Nansook Hong – Ich schaue nicht zurück, Teil 3


▲ Familie Mun hat sich zu einer typischen Geburtstagsfeier für eines von Sun Myung Muns Kindern versammelt. Auf dem Opfertisch vor uns türmt sich das Obst. Ich stehe in der hinteren Reihe, als Zweite von rechts, Hyo Jin steht ganz links außen in derselben Reihe.


6. Kapitel

Ich war zur selben Zeit mit Sun Myung Muns erstem Enkelkind schwanger wie Hak Ja Han Mun mit ihrem 13. Baby.

Mrs. Muns Gynäkologe hatte sie nach der Geburt ihres 10. Kindes gewarnt, daß eine weitere Schwangerschaft ein ernstzunehmendes, vielleicht sogar tödliches gesundheitliches Risiko darstellen würde. Reverend Mun wies sie einfach an, den Arzt zu wechseln. Er war fest entschlossen, möglichst viele sündenfreie Wahre Kinder des Messias zu zeugen.

Für die Erziehung interessierten sich die Muns jedoch beide wenig. Kaum war das Baby geboren, wurde es auch schon der Obhut einer Kirchenschwester übergeben, die als Amme und Kinderfrau fungierte. Während meiner 14 Jahre in East Garden habe ich kein einziges Mal gesehen, daß Sun Myung Mun oder seine Frau einem ihrer eigenen Kinder die Nase geputzt oder mit ihm gespielt hätten.

Reverend Mun hatte eine theologische Erklärung für die Art elterlicher Vernachlässigung, die er und Mrs. Mun praktizierten und die ich selbst als Kind zweier seiner ersten Anhänger am eigenen Leib erfahren hatte: der Messias ging vor. Er erwartete von den Gläubigen, daß sie sich voll und ganz der Aufgabe widmeten, öffentlich für seine Kirche zu predigen; privates Familienglück war egoistisch.

Mun bestimmte sogar bestimmte Paare unter den ursprünglichen Jüngern, die die Verantwortung für die moralische und spirituelle Entwicklung jedes einzelnen Mun-Kin-des übernehmen sollten. Diese elterlichen Pflichten selbst auszuüben, meinte Mun, würde ihn nur von seiner göttlichen Mission ablenken, die Welt zum Vereinigungsglauben zu bekehren.

Sun Myung Mun war sich der Verbitterung, die diese Haltung bei seinen Kindern erzeugte, durchaus bewußt. »Meine Söhne und Töchter sagen, daß ihre Eltern nur an die Mitglieder der Vereinigungskirche denken, vor allem an die 36 Paare«, sagte Reverend Mun in einer Ansprache in Seoul nur wenige Monate vor meiner Hochzeit. »Ich frühstücke zusammen mit den 36 Paaren und schicke sogar meine eigenen Söhne und Töchter fort. Natürlich fragen sich die Kinder ›Warum tun unsere Eltern das? Sogar wenn unsere Eltern uns irgendwo begegnen, scheinen sie sich nicht für uns zu interessieren‹.

Es stimmt, daß ich unsere Kirchenmitglieder mehr geliebt habe als sonst jemanden auf der Welt, daß ich hierüber sogar meine Frau und Kinder vernachlässigt habe. Der Himmel weiß das. Wenn wir diesem Weg trotz der Vorwürfe und der Vernachlässigung unserer Kinder weiter folgen, werden die Nation und die ganze Welt irgendwann verstehen. Und auch unsere Ehefrauen und Kinder werden verstehen. Das ist der Weg, dem ihr folgen müßt.«

Offenbar hatten Reverend Mun und seine Frau keine Ahnung davon, daß sich ernsthafte Schwierigkeiten anbahnten. Kurz nachdem ich auf der Irvington High-School eingeschrieben worden war, wechselten auch In Jin und Heung Jin von Hackley dorthin. Vater behauptete, er hätte die Privatschule aufgegeben, weil seine Kinder dort von Lehrern gequält worden seien, die sie als Munies verhöhnten, aber die Wahrheit war, daß einige der Mun-Kinder entsetzlich schlechte Schüler waren. Und kaum daß sie auf der öffentlichen Schule waren, nahmen sie Kleidungsstil, Umgangssprache und Verhalten ihrer ungeratensten Klassenkameraden an. Sie legten sich sogar westliche Namen für ihre neuen Freunde zu. In Jin nannte sich beispielsweise einige Zeit Christina und dann Tatiana. Wenn Hyo Jin sich auf Partys zu ihnen gesellte, nannte er sich Steve Han.

Aber nicht nur durch ihre Namen versuchten die älteren Mun-Kinder, sich von der Wahren Familie zu distanzieren. Die meisten von ihnen machten sich einen Spaß daraus, jede einzelne Vorgabe ihrer Religion zu mißachten. Die Muns ließen sie gewähren. Sie hatten in diesem Frühling andere Sorgen: Vater sollte wegen Steuerbetrugs vor Gericht gestellt werden.

Im vergangenen Herbst, nur Wochen bevor Hyo Jin und ich füreinander bestimmt worden waren, war beim Bundesgerichtshof in New York Anzeige gegen Sun Myung Mun erhoben worden. Ihm wurde zur Last gelegt, drei Jahre lang gefälschte Einkommensteuerbescheide abgegeben und 112 000 Dollar Zinserträge, 1,6 Millionen Dollar auf verschiedenen Bankkonten und den Erwerb von Aktien im Wert von 70 000 Dollar unterschlagen zu haben. Einer seiner Steuerberater wurde der Beihilfe, der Konspiration und der Behinderung der Justiz bezichtigt, weil er gelogen und Dokumente gefälscht hatte, um Muns Verbrechen zu vertuschen.

Reverend Mun kehrte aus Korea in die Staaten zurück und plädierte auf nicht schuldig im Sinne der Anklage. Vater erklärte 2500 jubelnden Anhängern auf den Stufen des Bundesgerichts in New York, daß er ein Opfer religiöser Verfolgung und rassistischer Bigotterie sei. »Ich würde heute nicht hier stehen, wenn ich Weißer und Presbyterianer wäre«, behauptete er. »Ich bin am heutigen Tage nur deshalb hier, weil meine Haut gelb ist und ich der Vereinigungskirche angehöre.«

Vater hatte in jenem Jahr bereits früher schon ähnliche Erklärungen abgegeben, als eine Jury in Großbritannien am Ende einer sechsmonatigen Verleumdungsklage zu dem Schluß gekommen war, daß die Tageszeitung Daily Mail die Vereinigungskirche zu recht als Sekte bezeichnet hatte, die junge Leute einer Gehirnwäsche unterzog und Familien auseinanderriß.

Das Zivilgericht stufte die Kirche als »politische Organisation« ein und legte der Regierung nahe, ihr die Steuerbefreiung, die ihr aufgrund ihres Status als wohltätige Einrichtung eingeräumt worden sei, abzuerkennen. Darüber hinaus verurteilte das Gericht die Vereinigungskirche am Ende des Verfahrens dazu, die Prozeßkosten in Höhe von 1,6 Millionen Dollar zu tragen – es war der längste und teuerste Prozeß dieser Art in der britischen Geschichte.

In New York war Vater gegen eine Kaution von 250 000 Dollar, die von der Vereinigungskirche und eines ihrer Subunternehmen, One Up Enterprises, aufgebracht wurde, wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Der Prozeß begann am 1. April. Trotz ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft begleitete Mrs. Mun Vater jeden Tag ins Bundesgericht. Jin und ich gingen nur einmal hin. Ich verstand wegen meiner fehlenden Sprachkenntnisse kein Wort, aber ich brauchte die Worte auch nicht zu verstehen, um zu begreifen, was im Gericht vorging. Sun Myung Mun wurde nicht der Prozeß gemacht, man stellte ihn an den Pranger.

Vater hatte uns erklärt, daß das, was ihm widerfuhr, Teil einer langen Geschichte religiöser Bigotterie in den Vereinigten Staaten wäre. Obwohl die ersten Siedler auf der Suche nach religiöser Freiheit nach Nordamerika gekommen waren, waren sie auch dort schon bald auf Intoleranz gestoßen. In seinen Sonntagspredigten in Belvedere hatte er uns von unschuldigen Frauen erzählt, die in Massachusetts als Hexen verurteilt und gehängt worden waren, von Quäkern, die im Süden gesteinigt wurden, und von Mormonen, die man im Westen ermordete. Die Untersuchung der Finanzbehörde, die zu Vaters Prozeß geführt habe, sei nur Teil dieser schändlichen Tradition.

Jeden Morgen pilgerten Familienmitglieder und Angestellte nach Holy Rock, einer Lichtung in den Wäldern auf dem acht Hektar großen Anwesen East Garden. Vater hatte diesen Ort hoch oben auf einem Hügel oberhalb des Hudson River gesegnet und für heilig erklärt. Es war ein wunderschöner, unverdorbener Ort. Wenn ich dort betete, fühlte ich mich Gott näher und dem 20. Jahrhundert entrückter als überall sonst auf dieser Welt. Es war ein Ort stiller Kontemplation, der 1982 nicht viel anders aussah als 1609, als Henry Hudson diesen Teil des Kontinents das erstemal erforscht hatte.

Vater betete jeden Tag vor Sonnenaufgang allein am Holy Rock. Die Gebetsdamen, ältere Frauen, zu denen auch meine Mutter gehörte, hielten dort während des sechswöchigen Prozesses jeden Tag Mahnwachen ab. Manchmal kamen die Wahren Kinder und die Gesegneten Kinder aus der Umgebung dort zusammen, um für Vaters Freispruch zu beten. Ich weiß noch, wie kalt es auf diesem Hügel war. Ich war schwanger, und meine Glieder schmerzten von der Kälte, aber meine Beschwerden waren nichts, verglichen mit dem Leid, das Vater erdulden mußte.

Es wurden einige Tränen vergossen, als Vater im Mai verurteilt wurde, aber ich bin mir nicht sicher, ob außerhalb seines Beraterkreises jemand den tatsächlichen Ernst der Lage begriff. Keiner von uns glaubte, daß Richter Gerard Goettel vom US-Bezirksgericht seine Möglichkeiten ausschöpfen und Vater zu 14 Jahren Gefängnis verurteilen würde. Das Stimmungstief angesichts von Vaters Verurteilung wegen Steuerhinterziehung wurde von einem zweiten Urteil eines New Yorker Gerichts vertrieben, das die Vereinigungskirche als reguläre religiöse Organisation anerkannte und ihr die Steuerbefreiung zugestand.

Zwei Monate später verurteilte Richter Goettel Reverend Mun zu 18 Monaten Gefängnis und einer Geldbuße von 25 000 Dollar. Vater lauschte dem Urteilsspruch mit unbewegter Miene. In Muns Augen war seine Haftstrafe – sein Martyrium – schicksalhaft. Mose Durst, Präsident der Vereinigungskirche in Amerika, verglich Vaters Verurteilung sogar mit jener von Jesus Christus »wegen Hochverrats«. Muns Anwälte gingen sofort in Berufung. »Wir vertrauen darauf, daß dank des Rechtssystems in Amerika Gerechtigkeit geschehen und unser spiritueller Führer rehabilitiert werden wird«, teilte Mose Durst der Presse mit. »Wie allen großen religiösen Führern dieser Welt ist man ihm mit Haß, Bigotterie und Unverständnis begegnet.«

Als Antwort auf die Drohungen der Staatsanwaltschaft, Reverend Mun abschieben zu lassen, engagierte die Kirche für das Berufungsverfahren Laurence Tribe, Professor an der Juristischen Fakultät in Harvard und Experte auf dem Gebiet des Verfassungsrechts. Professor Tribe argumentierte erfolgreich, daß durch die Abschiebung Vaters er den Kontakt zu seinen sechs in Amerika geborenen Kindern verlieren würde, die damals zwischen zwei Monaten und zehn Jahren alt waren. Richter Goettel stimmte der Verteidigung zu, daß dies eine »unangemessene Härte« wäre, auch wenn er andererseits darauf hinwies, daß die in der breiten Öffentlichkeit herrschende Ablehnung Muns dies zu »einer schwierigen Entscheidung« mache, die »zwangsläufig den Unmut vieler Menschen erregen« werde. Vater blieb bis zum Ausgang des Berufungsverfahrens ein freier Mann.

Vater schien unberührt von dem Ausgang des Prozesses. In jenem Sommer, als Hyo Jin wieder in Korea war, begleitete ich Reverend Mun und seine Frau nach Gloucester, Massachusetts, wo die Kirche eine ganze Fischereiflotte sowie eine Fischfabrik besaß. Mun sagte, er habe die sogenannte Ocean Church gegründet, um die Hungrigen dieser Welt zu ernähren. Tatsächlich vermuteten jedoch alle, daß er die Boote nur deshalb gekauft hatte, weil er gern zum Fischen hinausfuhr, In Gloucester besitzt Vater Morning Garden, ein Anwesen, das er von der katholischen Kirch erworben hat (Sämtliche Mun-Residenzen trugen Namen, die sich auf den Garten Eden bezogen: East Garden, Morning Garden, North Garden in Alaska, wo Vater ebenfalls eine Fischereiflotte sowie zwei große Fischfabriken in Kodiak und eine dritte in Bristol Bay besitzt, West Garden in Los Angeles, South Garden in Südamerika sowie ein weiteres riesiges Anwesen auf Hawaii.)

In jenem Sommer mietete Vater zusätzlich ein Haus in Provincetown an der Spitze der Halbinsel Cape Cod, um noch mehr Zeit mit Angeln verbringen zu können. Meine Aufgabe war es, Mutter und die Kinder am Strand zu versorgen, während die Küchenschwestern die Mahlzeiten zubereiteten. Ich servierte das Mittagessen am Strand, trocknete die Kinder nach dem Schwimmen ab und übernahm auch sonst die Rolle von Mrs. Muns Hofdame. Es war eine ebenso frustrierende wie undankbare Aufgabe. Ich durfte nur schwimmen gehen, wenn sie selbst ins Wasser ging. Ich durfte nur spazieren gehen, wenn sie einen Spaziergang unternahm. Ich konnte noch nicht einmal allein das Bad benutzen. Ich war da, um sie von vorn bis hinten zu bedienen, nicht mehr und nicht weniger. Nachts schlief ich in einem Schlafsack, umgeben von ihren Kindern, Köchinnen und Dienstmädchen. Sie brüstete sich damit, daß sie uns alle erholsame Ferien spendiere, aber mir schien es, als wären sie und die Kinder die einzigen, die sich erholten.

Trotz meiner eigenen Schwangerschaft fühlte ich mich innerhalb des Mun-Haushaltes wie eine Bedienstete. In East Garden mußte ich, wenn die Muns dort waren, noch vor ihnen aufstehen und draußen vor ihrem Schlafzimmer warten, bis sie aufwachten. Als ihre Schwiegertochter war es meine Pflicht, den Muns ihre Mahlzeiten zu servieren und den ganzen Tag über Mrs. Muns Bedürfnissen nachzukommen. Wenn ich nicht in der Schule war sowie an den Wochenenden war ich von morgens bis abends an Mrs. Muns Seite. Die meiste Zeit verbrachte ich darauf zu warten, daß sie mir befahl, ihr irgend etwas zu holen, ihr etwas zu servieren oder sie irgendwohin zu begleiten. Ich sah mir stundenlang mit ihr zusammen stumpfsinnige koreanische Seifenopern an, die sie liebte und ich verabscheute. Trotzdem mußte ich genau hinsehen, für den Fall, daß sie sich zur Handlung äußerte.

Ich nahm meine Mahlzeiten zusammen mit den anderen Kindern in der Küche ein, während die Wahren Eltern zusammen mit den Kirchenältesten aßen und Würdenträger besuchten. Einzelheiten aus dem Steuerprozeß erfuhren wir nur hinter vorgehaltener Hand; Vater äußerte sich uns gegenüber nie zu seiner Situation. In seinen Augen waren wir eben nur Kinder.

Ich kann dem nicht widersprechen. Die Küche war der einzige Ort auf dem riesigen Anwesen, an dem ich mich wirklich heimisch fühlte, umgeben von den kleineren Kindern, die ihre Milch verschütteten, und den älteren, die von der Schule erzählten. Oft fütterte ich Yeon Jin in ihrem Stühlchen. Hyung Jin war noch ein Kleinkind. Ich ging oft mit ihm von dem großen runden Tisch in der Küche hinaus auf die Hügel von East Garden, wo wir zusammen Blumen pflückten. Ich war für die heranwachsenden Mun-Kinder mehr eine Schwester als eine Schwägerin.

Manchmal fuhr ich mit Un Jin auf die New Hope Farm, eine Pferdefarm, die Reverend Mun in Port Jervis, New York, erworben hatte. Un Jin war eine hervorragende Reiterin und liebte Pferde. Die südkoreanische Olympiamannschaft trainierte dort. Es war nicht zuletzt Sun Myung Muns Geld zu verdanken, daß Un Jin 1988 Mitglied der Olympiaequipe wurde.

Heung Jin war das einzige der älteren Mun-Kinder, das mir außer Un Jin in meinem ersten Jahr in East Garden freundlich begegnete. Er war nur ein paar Monate jünger als ich, ein lieber Junge, der in seinem Zimmer eine Katze hielt. Als die Katze Junge bekam, konnte er sich von keinem einzigen trennen, so daß die Katzenschar sein ganzes Zimmer mit Beschlag belegte. Manchmal fanden wir Heung Jin schlafend in der kleinen Telefonnische neben seinem Zimmer, weil er vor lauter Katzen keinen Platz mehr in seinem eigenen Bett gehabt hatte. In meinem ersten Winter in East Garden schenkte er mir Rosen zum Geburtstag, eine um so denkwürdigere Geste, als Hyo Jin mir nicht einmal eine Karte schrieb.

In jenem Sommer und im Herbst besuchte ich eine Sprachschule und bemühte mich, Englisch zu lernen und gleichzeitig meine fortschreitende Schwangerschaft vor meinen älteren, zumeist Spanisch sprechenden Klassenkameraden zu verbergen. Mrs. Mun hatte meine Mutter im Sommer nach Korea heimgeschickt, damit sie sich um meine jüngeren Geschwister kümmern konnte, so daß ich in East Garden einsamer war denn je. Meine Schwangerschaft erfüllte mich eher mit Schrecken als mit Freude. Ich litt unter quälender Morgenübelkeit, ohne zu wissen, daß diese vorübergehen würde, und fürchtete, daß mit mir oder dem Baby etwas nicht stimmte.

Hyo Jin war nur selten zu Hause. Immer wenn er sich langweilte, was sehr häufig vorkam, verkündete er, daß er nach Korea fliegen würde, zu einem »Sieben-Tage-Kurs« oder einem »Einundzwanzig-Tage-Kurs«, Ausbildungsprogramme der Kirche, die dazu dienen sollten, einem Gott näher zu bringen. Aber trotz seiner angekündigten guten Absichten erfuhren wir dann für gewöhnlich aus Seoul, daß Hyo Jin sich die Zeit mit Barmädchen oder seinen alten Freundinnen vertrieb. Wenn er in East Garden war, forderte er jede Nacht Sex von mir, trotz meiner Proteste, daß es schrecklich weh tue. Aber noch schlimmer als die Schmerzen war die Abscheu, die er angesichts meiner sich von der Schwangerschaft immer stärker rundenden Hüften und Taille äußerte. Für mich war es ein Wunder, für ihn ein Affront. Er bezeichnete mich als fett und häßlich. Er befahl mir, meinen Bauch zu verdecken, wenn wir miteinander schliefen, damit er ihn nicht sehen mußte.

Reverend Mun meinte, ich müsse noch inbrünstiger für Hyo Jin beten, zu Gott zurückzukehren, und daß die bevorstehende Vaterschaft ihn ändern würde. Nicht ohne Hintergrund sagt er, wir alle müßten für die Gesundheit meines Babys beten. Niemand sprach es offen aus, aber ich wußte, daß alle in East Garden fürchteten, das Baby könne aufgrund von Hyo Jins übermäßigem Drogen- und Alkoholkonsum sowie seinem unersättlichen Hunger nach ungeschütztem Sex Schäden davontragen.

Ich besuchte allein die Schwangerschaftsgymnastik. Ein Chauffeur setzte mich mit zwei Kissen am Phelps Hospital ab. Jede der anderen schwangeren Frauen kam in Begleitung eines aufmerksamen Partners. Die Leiterin brachte mich mit einer Krankenschwester zusammen, die sich mit Atem- und Gymnastikübungen nach Lamaze auskannte. Ich dachte, Gott hätte sie mir geschickt. So dankbar ich jedoch war, schmerzte es doch, die anderen Paare zu sehen, die sich liebevoll gemeinsam auf die Geburt ihres Kindes vorbereiteten. Die Frauen redeten von verschiedenen Wiegenstilen und Autokindersitzen. Sie diskutierten Vor- und Nachteile von Stoff- und Wegwerfwindeln. Die Männer wirkten etwas linkisch, aber stolz, wenn sie ihren Frauen die Hände auf den Bauch legten, um zu fühlen wie das Baby sich bewegte. Hyo Jin hatte nur verächtlich gelacht, als ich ihn gefragt hatte, ob er es versuchen wolle. In den ersten sechs Wochen sprach ich bei der Schwangerengymnastik mit niemandem ein Wort. Ich fragte mich, was die anderen wohl von mir denken mochten. Ich mußte ihnen wie ein bedauernswertes Geschöpf vorgekommen sein, so allein und so viel jünger als sie alle. Was für einen mitleiderregenden Eindruck muß ich gemacht haben! Und immer, wenn ich dort war, mußte ich mich einer Wahrheit stellen, die ich jede Nacht von neuem aus meinen Gedanken verdrängte: Ich und das Baby waren Hyo Jin völlig gleichgültig.

Im Januar kehrte meine Mutter nach East Garden zurück, da der Geburtstermin, der für Anfang Februar errechnet worden war, nahte. Sie schlief unten im Cottage House, und das war gut so, da mein Mann nicht zu Hause war, als am 27. Februar die Wehen einsetzten. Ich war drei Wochen überfällig. Hyo Jin war aus Korea heimgekehrt, verbrachte aber trotz der unmittelbar bevorstehenden Geburt jede Nacht in New Yorker Bars. Und dort war er auch, als ich erste Wehen bekam. Meine Mutter ließ mich umhergehen, um es mir leichter zu machen, aber um 22.00 Uhr riefen wir schließlich den Arzt, der feststellte, daß es wirklich soweit war. Hyo Jin hatte es nicht für nötig erachtet, eine Telefonnummer zu hinterlassen, unter der er erreichbar war, und so fuhr ein Wachmann von East Garden meine Mutter und mich ins Krankenhaus.

Ich hatte panische Angst. Auf der nur eine Viertelstunde währenden Fahrt von East Garden zum Phelps Hospital wurden die Schmerzen merklich schlimmer. Ich konnte nicht glauben, was mit meinem Körper passierte. Ich hatte nicht ein einziges Mal die Gymnastik geschwänzt, hatte viel über Wehen und Geburt gelesen, aber nichts hatte mich auf den unerträglichen Schmerz vorbereitet, der mit jeder Wehe durch meinen Körper jagte. Ich konnte im Wagen nicht bequem sitzen, und bei jedem Schlagloch und jeder Kurve kam es mir vor, als bohre sich ein Messer in meinen Leib.

Meine Mutter wich mir in dieser endlosen, schlaflosen Nacht nicht von der Seite. Sie hielt meine Hand und trocknete meine Tränen, wenn die Schmerzen kamen. Stündlich flehte ich die Schwester an nachzusehen, ob der Muttermund sich bereits weit genug geöffnet hatte. Ein Zentimeter. Zwei Zentimeter. Mein Muttermund öffnete sich so langsam wie die Zeiger der Uhr weiterwanderten. Ich dachte, die Nacht würde nie ein Ende haben. Ich dachte, meine Haut würde aufplatzen. Ich dachte, ich würde sterben.

Hyo Jin ließ sich die ganze Nacht nicht im Krankenhaus blicken. Als er schließlich am Morgen kam, sah er verkatert aus und blieb nicht lange. Er sah wie die Wellen des Schmerzes mit jeder Wehe über mich hereinbrachen. Er sah mich weinen. Er hörte mich stöhnen. Dann wurde er ohnmächtig. Was für ein Anblick, diesen Mann, der sich für einen so harten Kerl hielt, im Kreißsaal auf dem Fußboden liegen zu sehen. Die Krankenschwestern halfen Hyo Jin lachend wieder auf die Füße. Hätte ich nicht solche Schmerzen gehabt, hätte ich vielleicht mitlachen können. So aber bekam ich nur mit, daß er mich wieder einmal allein lassen würde, obwohl ich ihn brauchte.

Im Wartezimmer drängten sich Mrs. Mun, die Gebetsdamen und Wahrsager. Sie ließen im Kreißsaal bekanntgeben, daß das Kind vor zwölf Uhr mittags geboren werden müsse, um in den Genuß einer glücklichen Zukunft zu kommen. Die Ärztin war bereit zu helfen. »Wenn es Ihrer Kultur entspricht, werde ich tun, was ich kann«, versprach sie. Meine Mutter mußte draußen vor dem Kreißsaal warten, so daß ich mich auf die Krankenschwestern verlassen mußte, mir bei der Entbindung zu helfen. Sie waren großartig, wenn ich auch gestehen muß, daß ich sie am liebsten erwürgt hätte, als sie über meine erfolglosen Preßversuche lachten. Das Köpfchen des Babys tauchte auf, glitt jedoch immer wieder zurück. Ich hatte einfach nicht genug Kraft. Schließlich nahm die Ärztin einen Dammschnitt vor und benutzte Geburtszangen, um das Baby zu holen.

Es war ein Mädchen. Sie hatte einen dichten schwarzen Haarschopf und rote Druckstellen im Gesicht von der Zange. Ihre Augen waren geschlossen. Sie tat mir leid. Sie war so klein und sah so zerbrechlich aus – sie wog nur knapp unter sieben Pfund daß ich Angst davor hatte, sie auf den Arm zu nehmen. Ich konnte die Mißbilligung der Schwestern fühlen. Sie wechselten vielsagende Blicke, als ich das Baby nicht gleich nehmen wollte. Ich fürchtete, sie könnten glauben, daß ich meine Tochter nicht liebte. Nichts hätte von der Wahrheit entfernter sein können. Aber ich war selbst noch so jung und hatte solche Angst.

Im Wartezimmer wurde die Neuigkeit, daß es ein Mädchen war, mit Enttäuschung aufgenommen, so wie ich es erwartet hatte. Es war meine Pflicht, einen Enkelsohn zur Welt zu bringen, und wieder hatte ich die Muns enttäuscht. In Korea wäre die Reaktion die gleiche gewesen, auch wenn ich kein Mitglied der Vereinigungskirche gewesen wäre. In meiner Kultur haben Jungen immer noch einen höheren Stellenwert als Mädchen. Aber meine Fähigkeit, einen Sohn hervorzubringen, war mit der Zukunft der Vereinigungskirche verknüpft. Als ältester Sohn von Wahrer Vater und Wahre Mutter würde Hyo Jin Mun die Mission der Kirche erben. Meine Pflicht war es, den Sohn zur Welt zu bringen, der Hyo Jin als Kirchenoberhaupt nachfolgen würde.

Nach der Geburt von Shin June, wurde ich schier überwältigt von einem Gefühl der Unzulänglichkeit. Die Kleine schaffte es nicht, an meiner Brust zu saugen, und die Krankenschwester und ich wußten nicht, wie wir ihr helfen sollten. Die Schwestern auf der Wöchnerinnenstation reagierten ungeduldig angesichts meiner Unwissenheit und meiner mangelnden Englischkenntnisse. Aber ich wußte plötzlich, was man unter Mutterinstinkt versteht. Ich hatte noch nie ein solches Wunder gesehen wie die winzigen Finger meines Babys. Ich hatte noch nie etwas so Seidiges gefühlt wie Shin Junes durchscheinende Haut. Ich hatte noch nie ein beruhigenderes Geräusch gehört als ihren leisen Atem. Auch wenn ich nicht wußte, was ich zu tun hatte, blickte ich auf mein Baby herab und fühlte eine Liebe, wie ich sie noch nie gespürt hatte. Wir würden schon dahinterkommen, Gott, mein Baby und ich.


Unser erstes Kind und ich am Tag meines High-School-Abschlusses an der Masters School, einer Privatschule in Dobbs Ferry, New York.


Das Baby und ich wurden am 3. März um 13.30 Uhr aus dem Krankenhaus entlassen. Hyo Jin fuhr uns in Vaters Wagen heim nach East Garden. Reverend Mun erwartete uns bereits, um das neue Baby zu segnen. Er betete, sehr nachdrücklich, wie ich fand, daß Gott dazu beitragen würde, über die Geburt des Babys Hyo Jin auf den rechten Weg zurückzuführen. Aber es sollte keine wundersame Veränderung von Hyo Jins Verhalten geben, In der ersten Nacht, die wir zu Hause verbrachten, blieb er noch bei uns. Aber danach stürzte er sich wieder ins New Yorker Nachtleben.

Meine Mutter blieb mehrere Monate in East Garden, um mir mit dem Baby zu helfen. Ich fühlte mich schuldig, daß ich sie so sehr brauchte. Die Leichtigkeit, mit der sie Shin June versorgte, machte mir meine eigene Ungeschicklichkeit noch bewußter. Ohne meine Mutter wäre ich verloren gewesen, aber es schmerzte mich, sie die Nacht durchwachen zu lassen, während ich schlief. Wie sehr ich mein Baby auch liebte, vielleicht auch gerade weil ich es so sehr liebte, war es so ziemlich die einsamste Zeit in meinem Leben.

Nach der Geburt meiner Tochter fing ich an, ein Tagebuch zu führen. Wenn ich heute darin lese, weine ich um das Mädchen, das ich einst war. Das Tagebuch an sich ist ein Zeugnis meiner Jugend – auf der Vorderseite ist Snoopy abgebildet. »6. März 1983: Hyo Jin ist letzte Nacht um 2.00 Uhr nach Hause gekommen und hat bis zwei Uhr nachmittags geschlafen. Dann ist er mit Jin Kun Kim weggegangen.«

Acht Tage nach der Geburt eines Babys innerhalb der Vereinigungskirche findet eine Weihungszeremonie statt. Die Zahl acht steht in der Zahlenmystik der Vereinigungskirche für einen Neuanfang. Bei der Zeremonie handelt es sich nicht um eine Taufe, da wir glauben, daß die Gesegneten Kinder ohne die Last der Erbsünde auf ihrer Seele geboren werden. Die Weihung ist vielmehr ein Gebetsgottesdienst, bei dem Gott für die Geburt des neuen Kindes gedankt wird.

Am 7. März wurde eine solche Zeremonie für Shin June abgehalten. Ich hielt das Ereignis in meinem Tagebuch fest: »Hyo Jin hielt das Baby. Vater betete. Wir reichten das Baby unter uns herum. Jeder küßte es auf beide Wangen. Beim Frühstück hielt Mrs. Mun es die ganze Zeit. Sie war gut gelaunt. Sie sagte, das Baby sehe genauso aus wie Hyo Jin bei seiner Geburt. Vater meinte, ihre Augen sähen aus wie die eines mystischen Vogels und das bedeute, sie müsse sehr schlau sein. Menschen aus westlichen Ländern haben runde Augen, die verraten, was sie denken. Die Augen der Menschen aus dem Osten sind wie unergründliche dunkle Teiche. Vater sagt, das heißt, wir haben ein größeres, tiefgründigeres Herz.«

Am darauffolgenden Abend, nur fünf Tage nachdem Shin June und ich aus dem Krankenhaus heimgekommen waren, flog Hyo Jin nach Korea. Er mußte nicht fort; ich glaube, er wollte nur weg von uns, von der Verantwortung, die das Baby und ich darstellten. »Ich versuche, mir einzureden, daß ich weniger traurig bin, seit das Baby da ist. Aber wenn ich es zu Bett gebracht habe und allein in meinem Zimmer bin, überfällt mich die Einsamkeit. Es kommt mir vor, als wäre ein großes Loch in meinem Herzen, und ich fühle mich sehr traurig und leer«, schrieb ich in mein Tagebuch. »Ich bete zu Gott, daß Hyo Jin sicher in Korea landet. Ich danke Gott für mein Baby, das mein einsames, leeres und trauriges Herz ausfüllen wird. Tränen laufen mir unaufhaltsam über das Gesicht.«

Ich hatte mir so sehr gewünscht, daß Hyo Jin meine Freude über die Geburt unserer wunderbaren Tochter teilte, aber ich wußte, daß er bei seiner Ankunft in Korea nicht an uns dachte. »Ich frage mich, ob Hyo Jin sicher in Korea gelandet ist. Obwohl ich ihn gebeten habe, mich bei seiner Ankunft anzurufen, rechne ich nicht damit, daß er es tut«, schrieb ich damals. »Ich werde ein paar Tage abwarten und ihn dann selbst anrufen. Ich werde viele schöne Photos von unserem Baby machen und sie Hyo Jin schicken.«

In den ersten Wochen war es nicht leicht, solche Photos zu schießen. Wie die meisten Babys tat Shin June sich schwer damit, einen regelmäßigen Schlafrhythmus zu finden, Sie weinte die ganze Nacht und schlief dann am Tag. Meine Mutter war erschöpft, und mich quälten Schuldgefühle. »Meine Mutter hat ihre eigenen Kinder großgezogen, und jetzt zieht sie ihre Enkelin groß. Ich fühle mich schuldig, daß sie es meinetwegen so schwer hat. Ich weiß wirklich nicht viel. Ich habe ein schlechtes Gewissen meinem Baby gegenüber und bin meiner Mom sehr dankbar«, schrieb ich. »Ich habe sie gebadet. Ich habe ihr das Haar gewaschen und sie in die Wanne gesetzt. Ich konnte sie nicht einmal mit Seife waschen, und meine Mom badete sie zu Ende. Ich dankte meiner Mom und schämte mich. Ich fühle mich schlecht und schuldig meinem kleinen Mädchen gegenüber. Ich fühle mich als Mutter unzulänglich. Ich möchte eine gute Mutter sein, aber es gibt so vieles, was ich nicht weiß. Ich kann einfach nicht aufhören, ihr gegenüber Gewissensbisse zu haben.«

Tage verstrichen, aber Hyo Jin meldete sich nicht, und ich wartete. »Ich frage mich, was Hyo Jin gerade macht. Ich frage mich, ob er auch nur ein ganz klein wenig an seine Tochter denkt«, schrieb ich. »Vater hat gefragt, ob Hyo Jin angerufen hat. Ich war niedergeschlagen, weil ich verneinen mußte. Ich habe gehört, daß Hyo Jin vor Kirchenführern einen Vortrag über die Rolle der Ehefrau gehalten hat. Ich frage mich, was er gerade tut.«

Ich fühlte mich nach der Geburt körperlich nicht sehr wohl. Koreanische Frauen achten ganz besonders darauf, sich nach einer Geburt zu schützen. Wir packen uns warm ein gegen die Kälte. Aber auch noch so viele Lagen Stoff vermochten nichts gegen die innere Kälte auszurichten, die ich verspürte. Ich war nie viel krank gewesen, aber ich war sehr zierlich. Mein Körper war noch nicht bereit gewesen für eine Geburt. Ich bekam Gelenkschmerzen, die mit jeder Schwangerschaft schlimmer wurden. In jenem März lösten sich meine emotionalen, physischen und spirituellen Krisen ab. »Meine Augen tun den ganzen Tag weh, und meine Zähne sind so empfindlich, daß ich nichts essen kann. Ich weiß nicht, warum ich mich schlecht fühle. Ich habe Kopfschmerzen, und mir ist schwer ums Herz. Ich muß das Baby ein wenig später stillen. Ich fühle mich unwohl in ihrer Gegenwart«, schrieb ich. »Ich frage mich, was Hyo Jin gerade macht. Er ruft nicht an. Ich denke gar nicht daran, aber ich warte trotzdem auf seinen Anruf.

Es ist lange her, seit ich aus ganzem Herzen gebetet habe. Nach der Geburt des Babys bin ich faul geworden. Während der Schwangerschaft war ich gewissenhafter und habe für die Gesundheit des Babys gebetet. Nach der Geburt bin ich dann unaufmerksam geworden. Wenn ich deprimiert bin und an Hyo Jin denke, schaue ich das Baby an. Dann steigt Hoffnung in mir auf. Sie ist meine ganze Hoffnung. Meine Hoffnung ruht auf ihr, und ich bete, daß Hyo Jin zuriickkommt. Noch einmal möchte ich Gott von ganzem Herzen danken, daß er mir meine Tochter geschenkt hat. Amen.«

»18. März 1983: Es regnet seit dem Morgen heftig, und es weht ein starker Wind. Ich sitze an meinem Schreibtisch, und Einsamkeit erfüllt mein Herz. Ich fühle mich, als wäre ich ganz allein auf der Welt. Ich habe oft das Gefühl, daß niemand bei mir ist und ich von allen anderen isoliert bin. Obwohl mein Baby nebenan ist, fühle ich mich ganz allein …«

»19. März 1983: Gestern und vorgestern habe ich schlecht geträumt. In meinen Träumen war Hyo Jin mit zwei anderen Frauen zusammen, obwohl er mit mir verheiratet ist. Ich will gar nicht daran denken, aber die Träume waren sehr real, so real, daß sie mir gar nicht vorkamen wie Träume. Ich kann mich ganz deutlich an die Gesichter der Frauen erinnern. Ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Letztes Jahr, als Hyo Jin seine Freundin nach New York City brachte und eine Woche fortblieb, träumte ich zweimal von den beiden. Ich wußte, wie sie aussah; die Frauen, von denen ich diesmal geträumt habe, kenne ich nicht. Es war in jeder Nacht eine andere Frau. Und überhaupt sind das schlechte Träume. Ich weiß nicht, warum ich so etwas träume. Vielleicht denke ich zu viel an ihn! Oder vielleicht ist es eine Prüfung Satans. Ich habe keinen Appetit, und ich glaube, ich werde spirituell schwächer. Bevor ich das Baby gebadet habe, habe ich Hyo Jin angerufen. Ich weiß nicht, warum es ihm so schwer fällt, mich anzurufen. Wenn ich allein bin oder versuche zu schlafen, muß ich ständig an ihn denken. Ich versuche, nicht zu denken, aber mein Gehirn spinnt den Faden der Gedanken einfach weiter. Ich weiß auch nicht, warum das so ist. Ich fürchte mich vor dem Alleinsein.«

»22. März 1983: Mom hat mit mir geschimpft, weil ich nicht gefrühstückt habe, aber ich habe einfach keinen Appetit. Seit diesen bösen Träumen habe ich den Appetit verloren. Mom hat gesagt, daß, wenn ich körperlich schwach werde, der Satan sich meiner bemächtigen wird. Ich solle also essen und mir dabei vorstellen, Satan fortzubeißen! Ich habe gehört, daß Hyo Jin bei den Seminaren seine Sache gut macht, aber ich träume immer noch schlecht. Vielleicht stellt Satan mich auf die Probe. Ich glaube, ich bin geistig und körperlich schwach geworden. Ich darf dem Satan nicht nachgeben. Ich sollte möglichst rasch wieder zu Kräften kommen und meine Pflichten gegenüber Gott, Hyo Jin und unserer Tochter erfüllen.«

»27. März 1983: Es regnet stark und ist sehr windig. Trotz des schlechten Wetters und ihrer Müdigkeit ist meine Mutter um 15.00 Uhr für eine Stunde nach Holy Rock gegangen. Meine armen Eltern. Ich fühle, daß es ihnen nicht gutgeht und sie ständig leiden müssen wegen ihrer Tochter, wegen mir. Ich frage mich, ob Hyo Jin sich gut macht in diesem Workshop, und was er sonst so tut. Ich habe von Mom erfahren, daß er am sechsten Tag jeweils eine Stunde mit seinen zwei Freundinnen telefoniert hat! Satan hielt am 6. Tag Einzug. Unser Himmlischer Vater, wie er Hyo Jin beobachtet und sich sorgt. Unser armer Gott.«

»31. März 1983: Ich war gestern grundlos wütend. Vielleicht ist es eine Prüfung des Satans. Ich konnte mich nicht beherrschen. Seit der Geburt des Babys passe ich nicht mehr in meine alten Kleider. Ich habe mir deswegen in letzter Zeit Sorgen gemacht. Ich habe mir gesagt, daß ich das nicht sollte. Ich bin jetzt siebzehn Jahre alt. Ich sollte etwas unternehmen, verreisen, aber ich habe ein Baby und fühle mich plötzlich wie eine Frau in mittleren Jahren! Was für ein jämmerliches Mädchen ich bin! Ich gräme mich sogar darüber, daß ich hier bin. Warum bin ich so? Der Himmlische Vater ist nicht glücklich, und ich fühle mich schuldig. Trotzdem denke ich, daß es besser ist, einen ganz normalen Mann kennenzulemen und seine ganze Liebe zu bekommen. Ich weiß, daß ich nicht so denken sollte. Ich bereue. Himmlischer Vater!«

»4. April 1983: Montag, 2.00 Uhr nachts. Während ich in das Tagebuch schreibe, denke ich an das, was ich heute getan habe. Wie habe ich den Tag verbracht? Während des Tages versuche ich, meine Situation zu vergessen, aber wenn ich dann in mein Tagebuch schreibe, bringe ich Ordnung in meine Gedanken. Ich fühle mich ständig innerlich leer. Liegt es an ihm? Während ich darauf wartete, daß das Baby aufwacht, um es zu füttern, habe ich noch einmal den Brief gelesen, den ich gefunden habe. Er ist von der Frau in L.A. Ich habe alte Briefe seiner anderen Freundinnen zerrissen. Ich fühle nichts mehr wegen der Briefe. Ich denke, die ganze Situation ist erbärmlich. Ich frage mich, wie ich so werden konnte. Ich bin nicht böse auf die Frauen, mit denen er ausgeht. Sie tun mir leid. Der einzige, auf den ich böse bin, ist Hyo Jin.«

Hyo Jin kehrte nicht vor dem Sommer nach East Garden zurück. Unsere Tochter, die noch ein winziges Neugeborenes gewesen war, als er ging, hatte sich inzwischen zu einem fröhlichen, brabbelnden Baby entwickelt. Er schien ihr gegenüber noch genauso gleichgültig zu sein wie zu dem Zeitpunkt, an dem er nach Korea geflogen war. Ich war ratlos und fürchtete um unsere Zukunft. In diesem Sommer entschieden die Muns, daß ich nicht auf die Irvington High-School zurück könne. Sie befürchteten, daß die Lehrer der öffentlichen Schule zu neugierig werden könnten in Bezug auf meine lange Abwesenheit, und daß es Gerüchte geben könnte wegen des Babys. Immerhin war ich zum Zeitpunkt der Empfängnis nach dem Gesetz des Staates New York noch minderjährig gewesen. Sie wollten nicht, daß man ihren Sohn des Mißbrauchs einer Minderjährigen oder gar der Vergewaltigung anklagte.

Ich kam auf die Masters School, eine private Mädchenschule in Dobbs Ferry, New York. Seit dem Frühling hatte ich mich danach gesehnt, wieder in die Schule gehen zu können, und war jetzt sehr gespannt. Im April hatte ich in mein Tagebuch geschrieben: »Ich sollte sehr bald wieder mit dem Lernen anfangen. Außerdem muß ich Klavierspielen üben. Ich vergeude Zeit mit Nichtstun. Ich muß Pläne für meine weitere Ausbildung machen.« Die Schule würde mich von meiner lieblosen Ehe und meiner Depression ablenken. Sie würde aus mir eine bessere Mutter machen. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in East Garden war ich wieder voller Hoffnung.

Eines morgens riefen die Muns mich zu sich. Ich war beunruhigt. Wenn sie nach mir schickten, bedeutete das für gewöhnlich, daß ich in ihren Augen etwas falsch gemacht hatte. Ich wußte vorher nie, wer von beiden wütend auf mich war. Beide neigten zu schrecklichen Wutausbrüchen, jedoch nur selten zur selben Zeit. Diesmal brüllte Mrs. Mun mich an, kaum daß ich vor ihnen auf die Knie gesunken war, um mich zu verneigen.

Ob ich wüßte, wie hoch das Schulgeld für die Masters School sei? Ob mir bewußt wäre, wieviel Geld meine Schulbildung sie kosten würde? Warum sollten sie solche Kosten auf sich nehmen? Ich wäre nicht ihre Tochter. Sie müßten schon für alles andere aufkommen, mich ernähren, einkleiden und beherbergen. Was ich denn noch alles verlange? Sie erstickte fast an ihrer Wut. Reverend Mun schwieg, während sie tobte. Ich hielt den Kopf gesenkt, biß mir auf die Lippen und fing an zu weinen. Ich dachte, ich hätte alles getan, was die Muns von mir verlangten. Ich hatte ihren mißratenen Sohn geheiratet und zu ihm gestanden, obwohl er mich, als ich schwanger war, für eine andere verlassen hatte. Ich hatte ihnen eine zauberhafte Enkeltochter geschenkt. Warum schrie Mutter mich also an?

Mrs. Mun sagte, Bo Hi Paks Tochter habe ihr High-School-Diplom durch ein Fernstudium bekommen. Ich könnte es ihr nachmachen. Wozu ich eine kostspielige Schulbildung bräuchte? Ich könnte es so machen wie Hoon Sook Pak. Sie war inzwischen Ballerina. Das wäre die Lösung. Ich würde zu Hause lernen und mich gleichzeitig um das Baby kümmern.

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Meine Eltern hatten auf Schulbildung immer großen Wert gelegt. Sie hatten selbst auf jeden Komfort verzichtet, nur um ihren sieben Kindern die bestmögliche Schulbildung zu ermöglichen. Und die Muns wollten, daß ich meinen Abschluß durch einen Fernkurs machte? Ich wußte, daß ich auf die Schule zurück mußte, um junge Leute meines Alters zu treffen, um wenigstens einen Teil des Tages das Anwesen verlassen zu können. Und so war ich unsagbar dankbar, als Reverend Mun schließlich das Wort ergriff. »Diese Fernkurse sind nichts wert«, teilte er Mutter in ruhigem Tonfall mit, »wir müssen Nansook zur Schule schicken.«

Die beiden diskutierten die Angelegenheit, als wäre ich gar nicht da, ignorierten das schluchzende Häufchen Elend, das vor ihnen kniete, völlig. Sie trafen jede wichtige Entscheidung in meinem Leben und machten dann mich für die Konsequenzen verantwortlich. Ich versuchte, meine Tränen herunterzuschlucken. Ich hatte nichts Böses getan. Als ihr Ärger schließlich verraucht war, fiel Mrs. Mun wieder ein, daß ich noch da war. »Verschwinde!« herrschte sie mich an. Ich rappelte mich hoch und mied die Blicke der Hausangestellten, als ich die Treppe hinunter und zurück zum Cottage House lief.

Den ganzen Sommer über wurde meine weitere Ausbildung mit keinem Wort mehr erwähnt. Eines Tages im September wurde mir dann mitgeteilt, daß ich am folgenden Tag mit der elften Klasse an der Masters School beginnen würde. Damals wurde ich noch jeden Tag zur Schule gefahren und wieder abgeholt. Im letzten Schuljahr lernte ich selbst fahren. Hyo Jin hatte sich erboten, es mir beizubringen, aber nach einer Fahrstunde, in der er mich nur angeschrien hatte, teilte ich ihm mit, daß ich es vorzog, mich von einem der Wachleute von East Garden unterrichten zu lassen. Es war das erstemal, daß ich Hyo Jin die Stirn bot. Ich wußte, daß ich es nie lernen würde, wenn er mich anschrie, und daß er nie mit dem Schreien aufhören würde. Ich lernte sogar Einparken, ohne je das Mun-Anwesen zu verlassen.

Ich liebte die Masters School. Der Unterricht war anspruchsvoll, und unter den Schülerinnen waren auch mehrere Koreanerinnen. Die meisten von ihnen waren Musikerinnen und hatten an den Wochenenden Unterricht bei Juilliard im Lincoln Center in New York City. Für sie war ich nur eine weitere junge Koreanerin, die in den Staaten auf die Schule geschickt wurde. Meine Eltern lebten ebenso wie die ihren in Korea. Keine von ihnen ahnte etwas von meiner Beziehung zu Sun Myung Mun. Keine von ihnen wußte, daß ich schon Ehefrau und Mutter war. Sie glaubten, daß ich bei einem Vormund in Irvington lebte. Niemand stellte mir Fragen, und ich war dankbar für die in meiner koreanischen Kultur üblichen Zurückhaltung.

Ein Mädchen auf der Masters School war besonders nett zu mir. Sie war jünger als ich, behandelte mich aber wie eine große Schwester. Wenn sie eine Vertraute brauchte, schenkte ich ihr gern Gehör. Sie konnte es nicht ertragen, mit ihrer Mutter zu sprechen, wenn ihre Eltern aus Seoul anriefen. Allein beim Klang der Stimme ihrer Mutter mußte sie weinen vor Heimweh.

Sie tat mir schrecklich leid, aber andererseits beneidete ich sie auch. Erst als ich sie tröstete, erkannte ich, daß ich nicht die normale Bandbreite von Gefühlen eines Mädchens meines Alters durchlebt hatte. Wenn ich meine Mutter oder meine Familie vermißte, hatte ich das Gefühl, Gott im Stich zu lassen. Wenn ich mich nach daheim sehnte, kam es mir vor, als würde ich gegen mein Schicksal aufbegehren. Wenn ich meinen Mann haßte, war es, als zweifelte ich die Weisheit Sun Myung Muns an.

Es stand mir frei, mein Versagen und meine Einsamkeit zu fühlen, aber es stand mir nicht frei, sie auszudrücken. Und so waren meine Freundschaften mit Klassenkameradinnen stets oberflächlich und einseitig. Ich konnte mich in jenem fahr auch niemandem anvertrauen, als ich eine Fehlgeburt erlitt.

Ich hatte seit Wochen gewußt, daß ich schwanger war, jedoch den ersten Arzttermin versäumt. Als ich ein wenig Blut in meinem Slip bemerkte, hatte ich mir erst nicht viel dabei gedacht. Aber als die Ultraschalluntersuchung ergab, daß ich mein Baby verloren hatte, war ich am Boden zerstört. Ich mußte wegen einer Gebärmutterausschabung eine Nacht im Krankenhaus bleiben. Hyo Jin kam mich erst besuchen, als alles vorbei war. Er fand mich weinend in meinem Krankenzimmer vor. Anstatt mich zu trösten, sagte er, daß meine Tränen ihn anwiderten. Daß wir unser Baby verloren hatten, interessierte ihn nicht so sehr wie der Umstand, daß ich »eine Szene« machte. »Du bist sehr unattraktiv, wenn du weinst«, sagte er, bevor er mich mit meinem Verlust wieder allein ließ.

In diesem Moment wünschte ich, ich hätte eine echte Freundin, aber ich wußte, daß mein Leben und das Leben der Mädchen aus meiner Klasse sich nur wenig ähnelten. Nach Hyo Jins gefühlloser Reaktion auf meine Fehlgeburt wurde mir klar, daß ich, wenn ich innerhalb der Wahren Familie überleben wollte, meine Gefühle noch mehr verheimlichen mußte als ich es ohnehin schon tat.

Mehr als die meisten jungen Frauen meines Alters saß ich zwischen zwei Stühlen, zwischen Kindheit und Erwachsensein. Ich war in jenem Frühling noch jung und abhängig genug, um meine Mutter zu bitten, das lange weiße Kleid für meine Schulabschlußfeier auszusuchen. Andererseits war ich alt genug, daheim ein Kind zu haben, das mir zusah, wie ich mich für die Feier zurechtmachte, bei der der damalige Vizepräsident George Bush auf Wunsch seines Patenkindes, einer meiner Klassenkameradinnen, eine Rede halten würde.

»Kann ich mitkommen, Mami?« wollte meine Tochter wissen. Liebend gern hätte ich mein kleines Mädchen an meinem großen Tag bei mir gehabt, aber ich ließ sie daheim in East Garden. Ich wußte einfach nicht, wie ich die zwei völlig verschiedenen Welten, in denen ich lebte, miteinander verbinden sollte.



Die Mun- und Hong-Familien. Von links nach rechts: Jin-Whi Hong (war verheiratet mit Ye-Jin, geschieden, verließ die FFWPU), Frau Gil-Ja Yu Hong (Mutter von Jin-Whi und Nansook, verließ FFWPU), Mun, Hyo-Jin (geschieden, starb mit 45 an Herzproblemen, die durch seine Drogenabhängigkeit verursacht worden sein könnten), Nansook Hong (ließ sich von ihrem Ehemann, der sie mißbraucht hatte, scheiden und verließ die FFWPU), Hak Ja Han, Sung-Pyo Hong (Vater von Jin-Whi und Nansook; Gründer des Il Hwa Gesellschaft, die eine große Einkommensquelle für die Mun-Familie ist, er wurde häufig in der Öffentlichkeit von Moon gedemütigt, verließ die FFWPU) und Ye-Jin Mun (geschieden, zwiespältiges Verhältnis zu Religion und zur Organisation ihrer Eltern).



Heung Jin Moon


7. Kapitel

Der 22. Dezember 1983 brach im Hudson River Tal kalt und feucht an. Das düstere Wetter spiegelte die Stimmung in East Garden wieder. Vater und Mutter waren einige Tage zuvor zu einer großen Vortragsreise durch Korea auf gebrochen. Reverend Mun sollte bei einer Massenkundgebung in Chonju in Südkorea, einer regierungsfeindlichen Hochburg, eine Ansprache halten. Wegen seiner engen Bande zum repressiven Militärregime Chun Doo Hwans fürchtete man um seine Sicherheit.

Vater sagte uns, daß er ins feindliche Lager gehen müsse, weil er die Kommunisten, Satans Gesandte auf Erden, nur durch direkte Konfrontation besiegen könne. Für uns war Sun Myung Mun der mutigste Mann auf der Weit. Die Gebetsdamen verbrachten den Tag am Holy Rock und beteten für eine erfolgreiche und friedliche Reise.

Die Verbindung zwischen Religion und Politik war Sun Myung Mun schon in seiner Kindheit im japanisch besetzten Korea bewußt gewesen. Die Teilung unseres Landes in einen kommunistischen und einen prowestlichen Teil hatte die politischen Demarkationslinien für seine religiöse Propaganda festgesetzt. Die Kommunisten hatten ihn als Wanderprediger eingesperrt. Sie hatten religiösen Pluralismus für gesetzwidrig erklärt. Sie waren der Feind. Er widmete sein öffentliches Leben der Verbreitung der Vereinigungslehre und dem Kampf gegen den Kommunismus. Für Sun Myung Mun war das eine Ziel unlöslich mit dem anderen verbunden.

Sofern Hyo Jin um seine Eltern besorgt war, ließ er sich hiervon nichts anmerken. An jenem Abend fuhr er früh nach New York. Ich war mit dem Baby allein zu Hause, als nach Mitternacht das Telefon läutete. Es war einer der Wachmänner. »Es hat einen Unfall gegeben«, sagte er. Ich fürchtete sogleich um die Wahren Eltern. »Nein, es geht nicht um Vater«, sagte der Mann. »Es ist Heung Jin.«

Heung Jin?

Der zweite Sohn Reverend Muns und seiner Gattin war zusammen mit zwei Gesegneten Kindern auf der Heimfahrt von Barrytown, New York, gewesen, als sein Wagen auf einer vereisten Straße in der Nähe des Unification Theological Seminary, gegen einen liegengebliebenen Truck geprallt war. Heung Jin und seine Freunde waren oft zum Seminar gefahren, um den Schießstand zu benutzen, den die Söhne Reverend Muns, allesamt leidenschaftliche Jäger, auf dem Gelände hatten errichten lassen. Alle drei jungen Männer waren ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Mein Bruder, Peter Kim und ich fuhren sofort zur Notaufnahme des St. Francis Hospitals in Poughkeepsie, New York. Keiner von uns war auf das vorbereitet, was uns erwartete. Jin Bok Lee und Jin Gil Lee waren nur leicht verletzt, während Heung Jin bei dem Unfall schwere Kopfverletzungen davongetragen hatte. Als wir im Krankenhaus eintrafen, wurde er gerade am Gehirn operiert.

Ich sah, wie Peter Kim zum Münzfernsprecher auf dem Flur ging, um Vater und Mutter in Korea anzurufen. Er weinte. »Verzeihen Sie mir. Ich bin so unwürdig«, begann er. »Sie haben mir Ihre Familie anvertraut, und es ist etwas Schreckliches geschehen.« Der Anruf dauerte nicht lange. Mr. und Mrs. Mun würden mit dem nächsten Flugzeug heimkehren.

Ich war bisher noch nie mit einer schweren Erkrankung oder einer lebensgefährlichen Verletzung konfrontiert gewesen. Es bedrückte mich zutiefst, einen Jungen meines Alters, vor allem einen Jungen, der so liebenswert war wie Heung Jin, auf der Intensivstation liegen zu sehen, mit all den Schläuchen und an verschiedene Apparate angeschlossen. Er war bewußtlos. Er lag völlig still da, und das einzige Geräusch kam vom Beatmungsgerät, das Sauerstoff in seinen leblosen Körper pumpte. Man brauchte uns nicht erst zu sagen, wie ernst sein Zustand war.

Am darauffolgenden Tag fuhren wir alle nach New York, um die Wahren Eltern am Flughafen abzuholen. Ich werde nie den gequälten Ausdruck auf Mrs. Muns aschfahlem Gesicht vergessen. Es war offensichtlich, daß sie seit dem Anruf kein Auge mehr zugetan hatte. Wir folgten den Muns zum Krankenhaus, wo Kirchenmitglieder das Wartezimmer mit Beschlag belegt hatten und für Heung Jin eine Gebetswache abhielten.

Reverend Mun nahm sich die Zeit, allen Trost zuzusprechen, bevor er Heung Jins Zimmer betrat. Mrs. Mun wollte nur bei ihrem Sohn sein. Es sollte kein Wunder geben. Heung Jin war hirntot. Am 2. Januar 1984 trafen die Muns die wohl schwerste Entscheidung ihres Lebens. Während wir alle um sein Krankenhausbett herumstanden, wurde des Beatmungsgerät abgeschaltet. Er starb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Mrs. Mun klammerte sich an den leblosen Körper ihres Sohnes, und ihre Tränen durchnäßten das gestärkte weiße Laken.

Reverend Mun stand an, Heung Jin zum Abschied zu küssen. Die jüngeren Kinder fürchteten sich verständlicherweise davor. Ich hob selbst ein paar der Kleinsten hoch, damit sie Heung Jin auf die Wange küssen konnten, so wie ich es selbst auch tat. Er war so entsetzlich kalt.

Vater trat ans Kopfende des Raumes, und sofort verstummte alles Schluchzen. Er teilte der Trauergesellschaft mit, daß Heung Jin nun Führer der Geisterwelt sei. Sein Tod sei ein Opfer gewesen. Satan greife Reverend Mun wegen seines Kreuzzuges gegen den Kommunismus an, indem er das Leben seines zweiten Sohnes gefordert habe. Wie zuvor Abel sei auch Heung Jin der gute Sohn gewesen. Hyo Jin schien verletzt von Vaters Vergleich, wußte jedoch selbst, daß er viel mit dem biblischen Kain gemein hatte.

Vater sagte, daß Heung Jin die Bewohner der Geisterwelt bereits die »Göttlichen Prinzipien« lehre. Jesus persönlich sei so beeindruckt von Heung Jin, daß er von seinem Thron gestiegen sei und den Sohn Sun Myung Muns zum König des Himmels erklärt habe. Vater erklärte uns, daß Heung Jins Status der eines Monarchen sei. Er säße bis zur Ankunft des Messias, Sun Myung Muns, auf dem Himmlischen Thron.


Sun Myung Moon schrieb diese Kalligraphie, in der erklärt wurde, dass Heung Jin Moon der Oberbefehlshaber des Himmels war.


Ich war verblüfft von der sofortigen Vergöttlichung dieses Jungen. Ich wußte, daß Heung Jin ein Wahres Kind gewesen war, Sohn des Zweiten Messias, so daß ich geneigt war zu glauben, daß er einen besonderen Platz im Himmel einnehmen würde. Aber daß er Jesus ablösen sollte? Der Junge, dem ich geholfen hatte, auf dem Dachboden des Herrenhauses in East Garden ein verlorengegangenes Kätzchen zu suchen, war jetzt König des Himmelreiches? Das war sogar für einen wahren Gläubigen wie mich zuviel. Als ich mich jedoch umblickte, sah ich, daß die versammelten Verwandten und Gäste bei dieser Verkündigung ernst nickten. Ich schämte mich meiner Skepsis, konnte mich ihrer jedoch nicht erwehren.

Heung Jins Sarg wurde zum Leichenwagen hinausgetragen und zum John-F.-Kennedy-Airport gebracht, um den langen Flug nach Korea anzutreten. Reverend Mun und Mrs. Mun begleiteten den Leichnam ihres Sohnes nicht auf seiner letzten Reise. Statt dessen flogen Je Jin und Hyo Jin ihn heim. Heung Jin wurde in einer Familiengruft auf einem Friedhof eine Stunde außerhalb von Seoul bestattet.

Fast sofort trafen von überall auf der Welt Videobänder in East Garden ein. Mitglieder der Vereinigungskirche in verschiedenen Stadien der Trance erklärten sich zu Medien, über die Heung Jin aus der Geisterwelt mit der wirklichen Welt kommuniziere. Es war sehr sonderbar, sich diese Bänder anzusehen. Wir versammelten uns mit Vater und Mutter vor dem Fernseher und sahen zu, wie ein Fremder nach dem anderen vorgab, für Heung Jin zu sprechen. Keiner von ihnen hatte tiefgründige religiöse Einblicke zu bieten. Keiner konnte besondere Kenntnisse aus dem Leben Heung Jins in East Garden vorweisen. Aber sie alle lobpriesen die Wahren Eltern und bestätigten Vaters Verkündung, daß Jesus sich im Himmel Heung Jin unterworfen habe.

Ich schenkte diesen Bändern nicht nur keinen Glauben, sondern war darüber hinaus entsetzt davon, daß so viele Leute die Trauer der Wahren Familie für sich ausnutzten, in dem allzu leicht durchschaubaren Versuch, sich in Vaters Gunst einzuschmeicheln. Ich war damals noch so naiv, denn das war genau die richtige Annäherung, um Sun Myung Muns Wohlwollen zu erlangen. Vater war sichtlich angetan von diesem »Besessenheits« phänomen, das spontan auf der ganzen Welt auftrat. Ich konnte unmöglich sagen, ob Reverend Mun tatsächlich glaubte, daß sein Sohn durch diese Leute sprach, oder ob er diesen Blödsinn für seine eigenen Zwecke ausnutzte.

Ein theologisches Problem, das sich mit der Vergöttlichung Heung Jin Muns ergab, war, daß Sun Myung Mun lehrte, daß das Himmelreich nur verheirateten Paaren zugänglich wäre und keinen Einzelpersonen. Vater regelte dies sofort. Keine zwei Monate nach Heung Jins Tod wurde eine Hochzeitszeremonie abgehalten, im Rahmen derer Sun Myung Mun seinen verstorbenen Sohn mit Hoon Sook Pak verheiratete, der Tochter Bo Hi Paks, eines der ersten Jünger. Hoon Sooks Bruder, Jin Sung Pak, wurde am selben Tag mit In Jin Mun getraut. Die Doppelhochzeit, die am 20. Februar 1984 stattfand, läßt sich nur als bizarr beschreiben.

In Jin war wütend, daß Vater sie mit Jin Sung zusammengeführt hatte, einem Jungen, den sie nicht ausstehen konnte. In Jin hatte viele Freunde; Heiraten paßte so gar nicht in ihr Konzept. Sie nannte Jin Sung »Fischauge«, nach dem auffälligsten körperlichen Merkmal der Familie Pak. In Wirklichkeit war sie in einen jüngeren Jungen verliebt. Im Vorjahr hatten In Jin und ich ein Zimmer in einem Hotel in Washington DC geteilt, wo wir an einer Konferenz der Vereinigungskirche teilgenommen hatten. Eines Nachts rief sie, als sie dachte, ich schliefe, diesen Jungen zu Hause in Virginia an. Sie flüsterte und kicherte mädchenhaft, was, soweit ich sie kannte, ungewöhnlich war. Ich erkannte, daß sie mit ihm flirtete. Sie sagte ihm beispielsweise, daß, auch wenn Gesegneten Kindern das Küssen eigentlich verboten sei, sie sicher eine Ausnahme machen könnten.

Es war eine gefährliche Verbindung. Was damals keiner von beiden wußte, war, daß sie denselben Vater hatten, denn der Junge war Sun Myung Muns unehelicher Sohn. Meine Mutter hatte mir ein Jahr zuvor von ihm erzählt. Daß der Junge aus einer Affäre zwischen Reverend Mun und einem Kirchenmitglied hervorgegangen war, war unter den 36 Gesegneten Paaren ein offenes Geheimnis. Meine Mutter hatte mir erklärt, daß es keine romantische Liaison gewesen wäre, sondern vielmehr eine von Gott befohlene »schicksalhafte« Vereinigung, die jedoch die säkulare Welt nicht verstehen würde. Um jedweden Mißverständnissen zuvorzukommen, war das Baby gleich nach der Geburt in die Obhut der Familie eines Beraters Sun Myung Muns gegeben worden, der den Jungen als seinen eigenen Sohn aufzog. Seine leibliche Mutter lebte ganz in der Nähe in Virginia und spielte in seinem jungen Leben die Rolle einer Freundin der Familie. Reverend Mun hatte die Vaterschaft nie öffentlich anerkannt, aber Ende der achtziger Jahre sagte man dem Jungen und der zweiten Mun-Generation die Wahrheit.

Daß ein Baby in der Familie eines nichtverwandten Kirchenmitglieds untergebracht wurde, war kein Einzelfall. So etwas kam ständig vor. Unfruchtbare Paare, die der Kirche angehörten, bekamen ein Baby von Mitgliedern, die bereits mehrere Kinder hatten. Da wir alle einer großen Menschenfamilie angehörten und die Muns die einzigen Wahren Eltern waren, spielte es keine große Rolle, wer die Kinder nun aufzog. Die Vereinigungskirche verbarg diese rechtlich unhaltbare Vorgehensweise unter dem Deckmantel der Adoption, aber im Grunde war es so, daß wir innerhalb der Kirche unsere Kinder teilten wie Nachbarn sich einen Gartenschlauch borgten.

Im Februar versammelten wir uns für die Doppelhochzeit im Haupthaus von Belvedere so wie zwei Jahre zuvor zu meiner eigenen Trauung. In ihren zeremoniellen weißen Gewändern nahmen Reverend Mun und seine Gattin zuerst die Vermählung ihrer Tochter In Jin mit Jin Sung Pak vor. Gleich nach der Zeremonie verstummten alle Anwesenden, als Hoon Sook in einem aufwendigen weißen Hochzeitskleid mit Schleier die Bibliothek betrat. Sie war eine ausgesprochen hübsche junge Frau, einundzwanzig und angehende Ballerina. Reverend Mun würde später in Korea die Universal Ballet Company gründen, wo sie ihr Talent unter dem Künstlernamen Julia Mun ins rechte Licht rücken konnte.

Sie trug eine gerahmte Photographie Heung Jins den Gang hinunter vor sich her. Mein Mann, Hyo Jin, nahm den Platz seines verstorbenen Bruders an der Seite der Braut ein. Er sprach das Gelöbnis, das Heung Jin nicht mehr aufsagen konnte. Hoon Sook war eine so schöne Braut, daß es mir in der Seele weh tat, daß sie nie einen lebenden Bräutigam haben würde. Als mein Blick jedoch auf Hyo Jin fiel, regte sich noch etwas anderes in mir. Es war Neid. Wie viel besser war es doch, von einem Toten geliebt zu werden als ein trauriges Dasein zu führen an der Seite eines Mannes, den man nicht liebte und der einen ebensowenig mochte.

Diese Zeremonie wäre jedem Außenstehenden zweifellos sonderbar erschienen, aber Reverend Mun vereinte häufiger Lebende und Tote im heiligen Bund der Ehe. Ältere alleinstehende Mitglieder wurden oft mit verstorbenen Mitgliedern verheiratet. In einem Akt, der als sein arrogantester gewertet werden muß, verheiratete Sun Myung Mun tatsächlich Jesus mit einer älteren Koreanerin. Aufgrund der Lehre der Vereinigungskirche, derzufolge nur verheiratete Paare ins Himmelreich einkehren können, bedurfte sogar Jesus der Intervention Reverend Muns, um die Himmelspforte zu durchschreiten.

Ein paar Jahre nach ihrer Heiligen Hochzeit sollten Julia Mun und der lange verstorbene Heung Jin Eltern werden. Natürlich brachte sie nicht wirklich ein Kind zur Welt. Heung Jins jüngerer Bruder Hyun Jin und seine Frau überließen Julia einfach ihren neugeborenen Sohn Shin Chul, damit sie diesen als ihren eigenen aufziehen konnte.

Aber die Zivilbehörden ahnten nichts von diesen angeblichen wunderbaren Ereignissen. Vier Monate nach Heung Jins Tod weigerte sich das Berufungsgericht kommentarlos, Sun Myung Muns Verurteilung wegen Steuerhinterziehung neu zu verhandeln. Sechzehn amici curiae Beschwerden von Organisationen wie dem Nationalen Kirchenrat, der Amerikanischen Vereinigung für Zivilrechte und der Southern Christian Leadership Conference prangerten den Fall als eklatante religiöse Verfolgung an, der verheerende Auswirkungen auf die freie Religionsausübung haben würde. Wenn Sun Myung Mun angeklagt werden konnte, sagte man sich, welcher unbeliebte Prediger würde dann der nächste sein?

»Hiermit wurde ein Präzedenzfall geschaffen, der es der Regierung ermöglicht, die internen Finanzangelegenheiten jeder religiösen Organisation zu kontrollieren«, warnte Reverend George Marshall von der Unitarian-Universalist Association.

Reverend Marshall war einer von 400 religiösen Führern, sie sich landesweit bei Demonstrationen für Mun einsetzten. Reverend Edward Sileven, ein Baptistenprediger aus Louis-ville, Nebraska, verglich Muns Leidensweg mit seinem eigenen. Sileven hatte acht Monate im Gefängnis gesessen, weil er sich geweigert hatte, einem Gerichtsbeschluß Folge zu leisten und seine nicht staatlich anerkannte, fundamentalistische christliche Schule zu schließen. »Die Leute fragen mich, ob ich mir nicht komisch dabei vorkomme, auf einer Demonstration für Mun zu erscheinen. Aber ich kämpfe lieber ab und an für euer aller Freiheit, anstatt mit euch in einem Konzentrationslager zu enden.«

Jeremiah S. Gutman, Vorsitzender der New York Civil Liberties Union, organisierte ein ad hoc Komitee von religiösen und zivilrechtlichen Vertretern, um gegen etwas zu protestieren, das er als »unverzeihliche Einmischung in interne religiöse Angelegenheiten« bezeichnete.

Ein juristisches Komitee des US Senats unter Vorsitz von Senator Orrin G. Hatch prüfte den Fall Mun und stimmte dem zu:

Wir haben einen Neuling in unserem Land krimineller und vorsätzlicher Vergehen beschuldigt wegen eines Verhaltens, das bei einem großen Prozentsatz unserer eigenen religiösen Führer üblich ist, sprich, wegen der Einzahlung von Kirchengeldern auf Konten, die auf seinen eigenen Namen lauten. Katholische Priester tun das. Baptistenprediger tun das, und Sun Myung Mim hat es genauso gehalten.

Ganz egal, von welcher Warte aus man es betrachtet, Tatsache ist, daß wir einen nicht Englisch sprechenden Ausländer bei seiner ersten Steuererklärung in diesem Land der Steuerhinterziehung bezichtigt haben. Mir scheint, wir haben ihm keine faire Chance eingeräumt, unsere Gesetze verstehen zu lernen. Wir haben keine zivilrechtliche Strafe als erste Verwarnung verhängt. Wir haben ihm nicht die Möglichkeit eines Irrtums eingeräumt. Statt dessen haben wir eine Theorie der Steuerhinterziehung in Höhe von weniger als 10 000 Dollar in einen Schuldspruch mit einer Gefängnisstrafe von 18 Monaten in einer Bundesjustizvollzugsanstalt verwandelt.

Nachdem mein Unterausschuß diesen Fall von beiden Seiten sorgfältig und objektiv geprüft hat, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß dem Angeklagten hier Ungerechtigkeit widerfahren ist. Der Fall Mun legt den Verdacht nahe, daß wenn jemandes Ansichten nur unbeliebt genug sind, dieses Land einen Weg finden wird, nicht zu tolerieren, sondern zu verurteilen.

Reverend Charles V. Bergstrom vom Lutheran Council in Amerika sagte als Zeuge vor Hatchs Komitee aus, hielt sich jedoch bedeckter bezüglich seiner Einschätzung der Vorwürfe der Steuerhinterziehung gegen Sun Myung Mun. »Ich bezweifle, daß er einen fairen Prozeß hatte. Das Gericht hat Reverend Muns Antrag abgelehnt, einen Richter über diesen Fall urteilen zu lassen, und der Richter hat die Jury angewiesen, ihn in dem Prozeß nicht als religiöse Person zu betrachten. Andererseits muß ich auch fragen: Warum mußte er mit solchen Summen Bargeld jonglieren?«

Die Antwort war jedem innerhalb der Kirche klar: Die Vereinigungskirche funktionierte vor allem durch Bares. Ich sah regelmäßig japanische Kirchenführer mit Papiertüten voller Bargeld in East Garden vorsprechen, Geld, das Reverend Mun entweder einsteckte oder am Frühstückstisch an die Direktoren verschiedener kircheneigener Unternehmen verteilte. Die Japaner hatten keine Schwierigkeiten, das viele Geld in die USA einzuschleusen; sie erklärten den Zollbeamten einfach, sie wären nach Amerika gekommen, um sich in Atlantik City beim Glücksspiel zu amüsieren.

Hinzu kam, daß zahlreiche kircheneigene Geschäfte bar abgewickelt wurden; beispielsweise gehörten mehrere japanische Restaurants in New York City zum Mun-Imperium. Ich sah, wie Bargeldsendungen aus verschiedenen Kirchenniederlassungen direkt in den Wandsafe in Mrs. Muns Kleiderschrank wanderten. Aus diesen Reserven verteilte sie sporadisch Gelder an die Küchenangestellten für den Ankauf von Lebensmitteln oder schenkte einem Kind, das gerade bei Himmel-und-Hölle gewonnen hatte, 500 Dollar.

Innerhalb der Kirche zweifelte niemand daran, daß Reverend Mun seine religionsbezogene Steuerbefreiung dazu benutzte, geschäftliche Profite zu erzielen. Profit zu machen war der Kern seiner religiösen Philosophie. Im Herzen Kapitalist, predigte Reverend Mun, daß er die Weltreligionen nicht vereinigen könne, ohne ein Netzwerk von Geschäften aufzubauen, um die Gläubigen zu unterstützen. Zu diesem Zweck hat er Lebensmittelfabriken, Fischereiflotten, Autofabriken, Zeitungen sowie Unternehmen, die alles mögliche von Maschinenwerkzeugen bis hin zu Computersoftware herstellen, entweder gegründet oder aufgekauft.

Ganz egal, was die Anwälte vor Gericht behauptet haben, intern bestreitet niemand, daß Reverend Mun Kirchenerträge und Geschäftsgelder vermischt hat. Wie oft hatte ich mitgehört, wie Kirchenberater empfahlen, Kirchengelder in seine Firmen und politischen Unternehmungen fließen zu lassen, weil seine religiösen, geschäftlichen und politischen Ziele dieselben wären: Weltherrschaft für die Vereinigungskirche. Die Steuergesetze der USA waren anzuprangern, nicht Sun Myung Mun. Das Gesetz der Menschen mußte hinter der Mission des Messias zurückstehen.

Die Philosophie Reverend Muns klang noch recht glaubhaft: »Die Welt entwickelt sich rasch zu einem globalen Dorf. Überleben und Wohlergehen aller sind von einem Geist der Zusammenarbeit abhängig. Die menschliche Spezies muß sich als eine einzige Familie begreifen.« Was seine zivilen Anhänger und Vertreter des Prinzips der Willensfreiheit außerhalb der Vereinigungskirche jedoch nicht erkannten, war, daß Sun Myung Mun, und nur er allein, das Oberhaupt dieser Familie war.

Daß Kirchengelder für die Finanzierung seiner antikommunistischen Propaganda verwendet wurden, war eine Tatsache und Teil der Kirchenphilosophie. 1980 hatte Reverend Mun CAUSA gegründet, eine antikommunistische Organisation, die die Kirche als »nicht profitorientierte, nicht-sektiererische, erzieherische und soziale Organisation« beschrieb, »die eine Gott-bejahende Perspektive von Ethik und Moral als Grundlage freier Gesellschaften bietet«. In der Praxis bedeutete das, daß CAUSA dringend benötigte Gelder beschaffte, die dazu dienten, den kommunistischen Bewegungen in El Salvador und Nicaragua entgegenzuwirken.

Reverend Mun scheute sich nie, auf die Ursprünge seiner antikommunistischen Einstellung hinzuweisen. »Die Notwendigkeit der Einheit zwischen den Gott-bejahenden Menschen dieser Welt wurde Reverend Mun klar, als er Ende der vierziger Jahre wegen seines christlichen Glaubens von nordkoreanischen Kommunisten eingesperrt und gefoltert wurde. CAUSA ist aus seinem Engagement für Amerika und weltweite Freiheit heraus entstanden.«

In den achtziger Jahren stand Lateinamerika im Mittelpunkt von Reverend Muns antikommunistischem Eifer. Die Missionare, die er dorthin schickte, um antikommunistische Sympathisanten in diesen Ländern zu unterstützen, trugen keine Kirchengewänder. Sie reisten im Anzug an, als Vertreter der zahlreichen »wissenschaftlichen« Einrichtungen, die Vater in aller Stille gründete und finanzierte, ohne einen offenen Bezug zu Sun Myung Mun oder die Vereinigungskirche. Einrichtungen wie Association for the Unity of Latin Amerika, International Conference on Unity in the Sciences, Professors World Peace Academy, Washington Institute for Values in Public Policy, American Leadership Conference und International Security Council lieferten Muns »Missionaren« akademische Fassaden für ihr Wirken. Redner auf Konferenzen, die von diesen Gruppierungen gesponsort wurden, darunter zahlreiche prominente Persönlichkeiten aus Medien, Politik und Wissenschaft, wußten nur selten, daß ihr Honorar und ihre Spesen von Sun Myung Mun bezahlt wurden.

Die Muns persönlich hatten eine fast körperliche Aversion gegen das Zahlen von Steuern. Die Kirchenanwälte verbrachten die meiste Zeit damit, Mittel und Wege zu finden, die Steuer zu umgehen. Darum war der True Family Trust auch nicht bei einer US-Bank eingerichtet worden, sondern bei einem Institut in Liechtenstein.

Erst rückblickend erkenne ich die Falschheit von Sun Myung Muns Vorwürfen religiöser Verfolgung zum Zwecke der Manipulation des Gesetzes zu seinem eigenen Vorteil. Damals war ich noch ein leicht zu beeinflussender Teenager, eine frischgebackene Mutter und gläubige Anhängerin der Vereinigungskirche. In jenem Jahr kehrte ich das erste Mal nach Korea zurück, um ein dauerhafteres Visum zu beantragen. Ich hielt mich seit drei Jahren illegal in den Vereinigten Staaten auf, als die Muns beschlossen, daß es an der Zeit wäre, meinen Einwanderungsstatus zu legalisieren. Ich war nicht die einzige Illegale. In East Garden wimmelte es von Dienstmädchen, Küchenschwestern, Babysittern und Gärtnern, die mit einem Touristenvisum eingereist waren und in der Subkultur der Vereinigungskirche untergetaucht waren.

Damals war mir nicht klar gewesen, daß wir gegen das Gesetz verstießen. Aber auch wenn ich es gewußt hätte, hätte es mir nichts ausgemacht. Gottes Gesetz rangierte über dem Zivilrecht, und Vater war Gottes Vertreter auf Erden. Sogar die Bedeutung von Reverend Muns Prozeß im Vorjahr war mir nicht bewußt. Aber Gefängnis? Das verstand ich. Uns allen wurde schwer ums Herz, als uns klar wurde, daß Vater wahrhaftig für anderthalb Jahre eingesperrt werden würde.

Am 20. Juli 1984 um 11.00 Uhr wurde Sun Myung Mun in das Bundesgefängnis in Danbury, Connecticut, überstellt. Einen Tag vor Antritt seiner Haftstrafe war Vater im Haupthaus von East Garden mit den Kirchenführern von 120 Ländern zusammengekommen. Er versicherte ihnen, daß er lediglich seine Operationsbasis von daheim ins Gefängnis verlegen würde. Seine Lebensumstände in Danbury sollten ganz andere sein als bisher. Dort brachte man ihn zusammen mit 40 oder 50 Insassen in einem schlafsaalähnlichen Gebäude unter, er mußte Fußböden wischen und die Tische in der Gefängniscafeteria sauber halten.

Alle zwei Tage durfte er Besuch empfangen. Ich begleitete Mrs. Mun pflichtschuldig, um die beiden bei ihren Treffen zu bedienen. Ich holte Snacks aus den Verkaufsapparaten, löste auf Mutters Anweisung hin schwarzen Ginsengextrakt in Tassen mit Instantsuppe auf, damit Vater die Kraft haben würde, die Haft durchzustehen. Die Direktoren seiner diversen Unternehmen sowie verschiedene Kirchenführer berieten sich häufig mit ihm. Die Geschäfte der Vereinigungskirche wurden ohne Unterbrechung weitergeführt.

Bei jedem Besuch bei Vater gab er uns Kindern Hausaufgaben auf wie das Verfassen eines Gedichtes oder von Essays. Die lasen wir ihm dann bei einem unserer nächsten Besuche vor. Ich erinnere mich noch an einen Titel, den er mir diktierte: »Das Leben einer Dame«.

In Jin übernahm es, ihren Vater in der Öffentlichkeit zu verteidigen. Bei einer Demonstration für religiöse Freiheit in Boston sagte sie vor 350 Anhängern, daß Sun Myung Muns Schicksal jenem des sowjetischen Dissidenten Andrej Sacharow, Nobelpreisträger für Physik, ähnlich sei. »Diese Zeit ist für mich sehr schwer zu ertragen und zu verstehen«, teilte sie ihrem Publikum mit. »1971 kam er dem Wort Gottes gehorchend in dieses Land. In den vergangenen 12 Jahren hat er Tränen und Schweiß für Amerika vergossen. Er hat mir gesagt, Gott bräuchte Amerika, um die Welt zu retten. Jetzt ist er 64 Jahre alt und hat sich keines Verbrechens schuldig gemacht. Als ich ihn im Gefängnis besucht und in Sträflingskleidung gesehen habe, heulte ich mir die Augen aus. Er sagte mir, ich solle nicht weinen und auch nicht wütend sein. Er sagte mir und Millionen anderen Anhängern, daß wir unsere Wut und Trauer in Taten umset-zen sollten, um dieses Land wieder wahrhaft frei zu machen.«

In Jin teilte sich an diesem Abend die Bühne mit dem ehemaligen US-Senator Eugene McCarthy, der Vaters Verurteilung als Bedrohung für die Freiheit bezeichnete. Reverend Muns Gefängnisstrafe entwickelte sich zu einem gelungenen PR-Coup für die Vereinigungskirche. Über Nacht verwandelte er sich von einem verachteten Sektenführer in ein Symbol religiöser Verfolgung. Wohlmeinende Befürworter der individuellen Gedanken- und Handlungsfreiheit ernannten Sun Myung Mun zum Märtyrer ihrer Sache. Auch sie wurden hereingelegt.

Die Shaw Divinity School in Raleigh, North Carolina, verlieh Vater während seiner Inhaftierung den Ehrendoktortitel. Die Schule zeichnete Sun Myung Mun für seine »humanitären Beiträge auf verschiedenen Gebieten aus: soziale Gerechtigkeit, Bestrebungen, das menschliche Elend zu lindern, religiöse Freiheit und dem weltweiten Kampf gegen den Kommunismus«. Joseph Page, der zweite Vorsitzende dieser Schule beharrte darauf, daß die 30 000-Dollar-Spende der Vereinigungskirche das Komitee bei seiner Entscheidung, Reverend Mun zu ehren, in »keiner Weise« beeinflußt habe.

Während er in Haft saß, schickte Reverend Mun Hyo Jin nach Korea, wo er einen speziellen Workshop für Gesegnete Kinder, die Söhne und Töchter früher Mitglieder, organisieren sollte. »Vorher strebte jeder in eine andere Richtung und es gab unter ihnen keinerlei Disziplin«, sagte Sun Myung Mun später in einer Rede. »Aber inzwischen wurden sie in einer bestimmten Ordnung zusammengeführt. Es ist bedeutsam, daß dies geschehen ist, während ich meine Gefängnisstrafe absaß, weil nach Jesu Kreuzigung seine sämtlichen Jünger auseinandergingen und davonliefen. Dahingegen haben die Gesegneten Kinder auf der ganzen Welt sich während meiner Haft zusammengeschlossen, anstatt das Weite zu suchen.«

Während Vater in der Zeit seiner Haft Respektabilität unter Christen anderer Glaubensgemeinschaften gewann und seinen Zugriff auf die zweite Generation Kirchenmitglieder festigte, gewann sein Sohn posthum immer mehr an Bedeutung. Berichte von angeblichen Botschaften Heung Jins häuften sich, wenn es auch manchen an Tiefe mangelte: »Liebe Brüder und Schwestern aus Bay Area: Hi! Hier spricht das Team von Heung Jin Nim und Jesus. Wir müssen unter euch Fuß fassen und wahren Sonnenschein hierher nach Kalifornien bringen«, lautete eine solche Botschaft auf offiziellem Briefpapier der Vereinigungskirche. Angeblich war sie während einer Trance von einem Kirchenmitglied aufgeschrieben worden.

»Unser Bruder hat Botschaften von Heung Jin Nim, dem heiligen Franz, dem heiligen Paulus, Jesus, Maria und anderen Geistern empfangen«, schrieb Young Whi Kim, ein Kirchentheologe über ein solches Medium. »Sie alle bezeichnen Heung Jin Nim als den neuen Christus. Außerdem nennen sie ihn den Jungkönig des Himmels. Er ist in der Geisterwelt der König des Himmels. Jesus arbeitet mit ihm zusammen und ist ständig an seiner Seite. Jesus selbst bestätigt, daß Heung Jin Nim der neue Christus ist. Er ist jetzt Mittelpunkt der Geisterwelt. Das bedeutet, daß er einen höheren Rang einnimmt als Jesus.«

Unten auf der Erde wurde Reverend Mun am 20. August 1985 nach 13 Monaten Haft entlassen. Seine neuen Freunde in der religiösen Gemeinschaft jubelten. Reverend Jerry Falwell von Moral Majority und Reverend Joseph Lowery von Southern Christian Leadership Conference forderten Präsident Ronald Reagan auf, Vater zu rehabilitieren. 2000 Geistliche, darunter Falwell, Lowery und einige andere prominente religiöse Führer, hielten ihm zu Ehren in Washington DC ein »God and Freedom Banquet« ab.

In East Garden war es, als wäre Vater nicht von einer Gefängnisstrafe heimgekehrt, sondern von einer Vortragsreise um die Welt. Der alte Rhythmus kehrte wieder ein. Die Besprechungen um den Frühstückstisch wurden wiederaufgenommen. Aber etwas hatte sich verändert: Nach der Entlassung aus dem Gefängnis klangen Reverend Muns sonntägliche Predigten in Belvedere plötzlich anders. Er sprach immer weniger von Gott und immer mehr von sich selbst. Er schien besessen zu sein von seiner Vision seiner selbst nicht nur als Bote Gottes, sondern als eine Art historische Figur. Während ich mir früher seine Predigten auf der Suche nach spirituellen Erkenntnissen sehr aufmerksam angehört hatte, fühlte ich mich jetzt zunehmend unbehaglich und weniger engagiert.

Reverend Muns Hochmut gipfelte schließlich später in diesem Jahr in einer geheimen Zeremonie, bei der er sich und Hak Ja Han Mun wahrhaftig zu Kaiser und Kaiserin des Universums krönte. Die Vorbereitungen für dieses pompöse, geheime Ereignis in Belvedere nahmen Monate in Anspruch und verschlangen Hunderttausende von Dollar.

Kirchenfrauen wurden beauftragt, die königlichen Gewänder aus der Yi-Dynastie nachzuschneidern, deren 500 Jahre währende Regierungszeit im neunzehnten Jahrhundert geendet hatte. Anderen wurde befohlen, massive Kronen aus Gold und Jade zu entwerfen, die jenen alter Stammeskönige nachempfunden waren. Meine Mutter hatte zur Aufgabe, Meter über Meter Seide, Satin und Brokat zu kaufen und in Korea Schneiderinnen zu beauftragen, die diese kostbaren Rohmaterialien in Kostüme eines königlichen Hofstaates verwandelten. Alle zwölf Kinder Sun Myung Muns, seine sämtlichen Schwiegertöchter und -söhne sowie seine Enkel sollten wie Prinzen und Prinzessinnen ausstaffiert werden.

Letztendlich erinnerte Sun Myung Muns Krönungszeremonie weniger an eine historische Rekonstruktion denn an eine koreanische Seifenoper, die zur Zeit der Yi-Dynastie spielte. Ich kam mir albern vor, als wäre ich für eine historische Komödie ausgestattet anstatt für eine geheiligte religiöse Zeremonie. Reverend Mun war bewußt, welchen Eindruck solch monumentaler Selbstkult auf die Öffentlichkeit machen würde, so daß er Photos von der eigentlichen Zeremonie verbot. Geladene Gäste, allesamt hochrangige Kirchenangehörige, die mit Photoapparat anreisten, mußten diese bei den Wachleuten abgeben, die die Tore gegen Neugierige sicherten.

Mit seiner goldenen Krone und den kostbaren Roben sah Sun Myung Mun für mich aus wie ein moderner Karl der Große. Der Unterschied war, daß dieser neue Kaiser keinen Papst als übergeordnete Autorität anerkannte, und da es keine höhere Instanz gab als Reverend Mun, mußte der Messias sich selbst zum Kaiser des Universums krönen.

Die Krönung war für mich und meine Eltern ein Wendepunkt. Zum erstenmal äußerten wir einander gegenüber unsere Zweifel an Sun Myung Mun. Das fiel uns nicht leicht. Es wurde viel geschrieben über den Zwang und die Gehirnwäsche innerhalb der Vereinigungskirche. Ich erlebte an mir selbst eine Konditionierung. Man lebt isoliert inmitten gleichdenkender Menschen. Man wird mit Botschaften bombardiert, die Gehorsam über kritisches Denken stellen. Das eigene Glaubenssystem wird an jeder Ecke bekräftigt. Je länger man in der Kirche ist, desto mehr verinnerlicht man diese Überzeugungen. Und wer will nach zehn oder zwanzig Jahren schon zugeben, sei es auch nur vor sich selbst, daß er auf Sand gebaut hat?

Ich ganz sicher nicht. Ich gehörte zum inneren Kreis. Ich hatte genug Güte bei Reverend Mun gesehen, um seine eklatanten Verfehlungen zu entschuldigen – die Tolerierung des Verhaltens seines Sohnes, die Mißhandlungen seiner Kinder und seine verbalen Übergriffe mir gegenüber. Ihn nicht zu entschuldigen würde bedeuten, mein ganzes Leben in Frage zu stellen. Und nicht nur mein eigenes Leben. Meine Eltern hatten 30 Jahre lang ihre eigenen Zweifel verdrängt. Mein Vater hatte die Willkür toleriert, mit der Sun Myung Mun seine Geschäfte führte, hatte mitangesehen, wie er Speichellecker beförderte und solche Angestellte feuerte, die auch nur die geringste Unabhängigkeit bekundeten. Mein Vater hatte sich nur deshalb an der Spitze des Pharmakonzerns Il Hwa halten können, weil er Reverend Muns häufige öffentliche Demütigungen hingenommen hatte. Reverend Mun seinerseits hatte meinen Vater auf seinem Posten belassen, weil Il Hwa ihm weiterhin viel Geld einbrachte.

Aber wenn die Vergöttlichung Heung Jins und die Krönungszeremonie meinen Glauben auf eine harte Probe stellten, wurde er vom Auftauchen des Schwarzen Heung Jin beinahe zerstört. Zahlreiche Berichte von Besessenheit durch Sun Myung Muns toten Sohn kamen aus Afrika. 1987 reiste Reverend Chung Hwan Kwak nach Simbabwe, um Berichten nachzugehen, denen zufolge Heung Jin sich dort des Körpers eines Mannes bemächtigt habe und durch diesen spreche. Reverend Kwak erklärte sich nach seiner Rückkehr nach East Garden davon überzeugt, daß die Besessenheit echt sei. Wir versammelten uns alle beim Abendessen, um uns seine Eindrücke anzuhören.

Der Mann aus Simbabwe war älter als Heung Jin, konnte also nicht die Reinkamation des Sohnes von Sun Myung Mun sein – einmal abgesehen davon, daß die Vereinigungskirche die These der Reinkamation sowieso ablehnte. Statt dessen stellte sich der Afrikaner Reverend Kwak als körperliches Gefäß von Heung Jins Geist vor. Reverend Kwak hatte ihn gefragt, wie es wäre, in die Geisterwelt einzugehen. Der schwarze Heung Jin antwortete, daß er beim Eingang in das Himmelreich sofort allwissend geworden sei. Die Wahre Familie brauche während ihres irdischen Daseins nichts zu lernen, weil sie bereits vollkommen wäre. Das Wissen würde ihren Mitgliedern zuteil werden, sobald sie die Geisterwelt betraten.

Diese Erklärung gefiel Hyo Jin in dem Maße, wie sie mich vor den Kopf stieß. Er hatte mit einigen Kursen an der Pace University und dem Unification Church Seminary [UTS, Unification Theological Seminary] in Barrytown, New York, geliebäugelt, aber mein Ehemann interessierte sich mehr fürs Trinken als fürs Lernen. Ich war schockiert von der Behauptung, daß wir nicht arbeiten müßten, um Gottes Wohlwollen zu erlangen. Wir in der Vereinigungskirche mochten ja Gottes auserwähltes Volk sein, aber ich glaubte trotzdem, daß unser Streben auf Erden unseren Platz in einem späteren Dasein bestimmte. Wir mußten uns unseren Platz im Himmel verdienen.

Reverend Mun reagierte begeistert auf die Nachrichten aus Afrika. Die Vereinigungskirche hatte ihre Rekrutierungsbemühungen in letzter Zeit vor allem auf Lateinamerika und Afrika konzentriert. Da konnte ein schwarzer Heung Jin nicht schaden. Ohne dem Mann je begegnet zu sein, der behauptete, vom Geist seines toten Sohnes besessen zu sein, gestattete Sun Myung Mun dem schwarzen Heung Jin die Welt zu bereisen, zu predigen und Kirchenmitgliedern, die vom rechten Weg abgekommen waren, die Beichte abzunehmen.


Schwarze Heung Jin im New Yorker Hotel

Beichten wurden bald zum Kernpunkt der Mission des schwarzen Heung Jin. Er reiste nach Europa, Korea und Japan und züchtigte jene, die gegen die Kirchenlehren verstoßen und Alkohol getrunken, Drogen konsumiert oder vorbeziehungsweise außerehelichen Sex praktiziert hatten. Der schwarze Heung Jin verbrachte ein Jahr auf Reisen und legte jenen, die Buße tun wollten, körperliche Strafen auf, ehe Sun Myung Mun ihn schließlich nach East Garden holte.

Wir versammelten uns um Vaters Frühstückstisch, um ihn zu begrüßen. Er war ein mittelgroßer hagerer Farbiger, der besser Englisch sprach als Sun Myung Mun. Mir schien er sehr bestrebt zu sein, die Wahre Familie einzulullen, so wie eine Schlange ihre Beute umschlingt, bevor sie sie frißt. Ich wollte endlich einen konkreten Beweis dafür bekommen, daß diesem Mann der Geist des Jungen innewohnte, den ich einmal gekannt hatte. Es sollte keinen geben. Reverend Mun stellte ihm theologische Standardfragen, die jedes Mitglied, das mit den »Göttlichen Prinzipien« vertraut war, hätte beantworten können. Es gab weder außergewöhnliche Offenbarungen noch besondere religiöse Einblicke. Am meisten beeindruckte Vater vermutlich seine Fähigkeit, Reden Sun Myung Muns zu zitieren.

Reverend und Mrs. Mun regten an, daß wir Kinder uns allein mit dem schwarzen Heung Jin unterhielten und ihnen hinterher unseren Eindruck mitteilten. Es war ein sonderbares Treffen. Hyun Jin, Kook Jin und Hyo Jin stellten dem Fremden allerlei Fragen zu ihrer Kindheit. Er konnte keine einzige beantworten. Er erklärte uns, daß er sich nicht an sein irdisches Leben erinnern könne. Anstatt diese Behauptung mit Skepsis aufzunehmen, wurde der praktische Gedächtnisverlust des schwarzen Heung Jin als ein Zeichen dafür interpretiert, daß er die irdischen Sorgen mit seinem Eintritt ins Himmelreich hinter sich gelassen hatte. Alle Mitglieder der Familie umarmten ihn und sprachen ihn mit dem Namen ihres verstorbenen Bruders an. Ich mied ihn und sagte mir, daß ich entweder mit den dümmsten oder mit den naivsten Menschen auf der Welt zusammenlebte. Aber es gab noch eine andere Möglichkeit, die ich damals jedoch noch nicht in Betracht zog: Reverend Mun benutzte den schwarzen Heung Jin zu seinen eigenen Zwecken, so wie er vorher schon die amerikanische Vereinigung für Gedanken-und Handlungsfreiheit benutzt hatte.

Sun Myung Mun schien Gefallen zu haben an den Berichten von den Prügelstrafen, die auf Anweisung des schwarzen Heung Jin Kirchenmitgliedern auferlegt wurden, die sich irgendeiner Verfehlung schuldig gemacht hatten. Er lachte rauh, wenn mit jemandem, der in Ungnade gefallen war, besonders hart verfahren wurde. Niemand außerhalb der Wahren Familie war gegen die Prügelstrafen gefeit. Kirchenführer weltweit versuchten, ihren Einfluß geltend zu machen, um nicht vor dem schwarzen Heung Jin die Beichte ablegen zu müssen. Mein eigener Vater appellierte vergebens an Reverend Kwak, um einer solchen Sitzung zu entgehen.


Von links nach rechts: Sun Myung Mun, Cleopas Kundiona (schwarze Heung Jin) und Hak Ja Han im Jahr 1988.


Der schwarze Heung Jin war ein vorübergehendes Phänomen innerhalb der Vereinigungskirche. Schon bald waren seine Mätressen so zahlreich und seine Prügelstrafen so streng, daß einzelne Mitglieder sich beklagten. Mrs. Muns Dienstmädchen Won Ju McDevitt, eine Koreanerin, die ein amerikanisches Kirchenmitglied geheiratet hatte, erschien eines morgens mit einem blauen Auge und Prellungen am ganzen Leib zur Arbeit. Der schwarze Heung Jin hatte sie mit einem Stuhl verprügelt. Er verprügelte Bo Hi Pak, einen Mann in den Sechzigern, so brutal, daß dieser eine Woche im Georgetown Hospital stationär behandelt werden mußte. Er erzählte den Ärzten dort, er sei eine Treppe hinuntergefallen. Später mußte ein geplatztes Blutgefäß in seinem Kopf operiert werden.

Sun Myung Mun wußte, wann es an der Zeit war, Schadensbegrenzung zu betreiben. Wenn man der Messias ist, ist es leicht, eine Kurskorrektur vorzunehmen. Nachdem erst klar geworden war, daß er sich von der Gewalt lossagen mußte, die über die Mitglieder seiner Kirche gekommen war, ließ Sun Myung Mun einfach verbreiten, Heung Jins Geist habe den Schwarzen verlassen und sei in den Himmel zurückgekehrt. Der Mann aus Simbabwe war jedoch nicht geneigt, seine Macht wieder aufzugeben und gründete einen eigenen Kult in Afrika mit ihm selbst in der Rolle des Messias.



Hyo-Jin Mun hat vor Kodiak in Alaska, wo Sun Myung Mun einen seiner Wohnsitze unterhält, von einem von Wahrer Vaters Fischerbooten aus einen Oktopus gefangen. Von links nach rechts: Sun Myung Mun, Hak Ja Han Mun, ich (mit unserem Sohn Shin-Gil auf dem Arm), und Hyo-Jin.


8. Kapitel

Im Mai 1986 hatte ich gerade meine letzte Semesterprüfung an der New York University abgelegt, als Hyo Jin aus Korea anrief. Er war seit Wochen in Seoul. Er vermisse mich und das Baby, sagte er. Wir sollten baldmöglichst zu ihm kommen.

Es war mein erstes Jahr am College. Die Muns hatten sich einverstanden erklärt, mich studieren zu lassen, weil sie meinten, daß mein akademischer Erfolg ihnen eines Tages zur Ehre gereichen würde. In den letzten Tagen war ich immer erst spät zu Bett gegangen, weil ich für die Prüfungen gelernt und Arbeiten geschrieben hatte. Ich wollte gut abschneiden, nicht nur, um vor Reverend und Mrs. Mun die Ausgaben für meine Ausbildung zu rechtfertigen, sondern auch um selbst stolz sein zu können auf meine Leistungen im ersten Semester.

Der Hörsaal war der einzige Ort in meinem Leben, an dem ich ein Gefühl von Kontrolle hatte. Ich wußte, wie man lernt, wie man Stoff einpaukt und wie man sich auf Prüfungen vorbereitet. Ich hatte zwar keine Ahnung von kritischem Denken, aber das war auch selten notwendig, um gute Noten zu erzielen. Die Fähigkeit des Auswendiglernens, die ich als Kind in Korea erworben hatte, war mir auch an der amerikanischen Hochschule von Vorteil.

Die New York University (NYU) war nicht meine erste Wahl gewesen. Ursprünglich wollte ich auf das Barnard College, das Frauencolleg der Columbia University. Ich wußte, daß es eine der renommierten »Seven Sisters« Schulen war und fühlte mich dadurch sicherer, daß meine Komilitonen dort nur Frauen sein würden. Ich war zwar verheiratet und Mutter, fühlte mich Männern gegenüber aber immer noch so linkisch und unsicher wie ein Teenager.

Barnard wollte mich aber nicht aufnehmen. Ich hatte mich dümmerweise als »Early-decision« Kandidatin, also für einen kurzfristigen Studienbeginn, beworben, eine Alternative, die nur für die allerbesten Studenten im Rahmen des Möglichen lag. Meine Noten waren gut, aber meine Essays verrieten den Mangel an eigenständiger kritischer Denkweise, die mein Leben zu jener Zeit charakterisierte. Nach dieser ersten Ablehnung war ich entschlossen, an der NYU so gut zu werden, daß Barnard es sich später noch einmal überlegen und mir dann doch eines Tages den Wechsel dorthin erlauben würde.

Als Hyo Jin mich nach Seoul beorderte, war ich zudem gerade im ersten Viertel einer neuen Schwangerschaft, und die Aussicht auf einen so langen Flug in Begleitung eines Kleinkindes war alles andere als verlockend. Außerdem machte ich mir nach der letzten Schwangerschaft, die mit einer Fehlgeburt geendet hatte, Sorgen, daß es erneut zu einem Abort kommen könnte. Andererseits kam es so selten vor, daß Hyo Jin mich auch nur anrief, wenn er fort war, und erst recht, daß er danach verlangte, mich zu sehen, daß ich dies voreilig als hoffnungsvolles Zeichen auf eine Verbesserung unserer Beziehung interpretierte.

Der Flug erwies sich als genauso strapaziös wie ich befürchtet hatte. Meine Tochter war zu aufgekratzt, um zu schlafen, und schüttelte mich jedesmal, wenn ich die Augen gerade zugemacht hatte. Ich hielt mich mit optimistischen Gedanken wach und sagte mir, daß Gott die Zeit genutzt haben mußte, um Hyo Jins Herz zu erweichen.

Ich wurde eines Besseren belehrt, kaum daß meine Tochter und ich in der Mun-Residenz in Seoul eintrafen. Hyo Jin hatte mich förmlich angefleht, zu ihm zu kommen, und jetzt wollte er nichts von uns wissen. In den letzten Jahren hatte ich mich an Hyo Jins Hang gewöhnt, mich ständig zu kontrollieren, aber die beinahe paranoide Art, in der er in Korea jeden meiner Schritte überwachte, beunruhigte mich. Als ich sagte, daß ich gern ein paar alte Freundinnen von der Little Angels School besuchen würde, verbot er es mir. »Du hast keine Freunde«, sagte er. »Ich bin der perfekte Freund für dich. Du brauchst niemanden sonst.«

Er rastete aus, wenn er nach Hause kam und erfuhr, daß ich zusammen mit meiner Tochter meine Eltern besucht hatte. Es war meine Pflicht als Ehefrau, daheim auf ihn zu warten, bis er nach Hause kam. Er machte mich so nervös, daß ich, immer wenn ich meine Mutter besuchte, stündlich in der Mun-Residenz anrief, um zu hören, ob er inzwischen nach mir suchte.

Reverend und Mrs. Mun waren kurz nach meiner Ankunft in Seoul von einer ihrer zahlreichen Korea-Reisen nach New York zurückgekehrt, aber viele der älteren Mun-Kinder hielten sich, in Korea auf. In Jin war auch unter ihnen. Sie hatte Hyo Jin schon immer sehr nahe gestanden und mich vom ersten Tag an nicht leiden können. Ein paar Tage nach meiner Ankunft in Korea rief sie mich in ihr Zimmer. Offensichtlich war sie wütend auf mich – weswegen wußte ich nicht. Bislang hatten unsere Kontakte in Seoul sich darauf beschränkt, daß wir einander in der Halle höflich grüßten.

Ich saß auf dem Fußboden, in der angemessen demütigen Haltung vor einem Wahren Kind. »Mein Bruder arbeitet so hart, und was tust du? Nichts!« brüllte sie. »Du bist faul und verwöhnt. Nach koreanischer Tradition solltest du den Kü-ehenboden schrubben und das Geschirr abwaschen. Du hast in dieser Familie die niedrigste Stellung inne, und das solltest du dir immer vor Augen halten.«

Ich war sprachlos, wußte aber, daß In Jin ohnehin keine Reaktion erwartete. Zu antworten wäre impertinent gewesen. Was hätte es für einen Sinn gehabt, ihr zu sagen, daß Hyo Jin mir nicht erlaubte, ihn zu Kirchenveranstaltungen zu begleiten? Was würde es mir bringen, ihr zu widersprechen? Ich ließ ihren Zorn über mich hinwegspülen. Wie oft hatte ich mich in dieser Position befunden, hatte kniend und gottergeben den Zorn der Muns über mich ergehen lassen? Es war schon schwer genug, die Beschuldigungen anzuhören, mit denen sie mich überhäuften, aber meine Unfähigkeit zu antworten reduzierte mich auf den Status eines Kleinkindes. Glaubte In Jin wirklich, daß ich es vorzog, das Leben zu leben, das ihr Bruder mir aufzwang? Glaubte sie denn, ich würde nicht lieber unter Menschen sein? War sie so blind, daß sie nicht sah, wie Hyo Jin sich in Seoul seine freie Zeit vertrieb?

Die Barszene in Seoul war sogar noch schlimmer als in New York. In Korea gab es immer jemanden, der Hyo Jin Geld gab, irgendeinen alten Freund, der sich dem einen oder anderen seiner zahlreichen Laster anschloß. Meine Mutter hatte meinen Onkel Soon Yoo gebeten, ein Auge auf ihn zu halten. Mein Onkel war ein Süßholzraspler, ein Trompetenspieler, der die Nachtclubs sogar noch besser kannte als Hyo Jin. Meine Mutter hatte eine Schwäche für ihn, weil er jener kleine Bruder war, der ihr seinerzeit ihre Schuhe gebracht hatte, als meine Großmutter sie in ihrem Zimmer eingesperrt hatte, um sie daran zu hindern, meinen Vater zu heiraten. Und doch war es schwer zu sagen, wer wen beobachtete, wenn mein Ehemann und mein Onkel beisammen waren. Nach einem Saufgelage besuchten die beiden häufig ein Dampfbad, wo Hyo Jin wie ich später erfuhr, eine Geliebte unter den Handtuchmädchen hatte.

Eines Nachts, als Hyo Jin von einer Sauftour heimkam, kniete ich im Gebet neben dem Bett, so wie jeden Abend. Ich hörte ihn das Zimmer betreten, glaubte jedoch, ich könnte mein Gebet beenden, bevor ich ihn begrüßte. Das war ein Fehler. Seine Handfläche krachte seitlich gegen meinen Kopf. Ich verlor die Kontrolle über meinen durch die Schwangerschaft umfangreicher gewordenen Körper und kippte zur Seite. »Wie kannst du es wagen, nicht aufzustehen, um deinen Ehemann zu begrüßen«, lallte er betrunken. »Ich wollte nur mein Gebet fertigsprechen«, entgegnete ich in dem verzweifelten Versuch, mich zu rechtfertigen. Hierauf hagelte es Klagen über mich und meine Eltern: Ich sei häßlich, fett und dumm; meine Eltern wären arrogant, Vater gegenüber illoyal und hätten einen schlechten Einfluß auf mich. Als er ins Bad ging, erkannte ich meine Chance und flüchtete in ein anderes Zimmer. Er folgte mir dicht auf den Fersen.

Er fing an, gegen die Tür zu hämmern. Ich hatte panische Angst und fürchtete, sein Geschrei würde unsere Tochter aufwecken. Ich rollte mich auf dem Bett zusammen, während ihr tobender Vater versuchte, die Tür einzuschlagen, die Gott sei Dank mit einem soliden Messingschloß versehen war. Nach einigen Minuten gab er es auf, und ich schlief ein. Am nächsten Morgen wurde ich von lautem Fluchen auf dem Flur geweckt. Diesmal benutzte er seine E-Gitarre als Vorschlaghammer, aber auch diesem Angriff hielt die schwere Holztür stand. Als er ging, flüchtete ich in einen anderen Raum.

Kaum war ich in dem anderen Zimmer, das weiter unten auf dem Flur lag, verschwunden, sah ich ihn draußen auf dem Balkon. Er zertrümmerte mit seiner Gitarre das Fenster, und Scherben regneten auf den Sessel herab, auf dem ich eben noch gesessen hatte. Ich rannte die Treppe hinunter, seine zornigen Flüche im Ohr. Ich suchte Zuflucht in den Räumen eines Kirchenführers unten im Erdgeschoß. Hyo Jin brüllte weiter, ich solle herauskommen. Ich hatte Angst, war aber nicht dumm. Ich wußte, daß er mich windelweich prügeln würde, wenn ich herauskam. Und so versteckte ich mich stundenlang, während er andere im Haus mobilisierte, um mich zu suchen. Als er schließlich aufgab und das Haus verließ, rief ich hysterisch und in Tränen aufgelöst meinen Vater an. Er schickte sofort einen Wagen für mich und meine Tochter.

Es war das erstemal in meiner Ehe, daß ich um mein Leben fürchtete. Bis dahin waren die Mißhandlungen, die ich hatte erdulden müssen, mehr psychischer als physischer Natur gewesen. Im Laufe der Zeit hatte ich mir ein dickes Fell gegen seine Grausamkeiten und Drohungen wachsen lassen. Für ihn war ich »häßlich«, »fett« und »blöd«. Ohne ihn war ich »ein Nichts« und »Niemand«. Ich hielte mich für »wahnsinnig schlau«, aber er war der Sohn des Messias. Ich sei »austauschbar.« Ich hatte gelernt, nicht auf seine verbalen Attacken zu reagieren. Auf der einen Seite wußte ich, daß sein Verhalten defensiver Natur war. Hyo Jin verübelte mir die Bildung, die ich erwarb, während er seine Jugend mit Alkohol, Drogen und Prostituierten vergeudete. Ich wußte, daß es besser war, mich nicht zu wehren, wenn er mich angriff. Gegenwehr hätte seine Angriffe nur verstärkt. Ich machte mir Sorgen um Shin June und das Baby, das ich unter dem Herzen trug. Ich bedauerte zutiefst, daß meine Kinder in einer so haßerfüllten, explosiven Atmosphäre aufwachsen mußten. Meinen Kindern zuliebe schwieg ich und versuchte, ihn nicht zu provozieren. Es war ein ewiger Eiertanz; alles, was ich sagte, konnte einen Wutanfall auslösen.

In vieler Hinsicht war Hyo Jins aggressives Verhalten eine natürliche Reaktion auf das von Zwang und Kontrolle geprägte Umfeld in der Mun-Familie und in der Vereinigungskirche. Auch ich litt unter den Einschränkungen, die die Muns allen auferlegten. Der Anspruch, daß ich jederzeit kurzfristig zur Verfügung stehen mußte, um Mrs. Mun zu bedienen, machte ein Leben außerhalb des Anwesens in Irvington für mich praktisch unmöglich. Mrs. Mun betrachtete mein Studium bereits als Vergeudung kostbarer Zeit, in der ich eigentlich ihr zu Diensten hätte stehen müssen.

Ich fuhr zusammen mit anderen Gesegneten Kindern zur NYU und wieder zurück. Ich unterbrach mein Studium wegen meiner Schwangerschaften so häufig, daß ich die erlaubte Zahl an Abwesenheiten, die NYU-Studenten zugestanden wurde, überschritt. 1988 wechselte ich, nachdem ich an der NYU Bestnoten erhalten hatte, zum Barnard. Ein Wachmann von East Garden fuhr mich zur Uni und holte mich wieder ab. Nicht einmal die Professoren, die mir als Studienberater zur Seite standen, wußten, wer ich wirklich war.

Viel später, als ich mit Shin Ok, meinem vierten Kind, schwanger war, bat ich erneut um eine Auszeit am Barnard College. Meine Studienberaterin, eine ältere Professorin, war sehr besorgt, als ich ihr von meiner Schwangerschaft erzählte. »Bist du auch sicher, daß du das wirklich willst?« fragte sie sanft. »Oh, das ist schon okay. Ich bin verheiratet!« entgegnete ich lachend. Was ich ihr verschwieg, war, daß Shin Ok mein viertes Kind sein würde. Ich weiß nicht, ob Barnard je zuvor eine Studentin wie mich hatte.

Die Bücher, die ich las, und die Vorlesungen, die ich hörte, ermöglichten mir eine Erweiterung meines Horizontes, aber für mich war das alles nur eine rein intellektuelle Übung. In den Büchern der Wollman-Bibliothek am Barnard College und der Butler-Bibliothek an der Columbia University verschaffte ich mir keine Erkenntnisse, sondern Informationen. Ich war mein ganzes Leben darauf gedrillt worden, nichts zu hinterfragen und nichts anzuzweifeln. Keine Vorlesung über die Geschichte der Religion und kein Vortrag über die Wurzeln der messianischen Bewegungen vermochte meinen Glauben an Sun Myung Mun und die Vereinigungskirche zu erschüttern.

Eine alltägliche Auswirkung blinden Glaubens ist Isolation. Ich war von Menschen umgeben, die meine Überzeugungen teilten. Alles in meinem Leben – von meiner Aufgabe, jeden Morgen kniend Mutter und Vater zu begrüßen, bis hin zu meiner Pflicht, die Göttlichkeit meines offensichtlich mit Makeln behafteten Mannes anzuerkennen – verstärkten diese Isolation noch. Wenn ich wütend, traurig oder durcheinander war, gab es niemanden, mit dem ich über meine Gefühle hätte sprechen können. Den Muns war ich gleichgültig, meine Eltern waren am anderen Ende der Welt, und die Angestellten von East Garden sowie die gewöhnlichen Kirchenmitglieder sprachen kaum mit mir aufgrund der Achtung vor meiner gehobenen Position innerhalb der Wahren Familie.

Ich war allein. Hätte ich nicht das Gebet gehabt, hätte ich den Verstand verloren. Gott wurde zu dem Freund und Vertrauten, den ich auf Erden nicht hatte. Er hörte sich meinen Kummer an, hatte ein offenes Ohr für mein Leid und gab mir die Kraft, mich der Zukunft mit dem Ungeheuer zu stellen, das ich geheiratet hatte.

Hyo Jins Wutausbruch in Seoul erschreckte meine Eltern. Sie wußten, daß ich es nicht leicht hatte in East Garden, aber das war das erste Mal, daß sie aus der Nähe miterlebten, was ich zu ertragen hatte. Als ich mit Shin June bei ihnen eintraf, zitterte ich immer noch am ganzen Leib und weinte. Wir wußten, daß Hyo Jin kommen würde, um mich zu holen, und meine Eltern hatten keine Möglichkeit, sich dem Sohn des Messias zu widersetzen. Ich hatte schreckliche Angst, daß er mich schlagen würde, weil ich weggelaufen war. Mein Vater fuhr mich zu einem Krankenhaus in Seoul, wo die Ärzte mich aufnahmen, nachdem wir ihnen erklärt hatten, was geschehen war. Hyo Jin rief auf der Suche nach mir bei meinen Eltern an und verlangte, daß ich zurückkam. Mein Vater erklärte ihm, daß ich nach Meinung der Ärzte eine Weile im Krankenhaus bleiben müsse um des Kindes Willen, das ich in mir trug.

Es dauerte nicht lange, und Hyo Jin tauchte an meinem Bett auf. Seine Botschaft war unmißverständlich: Ich konnte mich nicht ewig verstecken, und ich konnte seine Tochter nicht lange von ihm fernhalten. Irgendwann würde ich zurückgehen müssen. Er entschuldigte sich nicht und erwähnte auch mit keinem Wort den Grund für meine panische Flucht aus der Mun-Residenz. Er wollte mir nur deutlich machen, daß ich früher oder später zurückkehren und mich ihm stellen müsse.

Ich blieb zwei Monate mit meiner Tochter bei meinen Eltern in Seoul. Hyo Jin kehrte nach East Garden zurück. Er erklärte meine Abwesenheit seinen Eltern gegenüber als eine Laune meinerseits. Ich sei dickköpfig und aufmüpfig. Er habe mich schlagen müssen, weil ich ihm widersprochen hätte. In ihren Augen war eine solche Züchtigung einer Ehefrau legitim. Ich erinnere mich noch an eine Predigt Vaters bei einer Gelöbnis-Zeremonie an einem Sonntag um 5.00 Uhr früh, bei der er meinte, Ehefrauen sollten hin und wieder geschlagen werden, damit sie demütig blieben. »Jene Frauen, die schon einmal von ihrem Ehemann geschlagen wurden, heben die Hand«, forderte er bei einer Sonntagspredigt in Belvedere. »Manchmal werdet ihr wegen eurer Lippen geschlagen. Der kriminellste Körperteil sind die Lippen – diese zwei schmalen Lippen!«

Die Vereinigungskirche lehrt, daß Ehefrauen ihren Gatten untergeordnet seien, so wie Kinder ihren Eltern unterworfen sind. Sie haben zu gehorchen. »Wenn man seine Kinder aus Unbeherrschtheit heraus schlägt, ist das eine Sünde«, hat Reverend Mun einmal gesagt. »Aber wenn sie einem nicht gehorchen, darf man sie mit Gewalt zum Gehorsam zwingen. Immerhin ist es nur zu ihrem Besten. Wenn sie einem nicht gehorchen, darf man sie sogar schlagen.« Ganz so, wie Sun Myung Mun seine Kinder schlug, wenn sie sich ihm widersetzten, nahm der Sohn des Messias es sich heraus, seine Ehefrau zu schlagen, wenn sie es ihm gegenüber an dem gebührenden Respekt mangeln ließ.

Bald traf bei meinen Eltern ein Brief von Mrs. Mun an mich ein. Sie schrieb, daß ich zurückkommen müsse. Es wäre falsch für mich, bei meinen Eltern zu sein. Ich wäre nicht mehr ihr Kind, sondern Hyo Jins Frau. Sie war wütend auf meine Mutter und meinen Vater, weil sie mich aufgenommen hatten, Zorn, der sich erhärtete, als ihre eigene Tochter Je Jin und mein Bruder Jin ihre Kinder zu meinen Eltern nach Korea schickten, um sie vor dem Einfluß der Muns zu schützen. Je Jin und Jin hegten in dieser Zeit bereits Zweifel an ihren Eltern und der Kirche.

Meine Eltern und ich wußten, daß mein Aufenthalt bei ihnen nur eine zeitlich begrenzte Ruhepause war. Ich mußte zurück. Es war meine Mission, mein Schicksal. Für jemanden außerhalb der Vereinigungskirche ist es leicht, meine Eltern dafür zu verurteilen, daß sie ihre Tochter zu einem gewalttätigen Ehemann und lieblosen Schwiegereltern zurückschickten, aber meine Eltern und ich glaubten, daß wir Gottes Willen folgten. Es lag nicht an uns, die uns von Gott auferlegte Richtung zu wechseln. Allein der Gedanke daran, Hyo Jin zu verlassen, hätte eine Abkehr von meinem ganzen Leben, von meiner Kirche und meinem Gott bedeutet. Für meine Eltern hätte es bedeutet, jede Entscheidung ihres Erwachsenendaseins in Frage zu stellen.

Hinter dem religiösen Zwang zurückzukehren, stand meine Furcht. Eine Frau braucht nicht in irgendeinem Kult gefangen zu sein, um sich ohnmächtig zu fühlen gegenüber dem Mann, der sie mißhandelt. Welche verprügelte Frau hat sich nicht schon von einer wohlmeinenden Freundin oder Verwandten die Frage anhören müssen: »Warum verläßt du ihn nicht?« Es klingt so einfach, aber wie einfach ist es für die einkommenslose Mutter eines Kleinkindes, die die Morddrohungen ihres Mannes ernst nimmt? Frauen, die ihren Partnern weglaufen, begeben sich in akute Lebensgefahr. Die Verbrechensstatistik beweist diese Tatsache, aber Frauen wissen es instinktiv. Auch wenn mein Glaube mich nicht nach East Garden zurückgeführt hätte, meine Todesangst hätte mich dazu gebracht.

Das Haus meiner Eltern in jenem September zu verlassen, war für uns alle eine leidvolle Erfahrung. Ich wollte nicht gehen, und sie wollten mich nicht gehen lassen. Aber keiner von uns war in der Lage, die Macht Sun Myung Muns und der Kirche zu ignorieren. Ich verabschiedete mich tränenreich von meiner Mutter und meinen Geschwistern. Mein Vater konnte mir nicht einmal in die Augen sehen. Ich wußte, daß er ebensosehr litt wie ich.

Hyo Jin holte Shin June und mich nicht am Flughafen ab. Als wir uns dann im Cottage House wiedersahen, war es, als sei nichts geschehen. In East Garden rief Mrs. Mun mich zu sich. Sie hieß mich daheim willkommen und versicherte mir, daß Hyo Jin versprochen habe, daß es keine Wiederholung des Zwischenfalls in Seoul geben würde, der mich so lange Zeit ferngehalten hatte. Sie verharmloste seine Gewalttätigkeit und seine Mißhandlungen und erinnerte mich daran, daß es meine Pflicht sei, als Gottes Werkzeug daran zu arbeiten, ihren Sohn zu ändern. Zu diesem Zweck wäre ich auserwählt worden. Einerseits sagte mir die Erfahrung, daß ihr Sohn ein pathologischer Lügner war, andererseits glaubte ich immer noch an meine göttliche Mission und daran, daß Gott ihn wahrhaftig ändern würde, wenn ich nur hart genug daran arbeitete und dafür betete. Ich wollte ebensosehr an Mutters beruhigende Worte glauben wie jede geprügelte Frau den Versprechungen ihres Mannes glauben will, daß er sich ändern würde.

Mrs. Mun war unverblümter, was ihren Zorn auf meine Eltern betraf. Es sei falsch von ihnen gewesen, mich in Seoul bei sich aufzunehmen. Sie stellte ihre Loyalität Vater gegenüber in Frage. Den Wahren Eltern wären aus Korea Dinge über die Hongs zugetragen worden, die ihr Mißfallen erregt hätten. Ich hatte nur eine vage Vorstellung davon, wovon Mrs. Mun sprach. Meine Mutter hatte einige Male angedeutet, daß es zwischen ihnen und den Muns nicht zum Besten stand. Bei den letzten Besuchen von Wahre Mutter und Wahrer Vater in Korea, hatte Reverend Mun meinen Vater des öfteren öffentlich kritisiert. Er hatte meinem Vater vorgeworfen, Posten bei Il Hwa zum Nachteil der Firma mit Verwandten besetzt zu haben. Er beschuldigte meinen Vater, sich mit dem Erfolg des Pharmakonzerns zu schmücken, während dieser allein ihm selbst, Sun Myung Mun, zu verdanken sei.

Meine Mutter hatte mir das alles erzählt, jedoch ohne Besorgnis. Der Reverend war bekannt für seine perverse Neigung, jene niederzumachen, denen er im Grunde wohlgesonnen war. Nur in der Vereinigungskirche konnte öffentliche Kritik als Kompliment aufgefaßt werden. Allerdings sollte ich später erfahren, daß Reverend Mun begonnen hatte, meinen Vater mit sadistischer Genugtuung vor anderen zu demütigen. Bei der Eröffnung einer Abfüllfabrik, deren Planung, Finanzierung und Bau mein Vater überwacht hatte, verhöhnte Reverend Mun ihn als unfähigen Angestellten, den der Messias jederzeit feuern könne. Dann verspottete er an seinem Frühstückstisch in Seoul meinen Vater vor einem Dutzend Kirchenführern als einen Mann, der daheim unter dem Pantoffel stand.

Es ist schwer zu sagen, was den plötzlichen Sinneswandel der Muns gegenüber meinen Eltern ausgelöst hatte. Sun Myun Mun fühlte sich von Intelligenz und Kompetenz gleichzeitig angezogen und abgestoßen. Niemand durfte je klüger erscheinen als der Messias. Mein Vater hatte für Reverend Mun aus dem Nichts eine Fabrik aufgebaut. Das war gut; er hatte seinem Herrn gut gedient. Mein Vater hatte dies durch eigenes Können und harte Arbeit erreicht, und das war schlecht; er konnte den wirtschaftlichen Erfolg Il Hwas sich selbst anrechnen.

Meine Mutter befand sich in einer ähnlich prekären Lage. Von dem scheuen Mädchen, das einst der Vereinigungskirche beigetreten war, hatte sie sich nach Jahren des Predigens für Sun Myung Mun zu einer der eloquentesten Stimmen der Kirche gemausert. Belesen wie sie war, war sie zu einer angesehenen Größe in Religionsfragen geworden. Mrs. Mun, die vor ihrer Heirat mit Sun Myung Mun nicht einmal die High-School abgeschlossen hatte, fühlte sich unbehaglich in Gegenwart gebildeter und hübscher Frauen wie meiner Mutter. Sie bestand darauf, in der Öffentlichkeit mit Dr. Hak Ja Han Mun angesprochen zu werden, obgleich es sich nur um einen Ehrendoktortitel handelte.

Mrs. Muns Unsicherheit spiegelte sich in der Art Frauen wieder, mit denen sie sich in East Garden umgab, koreanischen Damen, die ich stets als ihre Hofnarren betrachtete. Sie waren da, um ihre Herrin mit ihren Scherzen und Albernheiten zu belustigen und nicht etwa, um mit ihr gehobene Konversation zu führen. Meine Mutter war da von ganz anderem Kaliber. Selbst klug und ernsthaft, konnte sie Dummköpfe nicht ertragen. Sie war Wahre Mutter ergeben, spielte jedoch nicht die Rolle, die Mrs. Mun am meisten schätzte.

Die Damen aus Mrs. Muns Umkreis griffen ihr Mißfallen gegenüber meiner Mutter auf, um sie in den Augen von Wahre Mutter weiter schlechtzumachen. Viele dieser Frauen wurden vom Neid aufgefressen, weil die Hongs in die Wahre Familie eingeheiratet hatten. Jin und ich hatten uns in ihren Augen Positionen erschlichen, die von rechts wegen ihren eigenen Söhnen und Töchtern zugestanden hätten. Nun ergab sich für sie eine Gelegenheit zur Rache. Alles, was meine Mutter tat, wurde von der Gerüchteküche verzerrt. Ein Geldgeschenk an ein bedürftiges Kirchenmitglied wurde als Versuch fehlinterpretiert, sich dessen Zuneigung zu erkaufen. Ihre Verteidigung meines Vaters wurde als Angriff auf die Muns gedeutet.

An einem königlichen Hof des Mittelalters hatte jener den größten Einfluß, dem der König oder die Königin zuletzt Gehör schenkten. Bei den Muns war das nicht anders. Die Speichellecker machten sich ans Werk. Schon bald kamen Gerüchte auf, daß meine Eltern vorhätten, in Korea eine Splitterkirche zu gründen, und mein Vater sich zum wahren Messias proklamieren wolle. Das war natürlich alles Unsinn, aber die Muns waren stets gewillt, von jedem das Schlimmste anzunehmen. Meines Vaters Position innerhalb der Vereinigungskirche verschlechterte sich durch Mrs. Muns Intervention immer weiter. Um seinen Einfluß in Korea zu schmälern, veranlaßte Mrs. Mun den Reverend schließlich, meinen Vater zum Vorsitzenden der Vereinigungskirche in Europa zu ernennen, jenem Kontinent, auf dem die Bewegung weltweit am wenigsten verbreitet war.

Das Mißtrauen der Muns gegenüber meinen Eltern griff auch auf meinen Alltag über. Mir wurde befohlen, meinen Kontakt zu ihnen auf ein Minimum zu beschränken. Meine Anrufe von East Garden aus wurden von der Telefonzentrale kontrolliert, um sicherzugehen, daß ich die Anweisung der Muns auch befolgte. Von meiner Familie abgeschnitten zu sein, bedeutete jedoch mehr Isolation, als ich ertragen konnte. Ich ließ einen Privatanschluß in meinem Zimmer installieren, um weiter mit meinen Eltern sprechen zu können.

Zwei Monate nach meiner Rückkehr nach East Garden wurde unsere zweite Tochter, Shin Young, geboren. Es gab die übliche Enttäuschung, weil ich wieder nicht den erhofften männlichen Erben geboren hatte, aber auf der anderen Seite waren auch alle erleichtert, daß Hyo Jins Drogen- und Alkoholkonsum dem wunderhübschen kleinen Mädchen offenbar nicht geschadet hatten.

Ein paar Monate später traf Mrs. Mun Vorbereitungen für einen ausgedehnten Aufenthalt in Korea. Sie rief mich zu sich und teilte mir mit, daß sie meine vierjährige Tochter zur Gesellschaft für ihre eigene erst fünfjährige Tochter Jeung Jin mitnehmen würde. Ich wagte es nicht, Einwände zu erheben oder die Fragen zu stellen, die mir auf der Zunge lagen. Sie deutete nicht einmal an, wie lange sie weg sein würden. Kaum hatte ich mich von dieser Neuigkeit erholt, kam sie mit einer Gucci-Handtasche von ihrem Wandsafe zurück, die 100 000 Dollar in bar enthielt. Dies sei »Saatgeld« für die Zukunft unserer Familie, sagte sie. Ich sollte es klug anlegen, vielleicht in Gold. Später würde sie uns noch weitere 300 000 Dollar geben. War das ein Bestechungsversuch? Wollte sie mich dafür bezahlen, daß sie mir meine Tochter wegnahm?

Ich flehte Hyo Jin an, seiner Mutter ihr Vorhaben auszureden, denn ich wußte, daß meine Tochter bestimmt nicht so ohne weiteres mitgehen würde. Jeung Jin war verwöhnt und ihr Babysitter boshaft. Meine Tochter und ich standen einander sehr nah; sie würde mich schrecklich vermissen. Meiner Ansicht nach war sie noch zu jung für eine solche Reise. Hyo Jin weigerte sich aber, mit seiner Mutter zu sprechen, denn wenn unsere Tochter in Korea war, würde ihm das eine willkommene Begründung liefern, um selbst dorthin zu fliegen und seine Freundinnen zu besuchen. Außerdem war da das Geld, das seine Mutter uns gegeben hatte. Er wies mich an, es in einem Bankschließfach in Tarrytown zu deponieren. Hätte ich es auf ein Konto eingezahlt, hätten wir das Undenkbare tun müssen: es versteuern. Das Bankschließfach war natürlich ein Fehler, denn damit standen Hyo Jin ständig große Geldbeträge zur Verfügung. Von dem Geld, das eigentlich für die Ausbildung unserer Kinder gedacht war, kaufte er beispielsweise eine vergoldete Flinte für Wahrer Vater im Wert von 30 000 Dollar sowie Motorräder für sich selbst und seine Brüder.

Mein kleines Mädchen war drei lange Monate in Korea. Auf den Photos, die Mrs. Mun nach East Garden schickte, lächelte sie kein einziges Mal. Als sie fortgegangen war, hatte sie schon einen Stift halten und in Druckbuchstaben ihren Namen schreiben können. In Korea schlug der Babysitter ihr auf die Hand und verbot es ihr, da ihre Tante ihren Namen noch nicht schreiben konnte und die Mun-Kinder in allem überlegen bleiben mußten. Ich brauchte Jahre, um den Schaden in der Psyche meiner Tochter, der in diesen drei Monaten angerichtet wurde, wiedergutzumachen. Der Babysitter erzählte Shin June sogar Geistergeschichten, von denen sie Alpträume bekam. Wenn sie darum bat, meine Mutter besuchen zu dürfen, lenkte Mrs. Mun sie mit einem Besuch in einem Spielwarenladen oder einer Eisdiele ab.

Ich schwor mir, nie wieder zuzulassen, daß die Muns eins meiner Kinder und mich trennten. Die Muns nahmen die Kinder nicht etwa deshalb mit auf ihre Vortragsreisen, weil sie ihre Gesellschaft genossen hätten, sondern weil sie lebendes Beiwerk brauchten, niedlich gekleidete Dekorationen, die sie als die liebevollsten Eltern und Großeltern der Welt aussehen ließen. Ich würde alles Erforderliche tun -schmeicheln, manipulieren, täuschen -, nur um Sun Myung Mun und Hak Ja Han Mun davon abzuhalten, meine Kinder künftig für ihre Zwecke zu mißbrauchen.

Meine Kinder waren der einzige wahre Lichtblick in meinem Leben. Ich bezeichnete mich selbst entweder als schwanger oder vorübergehend nicht schwanger. Je nach meinem aktuellen Zustand schrieb ich mich entweder für neue Kurse ein oder gab Vorlesungen aüf. 1987 war ich sicher, daß mir eine weitere Fehlgeburt bevorstand, denn ich bekam im vierten Monat starke Blutungen. Meine Ärztin verordnete mir absolute Bettruhe, aber auch das brachte die Blutung nicht zum Stillstand. Ich hatte große Angst, und ich schätze, Hyo Jin hörte mir das an, als er aus Alaska anrief, wo er sich mit seinen Eltern zum Angeln aufhielt.

Ich war gerührt von der Anteilnahme, die er am Telefon bekundete, aber als er dann nach East Garden zurückkehrte, war hiervon nichts mehr zu spüren. Ich lag im Bett und las in der Bibel, als er im Cottage House eintraf. Sofort schlug er mir das Buch aus der Hand. Ich hob beide Hände, um mich vor weiteren Schlägen zu schützen.

»Glaubst du, die Bibel ist wichtiger als die Wahren Eltern?« schrie er mich an. »Warum warst du nicht draußen, um sie zu begrüßen?« Ich versuchte, ihm das mit der Blutung und der ärztlichen Anordnung zu erklären, aber das war ihm egal. Wenn ich Blutungen hätte, sei das Baby wahrscheinlich behindert, brüllte er. Eine Fehlgeburt wäre besser, als ein behindertes Kind zur Welt zu bringen. Ich war angewidert von seiner Gefühlskälte. »Steh auf, du faule Schlampe«, herrschte er mich an.

Ich versuchte es, war aber zu schwach und blieb im Bett liegen. Wutschnaubend stürmte er aus dem Haus. Aufgelöst rief ich meine Mutter in Korea an, die mir versprach, ihre Gebetsgruppe für mich und das Baby beten zu lassen. Als die Blutung Tage später immer noch nicht aufgehört hatte, kam ich zu dem Schluß, daß das Baby tot sein müsse. Ich packte ein paar Sachen für meinen Aufenthalt im Krankenhaus, da ich damit rechnete, daß wieder eine Ausschabung vorgenommen werden würde und ich über Nacht bleiben müßte. Im Krankenhaus nahm die Gynäkologin eine Ultraschalluntersuchung vor. Als sie sagte, der Herzschlag des Babys sei sehr kräftig, mußte ich sie bitten, das noch einmal zu wiederholen, so sehr hatte ich mich bereits mit einem unglücklichen Ende abgefunden. Die Plazenta hatte zwar geblutet, der Heilungsprozeß hatte jedoch bereits eingesetzt.

Das war die medizinische Erklärung, aber ich wußte es besser. Kein Baby hätte die Blutmenge überleben können, die ich verloren hatte. Das war ein Wunder. Als die Ärztin mir noch etwas anderes mitteilte, das die Ultraschalluntersuchung ergeben hatte, wußte ich, daß dieses Baby ein Geschenk Gottes war: Ich würde einen Sohn bekommen. Zunächst sagte ich es niemandem, nicht einmal meiner Mutter. Als In Jin und Mrs. Mun später fragten, ob man bei der Ultraschalluntersuchung das Geschlecht des Kindes festgestellt hätte, verneinte ich. Das war ein Geheimnis von mir und Gott. Ich glaubte, daß Satan versuchen würde, meinem Baby etwas anzutun, wenn ich dieses Geheimnis nicht für mich behielte.

Die Muns waren im siebten Himmel, als am 13. Februar 1988 Shin Gil zur Welt kam. Die Muns zeigten sich sogar meinen Eltern gegenüber etwas versöhnlicher. Hyo Jin hätte nicht glücklicher sein können. Ein männlicher Erbe stärkte seine Position als rechtmäßiger Nachfolger seines Vaters. Reverend Mun seinerseits hoffte, daß ein Sohn Hyo Jin dazu bringen würde, sich endlich seiner Verantwortung gegenüber seiner Familie und der Vereinigungskirche zu stellen.

Diese Hoffnung sollte jedoch enttäuscht werden. Im nächsten April legte Hyo Jin bei einer Kirchenversammlung im großen Ballsaal des World Mission Center, dem ehemaligen New Yorker Hotel in New York City, eine Beichte ab, die die Bezeichnung »dramatisch« verdient hat. Es war Elterntag, ein Kirchenfeiertag.

»Viele Gesegnete Mitglieder geben Vater die Schuld an meinen Verfehlungen. Es ist nicht Vaters Schuld; es ist allein meine Schuld«, begann Hyo Jin. »Es war nicht leicht für mich, nach Amerika zu kommen. Es war der ideale Nährboden für meinen Haß und mein Unverständnis. Menschen versuchten, es mir zu erklären, aber ich wollte nicht zuhören. Ich hatte viel Zorn in meinem Herzen. Ich haßte fast jeden.«

Er fuhr fort, von seinen sexuellen Begegnungen als Teenager zu erzählen, von seinen Alkoholexzessen und seinem Kokainkonsum. Allerdings führte er seine Zuhörer insofern hinters Licht, als er sie glauben ließ, diese Übergriffe gehörten der Vergangenheit an. »Ich möchte sichergehen, daß nichts von alledem meinen Brüdern und Schwestern, Gesegneten Kindern oder euren Kindern widerfährt«, sagte er. Was er natürlich nicht erwähnte, war, daß er nicht vorhatte, seinen Alkohol- und Drogenkonsum sowie seine sexuelle Promiskuität aufzugeben. »Ich möchte von jetzt an alles richtig machen. Das war die Vergangenheit, und sie quält mich oft. Ich habe euch alles erzählt, daß ich herumgehurt habe, daß ich viele Frauen hatte. Ich habe euch nichts weiter zu sagen. Bitte verzeiht mir.«

Das war eine grandiose Vorstellung vor den treuen Kirchenanhängern. Hyo Jin weinte; seine Brüder und Schwestern umarmten ihn. Ich war nur eine Zuschauerin bei dieser Posse. Während seiner Beichte hatte er kein einziges Mal meinen Namen erwähnt. Er entschuldigte sich bei Gott, bei den Wahren Eltern und den Kirchenmitgliedern – aber seiner Frau hatte er nichts zu sagen.

Ich war nicht überrascht, als auf seinen anrührenden Vortrag keine Taten folgten und er seinen ausschweifenden Lebensstil unverändert fortführte. Er begann, darauf zu bestehen, daß ich ihn in Karaoke-Bars und Nachtclubs begleitete. Manchmal ging ich mit, nur um eine Auseinandersetzung zu vermeiden, aber ich haßte es. Hyo Jin konnte den ganzen Tag schlafen, aber ich mußte morgens zusammen mit den Kindern aufstehen, um rechtzeitig in meine Vorlesungen zu kommen. Seine Trunkenheit stieß mich ab. Oft trank er allein eine halbe Falsche Tequila und gab der Bedienung dann 150 Dollar Trinkgeld, während ich an meiner Cola nippte und auf die Uhr sah.

Ich war zwar keine gute Gesellschafterin, aber ich konnte nach Hause fahren. Hyo Jin geriet immer wieder in Schwierigkeiten, wenn er versuchte, selbst zu fahren. 1989 hatten die Muns mir für die Strecke von und zum College einen Audi gekauft. Eines nachts fuhr Hyo Jin mit dem Wagen in die Stadt. Um Mitternacht rief er mich an, um mir mitzuteilen, daß er einen Unfall gehabt hatte und ich ihn Ecke Amsterdam Avenue/146. Straße abholen solle. Ich konnte mir denken, warum er in Harlem war; dort beschaffte er sich immer sein Koks. Als ich dort eintraf, war er jedoch nicht am vereinbarten Treffpunkt, und so fuhr ich suchend umher. Schließlich fand ich ihn mehrere Blocks entfernt. Er torkelte betrunken umher und redete unzusammenhängendes Zeug. Als ich den Audi schließlich fand, war ich erstaunt, daß mein Mann den Unfall unverletzt überstanden hatte. Der Wagen hatte einen Totalschaden.

Mit dem Geld von der Versicherung leaste ich einen Ford Aerostar. Es dauerte nicht lange, und Hyo Jin borgte sich auch diesen Wagen. Eines nachts wurde ich um 4.00 Uhr von einem Anruf der New Yorker Polizei geweckt. Hyo Jin war wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet worden. An diesem Morgen wurden wir auf einer Geburtstagsfeier eines der Mun-Kinder erwartet. Ich schickte meine Kinder mit dem Babysitter hin und fuhr zum Revier in der 125. Straße. Während der folgenden zwei Stunden löste ich meinen Wagen aus und besorgte einen Anwalt, der Hyo Jin bei der Anhörung zur Seite stehen sollte. Als ich nach East Garden zurückkehrte, machte Mrs. Mun mir Vorwürfe, weil ich nicht zu dem morgendlichen Bankett erschienen war. »Wo warst du? Wo ist Hyo Jin?« wollte sie wissen. Das war sein Problem, nicht meins. Ich war es leid, ihn zu decken. »Hyo Jin ist nicht hier. Wenn er heimkommt, solltest du ihn selbst fragen«, entgegnete ich.

Als Hyo Jin nach East Garden zurückkehrte, schäumte er, weil ich ihn nicht früher aus dem Gefängnis geholt hatte. Unnötigerweise wurde er noch zorniger, als er hörte, daß Mutter ihn sprechen wollte, denn wie immer unternahmen die Muns nicht das geringste, um ihren Sohn zur Räson zu bringen. Das Gericht verhängte eine Geldbuße, entzog ihm den Führerschein und verdonnerte ihn zu Wohltätigkeitsarbeit, aber seine Eltern unternahmen nichts, um zu verhindern, daß er wieder betrunken fuhr.

Als er mich das nächste Mal aufforderte, ihn zu einer Clubtour zu begleiten, weigerte ich mich. »Ich kann nicht mitgehen; ich habe es versprochen«, sagte ich. »Wem hast du das versprochen?« wollte er wissen. »Mir selbst«, entgegnete ich. Er fuhr selbst, ohne mich und ohne Führerschein.

Langsam lernte ich, nein zu sagen. Ich glaube, die Mutterschaft half mir hierbei mehr als alles andere. Es war eine Sache, die schlechte Behandlung seitens der Wahren Familie selbst ertragen zu müssen, aber es war etwas völlig anderes, meine Kinder dem auszusetzen. Im Oktober 1989 brachte ich meine dritte Tochter, Shin Ok, zur Welt. Ich war inzwischen 23 Jahre alt, hatte vier Kinder und eine Fehlgeburt hinter mir und wußte nicht, wie viele Babys ich noch bekommen würde.

Ich konnte Hyo Jins Befehle mißachten, ihn in Bars zu begleiten, aber ich konnte mich nicht Mrs. Mun widersetzen. 1992 eröffnete sie mir, daß ich sie zu einer Zehn-Städte-Tour nach Japan begleiten sollte. Ich war wieder schwanger, verbarg meinen Zustand jedoch vor meiner Schwiegermutter. Meine Schwangerschaften waren das einzige in meinem Leben, was ganz allein mir gehörte; ich teilte sie erst mit Sun Myung Muns Familie, wenn sie sich nicht mehr verbergen ließen.

Die Anbetung, die Wahre Mutter in Japan entgegengebracht wurde, überstieg alles, was ich je in Korea erlebt hatte. Ich hatte damit gerechnet, daß Mrs. Mun in den besten Hotelsuiten absteigen und die edelsten Speisen essen würde, aber was ich in Japan erlebte, ging über das übliche Verwöhnen hinaus. Sogar ihr Besteck wurde separat aufbewahrt, damit es von niemandem sonst benutzt wurde, nachdem es mit den Lippen von Wahrer Mutter in Berührung gekommen war. Die sklavische Aufmerksamkeit, die die Japaner Mrs. Mun entgegenbrachten, mochte sie für ihre Sehnsucht nach Wahrer Vater entschädigen, dem seit seiner Verurteilung wegen Steuerhinterziehung in den Staaten die Einreise nach Japan verwehrt war.

Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, daß der Kaiserkult zuerst in Japan Fuß faßte. Im 19. Jahrhundert wurde der japanische Kaiser zur Gottheit erklärt und die Japaner zu Nachkommen alter Gottheiten. Der staatliche Shintoismus, der erst 1945 nach Ende des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten abgeschafft wurde, hatte den Japanern bis dato die Anbetung ihrer politischen Führer auferlegt. Gehorsam gegenüber der staatlichen Autorität und Selbstaufopferung galten als größte Tugenden.

Somit war es kein Wunder, daß Japan eine ideale Geldquelle für einen messianischen Führer wie Sun Myung Mun war. Eifrige junge Mitglieder der Vereinigungskirche stießen auf ältere Leute, die sehr darauf bedacht waren, daß ihre Lieben in der Geisterwelt ihren Frieden fanden. Zu diesem Zweck nahmen sie Tausenden von Menschen Millionen von Dollar ab für religiöse Vasen, Gebetsperlen und religiöse Bilder, die ihnen garantieren sollten, daß ihre verstorbenen Verwandten ins Himmelreich eingingen. Eine kleine Jadepagode ließ sich für bis zu 50 000 Dollar verkaufen. Wohlhabende Witwen wurden dazu überredet, ihre gesamte Habe der Vereinigungskirche zu schenken, um sicherzugehen, daß ihre geliebten Verstorbenen nicht bei Satan in der Hölle schmoren mußten.


Mrs. Mun und Nansook Hong 1992 in Kyoto, Japan

Es war eine unglaubliche Szenerie. Kirchenmitglieder bedienten Mrs. Mun, während Kirchenführer ihr Berge von Bargeld brachten. Einmal wurde mir gerade das Haar frisiert, als mir auffiel, daß ich meine Uhr verlegt hatte. Keine Stunde später fand sich ein Juwelier in meinem Hotelzimmer ein, mit ganzen Tabletts voller kostbarer Uhren, aus denen ich mir eine aussuchen sollte, als Geschenk meiner japanischen Gastgeber. »Nehmen Sie mehrere, nehmen Sie noch welche für Ihre Verwandten«, beharrte der Juwelier. Ich war sehr erleichtert, als ich meine eigene Uhr wiederfand und sein großzügiges Angebot ausschlagen konnte, ohne unhöflich zu sein.

Japans Wirtschaft boomte, und das Land entwickelte sich rasch zur größten Geldquelle Sun Myung Muns. Mitte der achtziger Jahre behaupteten Offizielle der Kirche, daß die Vereinigungskirche allein in Japan 400 Millionen Dollar jährlich einnahm. Reverend Mun verwendete dieses Geld für seinen persönlichen Komfort und für Investitionen in irgendwelche Unternehmen in den Vereinigten Staaten und überall auf der Welt. Hinzu kam, daß die Kirche mehrere einträgliche Firmen in Japan besaß, darunter eine Handelsgesellschaft, eine Computerfirma und einen Schmuckkonzern.

Mun gab für Japans bedeutende finanzielle Beziehung zur Vereinigungskirche auch eine theologische Begründung: Südkorea ist »Adams Heimat« und Japan ist »Evas Heimat. Als Ehefrau und Mutter mußte Japan die Arbeit von Vaters Heimatland unterstützen, also Sun Myung Muns Korea. Hinter dieser Sichtweise verbarg sich ein nicht nur geringfügiger Rachegedanke. Nur wenige Koreaner, schon gar nicht Sun Myung Mun und seine Anhänger der Vereinigungskirche, haben Japan je die 40 Jahre währende, brutale Besatzung Koreas verziehen.

Mitglieder von Sun Myung Muns Familie wurden am Zoll stets aufs gründlichste überprüft, wann immer sie Korea verließen oder in die USA einreisten. Das war auf dieser Reise nicht anders. Ein Vorteil ihres riesigen Gefolges war, daß Mrs. Mun reichlich Reisegefährten hatte, mit denen sie gemeinsam einreiste. Mir vertraute sie 20 000 Dollar in neuen Banknoten an, die ich in meinem Schminkköfferchen versteckte. Als die Zollbeamten in Seattle mein Gepäck durchsuchten, hielt ich die Luft an. Ich passierte als letzte unserer Reisegruppe den Zoll, und die Frau, die mein Gepäck durchwühlte, schien entschlossen zu sein, etwas zu finden. Ich tat so, als spräche ich kein Englisch und als verstünde ich ihre Fragen nicht. Ein asiatischer höhergestellter Beamter kam herüber und wies sie zurecht. »Sehen Sie denn nicht, daß sie nur Koreanisch spricht«, sagte er und lächelte mich freundlich an. »Lassen Sie sie durch.«

Zwar wußte ich, daß Schmuggel illegal war, aber ich dachte ja, die Anhänger Sun Myung Muns wären höheren Gesetzen unterworfen. Ich tat, was man mir sagte, und sorgte mich mehr um das Geld als um eine mögliche Verhaftung. Ich war Gott so dankbar, daß die Zollbeamtin das Geld nicht gefunden hatte. Durch die verzerrte Brille, durch die ich die Welt sah, schien es mir, als hätte Gott eingegriffen und die Zöllner zurückgehalten. Gott wollte nicht, daß sie das Geld fanden, weil das Geld für Gott bestimmt war.

Hätte ich auch nur ein klein wenig kritisch gedacht, wäre mir rasch klar geworden, daß das Geld, das die Munies auf der Straße und mit dem Pagodenverkauf sammelten, wenig mit Gott zu tun hatte. Unter anderem trug dieses Geld dazu bei, die jugendlichen Phantasien meines Gatten zu finanzieren, der von einer Karriere als Rock ’n’ Roll-Star träumte. Zusammen mit einer Band aus Kirchenmitgliedem hatte er mit Aufnahmen begonnen; in den Studios des Manhattan Centers versteht sich, dem kircheneigenen Tonstudio neben dem ehemaligen New Yorker Hotel in Manhattan. Reverend Mun hatte das Studio gekauft, um eine auf Gott ausgerichtete Kultur zu propagieren. Die Metropolitan Opera, die New Yorker Philharmoniker und Luciano Pavarotti benutzten dieses Aufnahmestudio. Und 1987 nahm Hyo Jin Mun dort zusammen mit Gesegneten Kindern der zweiten Generation – Jin Man Kwak, Jin Hyo Kwak, Jin Heung Eu und Jin Goon Kim – sein erstes Album dort auf: »Rebirth«.

Hyo Jin verkaufte CDs und Kassetten seiner Musik nur an Mitglieder der Vereinigungskirche, die seine einzigen Hörer waren, darunter auch die Collegiate Association for the Research of Principles (CARP), deren Vorsitzender er war. Hinter dieser Studentenvereinigung, die sich angeblich dem Weltfrieden verschrieben hatte, steckte tatsächlich nur ein weiteres Werkzeug zur Rekrutierung neuer Mitglieder, die wiederum Geld für die Vereinigungskirche sammelten. Ihre sichtbarste Aktion war die internationale Mister- und Miss-University-Wahl, die CARP jedes Jahr in verschiedenen Städten auf der ganzen Welt sponsorte.

Ein großer Teil des Geldes, das gesammelt wurde, um Gottes Werk zu tun, wurde für Sun Myung Muns liebstes Kind verwendet: die 24-Millionen-Dollar-Residenz mit angeschlossenem Konferenzzentrum, die er auf East Garden errichten ließ. Es brauchte sechs Jahre und fast ebenso viele Architekten, um das wohl häßlichste Gebäude in ganz Westchester County zu errichten. Wir sahen zu, wie das Gebäude ein dutzendmal sein Erscheinungsbild veränderte und Millionen von Dollar mehr verschlang als ursprünglich veranschlagt. Was letztendlich dabei herauskam, war eine Monstrosität aus Stein und Beton mit einem undichten Dach.

Im Foyer und in den Bädern prunkte italienischer Marmor. Die schweren Eichentüren waren mit Schnitzereien in Form koreanischer Blumenornamente verziert. Im ersten Stock gab es einen Ballsaal, und im zweiten Stock waren die Zimmer der zahlreichen noch jungen Kinder der Muns untergebracht, auf demselben Flur wie die prunkvolle Zimmerflucht ihrer Eltern. In einem der zwei Speisesäle war ein richtiger Teich mit Wasserfall angelegt worden. Die Küche war mit sechs Pizzaöfen ausgestattet. Im dritten Stock gab es ein Spielzimmer sowie diverse begehbare Kleiderschränke für Mrs. Mun, von denen jeder so groß war wie ein normales Schlafzimmer. Es gab eine Zahnarztpraxis und einen Turm, in dem das Büro von Sun Myung Muns Sekretär Peter Kim untergebracht war. Das Gebäude war ein Monument des Exzesses und des Unsinns. Nicht etwa im Keller, sondern im dritten Stock, gleich über Sun Myung Muns Schlafzimmer, war eine Bowlingbahn angelegt worden. Wir benutzten sie als Lagerraum. Hyo Jin, ich und die Kinder zogen ins Haupthaus, als die Wahren Eltern ihr neues Heim bezogen.

Ende 1992 eröffnete mir Mrs. Mun, daß ich sie erneut ins Ausland begleiten sollte, diesmal auf eine Rundreise durch Europa. Ich hatte aufgrund meiner inzwischen fortgeschrittenen Schwangerschaft ständig mit großer Müdigkeit zu kämpfen und wußte, daß ich den Anforderungen einer Reise sowie der persönlichen Betreuung Mrs. Muns nicht gewachsen sein würde. Sie und Hyo Jin waren außer sich, als ich es ablehnte, sie zu begleiten. Ich weiß, daß sie, was dann geschah, als Strafe Gottes für meinen Hochmut ansahen.

Im Januar 1993 war eine Ultraschalluntersuchung für mich angesetzt. Ich wußte aufgrund seiner lebhaften Bewegungen, daß das Baby kräftig war. Ich lächelte beim Anblick der strampelnden Arme und Beine auf dem Ultraschallmonitor. »Sieht gut aus«, sagte der Arzt, als er mit dem Schallkopf über meinen gewölbten Bauch fuhr. Plötzlich gefror sein Lächeln. »Wir haben ein Problem«, sagte er leise. Auf sein Gesicht trat ein so bedrückter Ausdruck, daß ich wußte, daß ich die Antwort auf die unausweichliche Frage gar nicht hören wollte.

»Was ist denn?« Sekunden, die mir vorkamen wie Stunden, verstrichen. »Der Fötus hat kein Gehirn.«

»Was? Wie sollte das Baby derart strampeln können, wenn es kein Gehirn hätte?« Die Tritte waren nur ein Reflex. Das Baby hatte außerhalb des Mutterleibs keinerlei Überlebenschance. Ich weinte so fürchterlich, daß der Doktor mich durch eine Hintertür hinausließ. Ganz sicher wäre ich ein erschütternder Anblick gewesen für die anderen Schwangeren im Wartezimmer. Ich saß lange reglos in meinem Wagen, ehe ich mich soweit wieder gefaßt hatte, daß ich heimfahren konnte. Als ich nach Hause kam, hatte Hyo Jin sich im Elternschlafzimmer eingeschlossen. Ich wußte, was das bedeutete: Er schnupfte wieder einmal Kokain. Ich rief meine Mom an. Ich konnte es nicht aussprechen, sagte nur »Es stimmt etwas nicht mit dem Baby«, dessen Tritte ich nach wie vor in meinem Bauch fühlen konnte.

Mein Arzt und ich stimmten überein, daß es für meine Kinder ein traumatisches Erlebnis wäre, wenn ich ein Baby zur Welt brächte, das nicht überleben würde. Um ganz sicher zu gehen, ging ich noch zu einem zweiten Arzt, aber er bestätigte die Diagnose. Ich fuhr selbst ins Krankenhaus, wo die Abtreibung vorgenommen werden sollte. Hyo Jin wollte nicht mitkommen.

Die Schmerzen und das Gefühl des Verlustes waren noch viel schlimmer als ich erwartet hatte. Ich mußte zu Hause anrufen und ihn bitten, mich abzuholen. Er schien sich auf der Heimfahrt, auf der wir kein Wort sprachen, über meine Tränen zu ärgern. Ich zog in Shin Junes Zimmer. Ich war einsam und wütend. Warum hatte das geschehen müssen? War Hyo Jins Drogenmißbrauch Schuld an der Mißbildung? War es die Strafe Gottes, weil es mir nicht gelungen war, Hyo Jin zu ihm zurückzuführen?

Mrs. Mun war ärgerlich, weil ich nicht bei Tisch erschienen war, um sie zu bedienen. Ich flehte Hyo Jin an, seinen Eltern die Einzelheiten unseres Verlustes zu verschweigen. Für mich war das etwas zu Persönliches. »Kannst du ihnen nicht einfach sagen, ich hätte eine Fehlgeburt gehabt?« bettelte ich. In Jin hatte gerade ihr viertes Kind bekommen, und es zerriß mir förmlich das Herz, das Schreien ihres Neugeborenen in dem Haus zu hören, das wir nun gemeinsam bewohnten. »Du verlangst von mir, die Wahren Eltern zu belügen?« fragte Hyo Jin empört. Ich wollte nur meine Ruhe, aber ich hätte wissen müssen, daß das zuviel verlangt war auf dem Mun-Anwesen. Er erzählte Wahre Mutter alles.

Mrs. Mun war wütend, daß ich nichts gesagt hatte. Das bestätige, wie wenig vertrauenswürdig ich sei. Ich sei hinterhältig, ein Werkzeug meiner Eltern, die versuchten, das Werk der Wahren Eltern zu untergraben. Von da an hagelte es unablässig Kritik gegen mich und meine Eltern. Bei den sonntäglichen Gottesdiensten wurde ich als Tochter von Werkzeugen des Satans angeprangert. Um meinetwillen machte es mir nicht viel aus, aber ich war wütend, daß meine Kinder sich solch häßliche Lügen über ihre Großeltern anhören mußten.

Meine Eltern waren anständige Leute, die ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder Sun Myung Mun gewidmet hatten. Der Lohn für ihre fehlgeleitete Aufopferung war öffentliche Ächtung. 1993 erlitt mein Vater einen Schlaganfall und wurde von den Muns seines Postens als Vorsitzender der Vereinigungskirche in Europa enthoben. Er kehrte heim nach Korea, wo er von der religiösen Bewegung geächtet wurde, an deren Aufbau er und meine Mutter nicht unerheblich mitgewirkt hatten.

Hyo Jin fühlte sich von Vaters Angriffen gegen meine Eltern ermutigt und behandelte mich noch schlechter als bisher. 1993 lebte Hyo Jin in einem permanenten Kokainrausch. Er schloß sich tagelang in unserem Schlafzimmer ein und zwang mich, meine Kleider in den Schränken meiner Kinder unterzubringen und bei ihnen zu schlafen.

Eines abends rief er mich zu sich, nachdem er eine ganze Woche hindurch Koks geschnupft und Pornos gesehen hatte, aber ich weigerte mich, zu ihm zu gehen. Fluchend und Obszönitäten brüllend kam er herunter in den Raum, den wir für Kirchenunterricht benutzten. Er warf den Couchtisch um, drängte mich in eine Ecke des Raumes und drückte mich gegen die Wand, sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt.

Ich lief zum Telefon, um 911 zu wählen. »Ich rufe die Polizei«, drohte ich, aber er schlug mir nur den Hörer aus der Hand. »Wie kannst du es wagen, mir mit der Polizei zu drohen?« schrie er. »Die hat hier keinerlei Autorität. Glaubst du, ich hätte Angst vor der Polizei? Ich? Der Sohn des Messias?« Ich wußte nicht, was er als nächstes tun würde, und so fing ich an, so laut ich konnte um Hilfe zu rufen. Die Tür zum Klassenzimmer stand weit offen. Ich wußte, daß die Wachleute, die Küchenschwestem und die Kinderfrauen mich hören konnten. Niemand kam. Wer hätte schon den Mut aufgebracht, sich mit Hyo Jin Mun anzulegen? Wer hätte mich vor dem Sohn des Messias beschützen können? Er lachte angesichts meiner sinnlosen Schreie und verließ angewidert den Raum. Ich rief meinen Bruder Jin an und sagte ihm, daß ich die Polizei einschalten würde.

In Tränen aufgelöst stolperte ich ins Foyer. Dort sah ich auf der Treppe drei meiner Kinder. Sie hockten aneinandergedrängt da und weinten. »Geh nicht weg, Mommy«, schluchzten sie, als ich die Haustür ansteuerte. »Ich bin gleich wieder da, keine Angst«, sagte ich leise und trocknete zunächst ihre Tränen.

Dann fuhr ich geradewegs zur Polizeiwache von Irvington. Als ich auf den Parkplatz einbog, wußte ich jedoch nicht, was ich tun sollte oder warum ich eigentlich gekommen war. Ich zitterte immer noch vor Angst und Wut. Ich saß lange da und betete zu Gott, er möge mir den Weg weisen. Die vergangenen elf Jahre hindurch hatte ich meine Gefühle für mich behalten und meine Lebensumstände verschwiegen. Was machte ich hier vor der Polizeiwache? Ich weinte, als der wachhabende Beamte vorn am Tresen aufblickte. »Ich glaube, ich brauche Hilfe«, sagte ich. Er führte mich in einen Nebenraum und hörte geduldig zu, während ich ihm berichtete, was passiert war. Er kannte die Adresse. Der Familienname war ihm ebenfalls vertraut. Ich sah ihm an, daß er nicht überrascht war.

Ob ich irgendwo hin könne, wollte er wissen. Ob ich in der Nähe Verwandte hätte? Ich hatte nur meinen Bruder, der in Harvard studierte, aber ich wollte Jin und Je Jin nicht in diese Sache hineinziehen. Sie hatte ihre eigenen Schwierigkeiten mit ihren Eltern; ich wollte sie nicht auch noch mit meinen Problemen belasten.

Der Polizist war freundlich und geduldig. Er zählte mir meine Möglichkeiten auf: Ich konnte Hyo Jin wegen tätlichen Angriffs anzeigen oder mit meinen Kindern in ein Frauenhaus gehen. Ich dankte ihm, wußte aber im Grunde meines Herzens, daß ich nichts dergleichen tun würde. Und so blieb es bei einer polizeilichen Meldung. Nicht, daß ich nicht hätte Weggehen wollen – mir fehlte nur der Mut. Ich hatte schreckliche Angst davor, nach East Garden zurückzukehren, aber auf der Polizeiwache wurde mir bewußter denn je, daß ich nirgendwohin konnte.



Hyo-Jin, unsere vier Kinder und ich im November 1990 in unserer Suite des New Yorker Hotels in Manhattan. Wir tragen die religiösen Roben der Vereinigungskirche. Einfache Mitglieder tragen weiße Roben, während jene der Familie von Sun Myung Mun mit Goldlitzen verziert sind.


Deutsch

Nansook – Ich schaue nicht zurück, Teil 1

Nansook – Ich schaue nicht zurück, Teil 2

Nansook – Ich schaue nicht zurück, Teil 4

Niederschrift von Sam Parks Video


Englisch

Nansook Hong gives three interviews

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 1

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 2

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 3

Nansook Hong – In the Shadow of the Moons, part 4

Whitney Houston a no-show at Moon’s mass wedding ceremony


Französisch

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 1

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 2

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 3

« L’ombre de Moon » par Nansook Hong, partie 4


Spanisch

Nansook Hong entrevistada

‘A la Sombra de los Moon’ por Nansook Hong


Japanisch

Nansook Hong’s interview on ‘60 minutes’ translated into Japanese

TV番組「60分」で洪蘭淑インタビュー

わが父文鮮明の正体 – 洪蘭淑

わが父文鮮明の正体 – 洪蘭淑 4

文鮮明「聖家族」の仮面を剥ぐ – 洪蘭淑