliche Ehrerbietung entgegen. Wir prägten uns die Namen und Leistungen sämtlicher Mun-Kinder ein. Wir fügten ihren Vornamen die respektvolle Anrede Nim hinzu, wenn wir sie ansprachen. Ihre akademischen und künstlerischen Fähigkeiten und ihr höherer Lebensstandard galten uns als Beweis für ihre Überlegenheit. Man könnte fast sagen, daß wir sie vergötterten.

Aber auch unter uns anderen gab es eine Hierarchie. Die Gesegneten Kinder der ersten drei Jünger rangierten auf einer ganz eigenen Ebene, gefolgt von jenen unter uns, die Nachkommen der nächsten 33 Paare waren. Unter unseren Eltern herrschte ein starker Konkurrenzkampf bei dem Versuch, uns als potentielle spätere Ehepartner für die nächste Mun-Generation zu präsentieren. War man mit den Muns verschwägert, sicherte man damit seiner ganzen Familie einen Platz im inneren Zirkel.

Für die Kinder jener Eltern, die nicht gesegnet worden waren, konnte die Kirche ein grausamer Ort sein. Mein Bruder war den Tränen nah, als er mir erzählte, wie ein kleiner Junge, ein nichtgesegnetes Kind, an einem Sonntag seinen Busfahrschein auf den Kollektenteller legte, woraufhin er von einem unsensiblen Erwachsenen ob seiner Dummheit grob angefahren wurde. Jin war entsetzt. Ganz offensichtlich war der Busfahrschein das Kostbarste gewesen, was der Junge besaß.

Als Kinder kamen wir nur selten in Kontakt mit Mun persönlich. Wir sahen ihn sonntags und an den Kirchenfeiertagen – und derer gab es viele: Tag der Eltern, Tag der Kinder, der Tag aller Dinge, Gottes Tag, Geburtstage der Wahren Eltern, Tag der Wahren Eltern zum Gedenken an die Hochzeit von Sun Myung Mun und Hak Ja Han, eine vollkommene Vereinigung, von der wir glaubten, daß sie das Paradies wiederherstellte und das Fundament bildete für den Himmel auf Erden. Am Kindertag am 1. Oktober wurde unsere Verbindung zu den Wahren Eltern als Kinder Gottes gefeiert. Der Tag aller Dinge symbolisierte die Herrschaft des Menschen über die restliche Schöpfung. Gottes Tag war der 1. Januar, der erste Tag des neuen Jahres, an dem wir unsere Gefolgschaft gegenüber Muns Mission neu gelobten.

Musik und Essen spielten immer eine zentrale Rolle bei den Kirchenfesten. Von den Kindern wurde erwartet, daß sie die Erwachsenen unterhielten, die bereits Obst und zubereitete Speisen auf reich geschmückten Opfertischen vor Reverend Mun und Mrs. Mun abgelegt hatten. Ich fürchtete mich davor, ausgewählt zu werden, um vor Sun Myung Mun aufzutreten. Ich war noch sehr schüchtern, und es ließ sich nicht überhören, daß ich eine scheußliche Gesangsstimme hatte. In der vierten Klasse wurde ich zusammen mit zwei anderen Gesegneten Kindern, Freundinnen von mir, ausgewählt, um vor der gesamten versammelten Gemeinde für Sun Myung Mun und seine Frau zu singen. Wir hatten schreckliche Angst, was unserer Darbietung nicht eben förderlich war. Es fällt einem Kind nun einmal schwer, Ruhe zu bewahren im Angesicht eines Mannes, den es für Gottes leibhaftigen Gesandten auf Erden hält.

Noch im selben Jahr schickten meine Eltern mich auf eine Privatschule. Inzwischen konnten wir es uns leisten, ein bescheidenes Haus zu mieten, wenngleich unsere finanziellen Verhältnisse alles andere als gesichert waren. In Korea hat Bildung bei den Eltern höchste Priorität. Für meine Eltern war es ganz selbstverständlich, auch auf elementarsten Komfort zu verzichten, um ihren sieben Kindern die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen. Wir machten nur sehr selten Urlaub, aber ich hatte täglich Klavierunterricht.

Daß sie so großen Wert auf Bildung legten, bedeutete jedoch nicht, daß meine Eltern die Unterrichtsstunden immer pünktlich bezahlten. Eines nachmittags forderte einer unserer Lehrer mehrere von uns auf, nach dem Unterricht noch zu bleiben. Die Schulgebühren waren überfällig. Der Lehrer wollte zu jedem von uns nach Hause gehen, um das Geld einzusammeln. Ich schämte mich zu sehr, dem Lehrer und meinen Schulkameraden unser schäbiges Heim zu zeigen, und so führte ich sie statt dessen zum Arbeitsplatz meines Vaters.

Die Industrie, lehrt Mun, ist das Fundament, auf dem Gottes Himmelreich errichtet werden wird. Heute kontrolliert er ein Geschäftsimperium, das Lebensmittelverarbeitung, Fischerei, Handwerksbetriebe, Computer, Pharmazie, Schiffsbau und Elektronik umfaßt. Il Hwa war der erste Gebäudekomplex dieses Imperiums.

Il Hwa ist ein Pharmakonzern, der in vier modernen Fabriken in Korea über vierzig verschiedene pharmazeutische Produkte herstellt. Dort werden mit Kohlensäure versetztes Quellwasser und eine beliebte Limonade abgefüllt und zehn verschiedene Ginsengprodukte hergestellt. Mein Vater hat Il Hwa aus dem Nichts aufgebaut. Als ich meinen Lehrer und meine Klassenkameraden zu seinem Büro führte, war mein Vater Manager eines sehr erfolgreichen Unternehmens. Ich konnte sehen, daß sie beeindruckt waren, und sonnte mich im Erfolg meines Vaters.

Mein Vater war klüger als viele andere von Sun Myung Muns übereifrigen frühen Anhängern. Er hatte sich der Kirche angeschlossen, jedoch auch seine Ausbildung abgeschlossen. Ein Jahrzehnt lang, in dem er lieber an Straßenecken und in Kirchen predigte, nutzte er sein Pharmaziediplom nicht, aber 1971 drückte Mun ihm 500 Dollar in die Hand und meinte, die Kirche solle Ginsengprodukte entwickeln und herstellen. Mun hatte gehört, daß Ginseng sich in Japan, wo die Kirche ihren Einflußbereich stetig ausweitete, großer Beliebtheit erfreute. Ein japanisches Mitglied machte ihn darauf aufmerksam – völlig zu recht, wie sich herausstellte –, daß es für diese Produkte auch in Korea einen Markt gäbe.

Mein Vater hatte noch nie eine Ginsengwurzel gesehen, obgleich er natürlich wußte, daß man ihr in den östlichen Kulturen seit Jahrhunderten außergewöhnliche heilende und aufbauende Kräfte zuschrieb. Ginseng wurde nachgesagt, daß es den Alterungsprozeß verzögere, potenzsteigernde Eigenschaften besitze und die Vitalität fördere. Mein Vater machte den ersten Schritt hin zum erfolgreichsten Pharmakonzern Koreas, indem er auf den örtlichen Mark ging, um sich diese Wunderwurzel einmal genauer anzusehen. In den nächsten zehn Jahren bekam ich meinen Vater kaum zu Gesicht, da er seine ganze Zeit der Aufgabe widmete, Il Hwa zu einem Pharmariesen aufzubauen, der auf koreanische Ginsengprodukte spezialisiert war, darunter Tee, Kapseln, Extrakt und Tonika. Er war schon weg, wenn ich morgens aufstand, und noch im Büro, wenn ich abends zu Bett ging.

Mein Vater verwandelte eine Idee in ein gewaltiges lukratives Unternehmen für Sun Myung Mun. Zu Il Hwas Erzeugnissen gehört unter anderem McCol, ein Softdrink, der in Korea fast ebenso beliebt ist wie Coca Cola. Il Hwas McCol und Ginseng-Up sowie das kohlensäurehaltige Mineralwasser haben das Unternehmen zu Koreas größter Getränkefabrik gemacht, mit einem Marktanteil von 62 Prozent und Exporten in über dreißig Länder.

Meines Vaters Hintergründe für die Erfindung McCols hatten ebenso viel mit sozialem Engagement zu tun wie mit Profitsteigerung für Il Hwa. Hauptbestandteil von McCol ist Gerste. Die Beliebtheit des Getränks – Sun Myung Mun trinkt es sogar in Amerika – hat einen neuen Markt für die Gerstebauern geschaffen, die inzwischen in Korea zu den Besserverdienenden gehören. Aber mein Vater, der Bauernsohn, war nicht auf irdische, sondern auf himmlische Reichtümer aus. Und so flössen die Reichtümer in Sun Myung Muns Taschen.


Deutsch

Nansook Hong – Ich schaue nicht zurück, Teil 2

Nansook Hong – Ich schaue nicht zurück, Teil 3

Nansook Hong – Ich schaue nicht zurück, Teil 4

Niederschrift von Sam Parks Video


Englisch

Nansook Hong interviewed

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 1

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 2

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 3

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 4

Whitney Houston a no-show at Moon’s mass wedding ceremony


Französisch

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 1

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 2

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 3

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 4


Spanisch

Nansook Hong entrevistada en español

‘A la Sombra de los Moon’ por Nansook Hong


Japanisch

Nansook Hong’s interview on ‘60 minutes’ translated into Japanese

TV番組「60分」で洪蘭淑インタビュー

わが父文鮮明の正体 – 洪蘭淑

わが父文鮮明の正体 – 洪蘭淑 4

文鮮明「聖家族」の仮面を剥ぐ – 洪蘭淑